Wir sind ja so ahnungslos

Zwei Monate waren Brigitte und Gerhard Horneber im Südosten Europas unterwegs. Was sie dort erlebten, hat sie überrascht und manchmal auch erschüttert.

Foto: privat

„Das ist mit der ‚Macht des Kreuzes‘ nicht gemeint!“ Sichtlich erschüttert blicken Brigitte und Gerhard Horneber auf das weiße Metallkreuz. 33 Meter ragt es in die Höhe. Im Jahr 2002 auf dem Berg Hum errichtet, ist es in der ganzen Altstadt von Mostar zu sehen.
„Das Kreuz ist ein Zeichen dafür, dass Jesus Christus den Weg der Schwäche gewählt hat, um die Welt zu erlösen“, meint Gerhard Horneber. „In dieser geteilten Stadt muss ein solch monumentales Kreuz hingegen wie eine Machtdemonstration der Christen wirken.“
In Mostar leben genauso viele katholische Kroaten wie bosnische Muslime, jeweils knapp 50 000. Die größte Stadt der Herzegowina im Süden Bosniens ist eine der letzten Etappen auf einer zweimonatigen Reise, die das Ehepaar Horneber über Ungarn, Serbien und Bulgarien nach Griechenland geführt hat und von dort über Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Kroatien und Slowenien wieder zurück nach Deutschland.
Mostar galt über Jahrhunderte als Brückenstadt, in der Christen und Muslime im Frieden lebten. Sogar ihren Namen hat sie von der „Stari Most“, der alten Steinbrücke, die sich über den Fluss Neretva spannt. Doch der Bosnienkrieg (1992-1995) hat zu einer radikalen Trennung geführt: Nach Angaben des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina leben 95 Prozent der Kroaten im westlichen und 95 Prozent der Bosniaken im östlichen Teil der Stadt. Viele haben die Brücke in ihrem Leben nicht ein einziges Mal überquert.

Foto: privat

Besonders traurig ist für Brigitte (65), dass auch die nächsten Generationen auf Abgrenzung hin erzogen werden. Die Schulen der Stadt werden entweder von Kroaten oder von Muslimen besucht. Einzig das Gymnasium beherbergt Schüler beider Gruppen, doch sie werden nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet. Alles Bemühen, wenigstens die naturwissenschaftlichen Fächer gemeinsam zu unterrichten, wird von den lokalen Politikern bisher erfolgreich torpediert.
Zum Abschluss ihres Mostar-Aufenthaltes fahren die Hornebers hoch auf den Berg. Unter dem Kreuz stehend schauen sie auf die Stadt hinunter und beten ein ihnen sehr vertrautes Gebet. In ihrem Wohnort Ottmaring beten sie es jeden Tag um elf Uhr. Brigitte und Gerhard gehören zur Vereinigung vom gemeinsamen Leben, einer der beiden Gemeinschaften, die das Ökumenische Lebenszentrum Ottmaring in der Nähe von Augsburg tragen.
„In diesem Einheitsgebet heißt es: ‚Herr Jesus Christus, wir beten Dich an und danken Dir, denn durch Deinen Opfertod am Kreuz hast Du die Welt erlöst‘“, erläutert der 68-jährige Gerhard Horneber. „Und weiter: ‚Vereinige uns alle mit Dir und miteinander in der einen, alle und alles umfassenden, unzertrennlichen Liebes- und Lebensgemeinschaft Deines heiligen Herzens.‘“
So verbinden sich in diesem Moment des Gebetes die Ohnmacht angesichts der Spaltung mit dem Vertrauen, dass Jesus auch diese Situation bereits erlöst hat.
Brigitte und Gerhard Horneber reisen gerne. „Länder sammeln“ sei ein Hobby ihrer Familie, meint die ehemalige Lehrerin schmunzelnd. „Ein Land kommt dann auf die Liste, wenn wir dort mindestens einmal übernachtet haben.“
Beide stammen aus der Nähe von Nürnberg in Mittelfranken. Sie haben 1977 geheiratet und vier inzwischen erwachsene Kinder und ein erstes Enkelkind. Gerhard ist Volksschullehrer, Brigitte Erzieherin und Lehrerin für Religion. Zwischen 1993 und 2007 arbeiten sie gemeinsam an der kurz zuvor gegründeten Evangelischen Schule Ansbach; Gerhard als Leiter und Brigitte in der Schulentwicklung. Hier können sich beide mit ihren Stärken einbringen: „Gerhard hat die Schule besonnen geleitet, während ich verrückte Ideen entwickeln konnte“, beschreibt Brigitte die Situation mit ihrem spitzbübischen Lächeln.
Beide haben ihre geistliche Heimat in der „Vereinigung vom gemeinsamen Leben“. 1928 gegründet, war sie während der Naziherrschaft verboten. 1947 wiedergegründet, ist sie ein Zusammenschluss von Christen aller Bekenntnisse, die sich gedrängt fühlen, die von Jesus Christus erbetene Einheit und Lebensgemeinschaft aller Christusgläubigen im Dreieinigen Gott zu bezeugen, ihr zu dienen und sichtbaren Ausdruck zu geben.
Brigitte erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit der Vereinigung in deren schweizerischem Ursprungsort Nidelbad oberhalb des Zürichsees. Einer der Brüder dort sagte ihr: „Im Himmel werden wir alle miteinander leben. Das sollten wir jetzt schon einüben.“ Dieses „alle“ hat Brigitte damals tief getroffen und prägt sie bis heute.
2007 folgen die Hornebers einer in der Stille gewonnenen inneren Klarheit und ziehen zunächst nach Friedberg und 2009 nach Ottmaring. Dort gehört Gerhard zum Vorstand der Vereinigung und Brigitte zum Leitungsteam des Ökumenischen Lebenszentrums. Außerdem engagieren sie sich in ihrer Kirchengemeinde: Beide leiten einen Hauskreis, Brigitte ist auch Prädikantin, steht also unter anderem Abendmahlsgottesdiensten vor.
Vor zwei Jahren sind sie gleichzeitig in den Ruhestand gegangen. „Aufbruch in die neue Freiheit“ haben sie den neuen Lebensabschnitt betitelt, der es ihnen auch erlaubt, mehr zu reisen. So machen sie sich Anfang April 2019 mit dem Auto auf den Weg auf den Pilion, einer griechischen Halbinsel zwischen Thessaloniki und Athen, wo sie drei Wochen ausspannen.

