Vom Fallen und Wiederaufstehen

Scheitern: Muss das sein? Ist es endgültig? Was empfinden wir als Versagen, und wie gehen wir damit um?

Uns imponiert die Show, aber fragen wir auch, wie viel Schweiß sie kostet? – Will sagen: Wir erfreuen uns an einem gültigen Ergebnis, sehen den fertigen Film, bewundern eine geniale Erfindung, kaufen ein neues Produkt, profitieren von einem wirksamen Medikament. Aber wie viele Anläufe dazu nötig waren, bemerken wir in den seltensten Fällen. Dabei gehörten all die in der Tonne gelandeten Fehlversuche zur Entwicklung dazu. Sie haben das Hervorbringen von etwas Brauch- und Vorzeigbarem erst möglich gemacht.
Ist nun aber jeder Fehlversuch gleich ein Scheitern? Das hängt von vielen Faktoren ab. Auch von meinen Erwartungen. Von Erwartungen oder Anforderungen anderer. Vielleicht wollte ich meine Grenzen nicht wahrhaben, vielleicht habe ich mich überschätzt, etwas Wichtiges übersehen oder die Rahmenbedingungen falsch eingeordnet. Vielleicht ist aber auch etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen oder die Voraussetzungen haben sich geändert. Es lohnt, genau anzuschauen, was zum Misserfolg beigetragen hat. Denn nur dann können wir das Unterfangen beim nächsten Mal anders angehen.

Fehlversuche: “Wie viele Anläufe waren nötig?” – Bild: (c) Wachiwit (iStock)

Fußballmannschaften, die verlieren, werden von ihren Fans ausgebuht. Politiker, die Fehler machen, müssen Kritik aus der eigenen Partei, der Wählerschaft, der Opposition und von den Medien einstecken. Und je weniger sie dazu stehen, desto mehr. Eine geringe Fehlertoleranz mag in einem Unternehmen auch positive Auswirkungen haben: Wenn es dazu führt, dass die Mitarbeiter vorwegnehmen, was schief gehen könnte, und daraus Schlüsse ziehen, die Missstände vermeiden. Eine Gesellschaft jedoch, die kein Scheitern zulässt, weil Wettbewerb, Leistung und Perfektion zu den höchsten Werten zählen, kann unbarmherzig sein: wenn sie dazu tendiert, Menschen, die Niederlagen und Misserfolge erleiden, zu diskriminieren und auszustoßen. Warum nicht einfach zugestehen, dass jedem ein Missgeschick unterlaufen und dass ein Vorhaben auch mal schiefgehen kann? Dann kann ihnen leicht eine zweite Chance zukommen. Wo sie hingegen als unzumutbar, unfähig, faul oder Versager abgestempelt werden, ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen Versagensängste entwickeln und sich ihres Scheiterns schämen. Aus Scham oder Angst, an den Pranger gestellt zu werden, behalten Einzelpersonen wie auch Forscher und Unternehmen Irrtümer und Fehlversuche lieber für sich und geben nur den Erfolgen eine Bühne. Damit wiederum bringen sie andere um die Chance, daraus zu lernen. So ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass unterschiedliche Leute oder Institutionen die gleichen Fehler unnötigerweise erneut begehen.
Wie mit Rückschlägen umgehen? Manche suchen die Ursachen grundsätzlich bei sich selbst. Das kann dazu führen, dass sie sich für unfähig und ungeeignet halten und ihre Talente und Möglichkeiten nicht weiterentwickeln. Manche suchen dagegen die Schuld immer bei anderen und stellen sich dem eigenen Anteil nicht. Was ebenso darauf hinauslaufen kann, dass sie nicht an sich arbeiten und sich nicht verändern.
Verständlich, dass ein Misserfolg am Selbstwert kratzt. Psychologen raten, die Situation bewusst anzuschauen, Gefühle wie Wut, Trauer, Scham zuzulassen, Fehler klar zu benennen und zu ihnen zu stehen. Dabei aber auch einzuüben, Leistung und Selbstwertgefühl zu entkoppeln: Man kann etwas falsch gemacht haben, muss deswegen aber noch lange kein „Loser“ sein. Scheitern ist kein Grund, sich grundsätzlich infrage zu stellen.
Den nötigen Abstand zur eigenen Situation zu gewinnen, braucht Zeit. Dabei kann es helfen, das Gespräch mit erfahrenen Leuten oder mit Personen seines Vertrauens zu suchen. Sie können dazu beitragen, nach einer Zeit des Wundenleckens wieder erhobenen Hauptes nach vorn zu schauen; herauszufinden, wo genau das Manko lag, wo es wieder auftreten kann, was man trotz allem gut und richtig gemacht hat und welche Lehren zu ziehen sind; oder auch zu entscheiden, welche Veränderungen oder ob ein grundsätzlicher Kurswechsel oder Neuanfang dran sein könnten.
Um eine Erfahrung reicher geworden zu sein, darauf darf man stolz sein. Scheitern zeugt davon, dass man Pläne und Ideen hat und umsetzen will. Wer nichts wagt, wird kaum scheitern. Fehler begangen und sie reflektiert zu haben, kann zudem bewirken, dass man seine Grenzen besser kennenlernt und feinfühliger und verständnisvoller mit den Fehlern anderer umgeht. So kann Scheitern ein Schritt sein, um auf dem Weg zum Ziel voranzukommen. Wie die Wehen und Schmerzen einer Geburt, durch die eine neue Kreatur zur Welt kommt.

Foto: (c) michael-schiffer (unsplash)

Fehler passieren in der Natur zum Beispiel in Form von Veränderungen, Abweichungen von der Norm in der Erbinformation. Oft sind sie in der Natur nicht „sinnlos“, sondern Teil von Entwicklungsprozessen. „Die Evolution ist die größte Fehlerverwertungsmaschinerie überhaupt“, schreibt Claudia Wüstenhagen vom Magazin „ZEIT Wissen“ schon 2013 in einem Artikel: „Zufällige Mutationen im Erbgut führen zu einer aberwitzigen Vielfalt von Variationen, die sich in der jeweiligen Umwelt bewähren müssen. Manche verschwinden schnell wieder, andere werden zu Erfolgsmodellen, wieder andere zu Spezialanwendungen für Nischen.“
Für jemanden, der mitten in einem Desaster steckt, ist von einer Lernerfahrung freilich häufig noch nichts zu erkennen. In dem Moment will man von einer Chance im Scheitern nichts hören. Und bei so mancher Scheitererfahrung gibt es tatsächlich nichts zu lernen. Da bleibt nur, sie auszuhalten, zu ertragen. Christen mögen sich dann an Jesus erinnert fühlen, der sich verraten fühlte, verlassen, der gefoltert, dem Tod ausgeliefert, am Kreuz hing. Die Erinnerung, dass auch er absolutes Scheitern erlebt hat, kann vermitteln, dass er in aller Ausweglosigkeit zur Seite steht, und Rückhalt geben, um die problematische Situation durchzustehen. Viele schöpfen aus dem Glauben an seine unerwartete Auferstehung Hoffnung, dass es trotz allem weitergeht, wenn vielleicht auch ganz neu und anders als erwartet.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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