Plitvicer Seen. – Foto: privat

Die Rückreise über den Balkan bietet die Gelegenheit, eine ganze Reihe von „Ländern zu sammeln“. Als sie vom Pilion aufbrechen, haben Hornebers jedoch keine Vorstellung davon, wie sehr diese Maitage sie prägen werden. Sie hatten sich informiert, hatten sich während des Bosnienkrieges um Flüchtlinge gekümmert. Und dennoch: „Rückblickend könnte über unserer Reise stehen: ‚Wir sind ja so ahnungslos!‘ Informationen aus Presse und Fernsehen reichen nicht aus, um zu erahnen, wie es den Menschen geht.“
Über die griechischen Städte Athen, Korinth und Mykene sowie das nordmazedonische Ohrid kommen sie in die albanische Hauptstadt Tirana. Hier wohnen sie bei einem Ehepaar, das einige Jahre in Deutschland gelebt hat und erfahren eine Herzlichkeit und Wärme, die sie sehr genießen.
Überhaupt: Es ist ihnen wichtig zu betonen, wie viel atemberaubender Schönheit und wie viel natürlicher Gastfreundschaft sie auf ihrer Reise begegnet sind: Da ist das bis zu 7000 Jahre alte Kunsthandwerk in Mykene; da ist die herzliche Aufnahme der griechisch-orthodoxen Schwestern im Kloster zum Heiligen Georg bei Karditsa; da ist der Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien mit seinen kaskadenförmig angelegten Seen und seiner riesigen Zahl an Wasserfällen. Und da ist das chinesische Puppentheater auf dem zentralen Platz von Tirana, dessen Harmonie und Anmut sie auch deshalb so beeindrucken, weil sie am gleichen Tag einen Ort besucht haben, der sie – ähnlich wie später Mostar – tief erschüttert: die Gedenk- und Ausstellungsstätte BUNK’ART, die die Erinnerung an die wechselvolle Geschichte Albaniens im 20. Jahrhundert, insbesondere an das kommunistische Regime von 1944 bis 1990, wachhalten möchte. So zeigt sie, wie der Diktator Enver Hodscha (1908-1985) mithilfe der Geheimpolizei Sigurimi wirkliche und vermeintliche Gegner systematisch verfolgen und oft auch töten ließ. Wie der Name schon erkennen lässt, ist BUNK‘ART in unterirdischen Bunkern entstanden, wie sie der zunehmend unter Verfolgungswahn leidende Hodscha zwischen 1972 und 1984 zu Hunderttausenden errichten ließ.

Gedenk- und Ausstellungsstätte BUNK’ART in Tirana. – Foto: (c) visit-tirana.com

In einem der Räume wird auf verstörende Weise der etwa 6000 von der Geheimpolizei Getöteten gedacht. Angesichts dieses, so Gerhard Horneber, „Abgrunds an Bosheit“ reagieren die Ehepartner sehr unterschiedlich. Während Gerhard auch hier das Einheitsgebet spricht, weil er spürt, welche Kraft es haben kann, an einem Ort zu beten und nicht nur für einen Ort, muss Brigitte erst einmal der Erschütterung nachspüren: „Wie wenig kann man dagegen tun, wenn jemand mit allen Mitteln an der Macht festhält, weil er anderes nicht zulassen kann.“
Hodschas Kampf gegen alles ihm Fremde richtete sich nicht nur gegen politische Gegner, sondern auch gegen die Religionen. 1967 erklärte er Albanien zum „ersten atheistischen Staat der Welt“. Er ließ Gotteshäuser, Kirchen und Moscheen zerstören und viele Geistliche verhaften. Jegliche Ausübung von Religion war verboten.
Wer heute nach Tirana kommt, findet im Zentrum der Stadt in unmittelbarer Nähe zueinander neu erbaute, große und prächtige Gotteshäuser: die katholische Paulus-Kathedrale von 2002; die 2012 eröffnete orthodoxe Kathedrale der Auferstehung Christi und – ganz neu – die von der Türkei finanzierte „Große Moschee“, das größte islamische Gotteshaus auf dem Balkan.
Zunächst nimmt Brigitte Anstoß an diesen Bauten. Hat das Land nicht größere Probleme als repräsentative Gotteshäuser zu bauen? Wäre das Geld nicht besser für Krankenhäuser, Schulen und die Bekämpfung der Armut ausgegeben worden? Symbolisch für diese Spannung steht für sie die kleine Statue von Mutter Teresa vor der großen Fassade der Paulus-Kathedrale. Und: Spricht aus diesen Bauten das Bedürfnis, sich voneinander abzugrenzen und gegenseitig zu übertrumpfen?
Diese Sorge erweist sich als unbegründet. Ausgerechnet der einst erste atheistischen Staat der Welt kann Europa in Zeiten von religiösem Extremismus ein Vorbild sein. „Wir können etwas sehr Wichtiges anbieten“, sagte Artur Kuko, Botschafter der Republik Albanien in Deutschland, vor einiger Zeit der Berliner Zeitung und meint das Miteinander von Sunniten, alevitischen Bektaschi, römisch-katholischen sowie orthodoxen Christen.
Einen nicht unerheblichen Beitrag zu diesem Miteinander hat der inzwischen 90-jährige Metropolit der orthodoxen Kirche von Albanien, Anastasios Yannoulatos, geleistet. Dafür wurde ihm am 14. Februar der Klaus-Hemmerle-Preis 2020 überreicht .
Beten und Suchen sind wesentliche Kennzeichen glaubender Menschen. Von beiden Aspekten sind Brigitte und Gerhard geprägt, wobei bei ihm eher das Beten, bei ihr eher das Suchen im Vordergrund steht.
Das zeigt sich auch, als sie zu Hause auf ihre Erfahrungen zurückblicken. „Schon unterwegs habe ich mir viele Fragen gestellt“, meint Brigitte. „Wie viel tragen wir Christen zur Versöhnung auf dem Balkan bei? Oder vertiefen wir die Spaltung noch?“ Nach der Reise sind die Fragen nicht weniger geworden: Was passiert bei uns? Wie wach nehmen wir Ausgrenzung wahr? Was können wir dazu beitragen, dass Herzensbildung geschieht und viele Menschen Verantwortung für das Gemeinsame übernehmen?
„Mein Blick auf Europa hat sich geändert,“ sagt Gerhard. „Und mein Beten ist umfassender geworden.“ Alle Menschen seien im Herzen Gottes. Es gelte, „versöhnende Kräfte zu erbitten, zu erflehen, zu erwarten“. Das Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“ stehe über all dem Wahnsinn, den die Welt erlebt. Dem kann Brigitte nur zustimmen. „Es geht darum, in allem dennoch zu glauben.“
Ihr Resümee? Wo das Herz weit wird, gibt es mehr Raum für die Schönheit, aber auch für den Schmerz. „Eine solche Reise macht das Leben deshalb nicht unbedingt nicht einfacher!“ Und dennoch: Ende 2020 soll es nach Südamerika gehen.
Peter Forst

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2020)
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