Führungsqualitäten für Afrika

Viele junge Afrikaner suchen ihr Glück in Europa, um Armut und Chancenlosigkeit zu entfliehen. Zugleich rüsten sich andere dafür, die Situation in ihren Heimatländern zu verbessern.

Eine Gruppe junger Akademiker hat dazu ein Schulungsprogramm aufgelegt, das weg von der Idee starker Führungspersonen hin zu einem gemeinschaftlichen Leitungsstil führt: ein länderübergreifendes Pilotprojekt.

Die „Sophia“ verwirrte sie zunächst. Von einer Uni hatten sie unnahbare Professoren, einsame Büffler, graue Studentenheime, Leistungsdruck, eisigen Wettbewerb erwartet. So hatten sie Bildungsstätten bisher erlebt. Melchior, Gloria, Martine, Gaudensia, Pierre, Godelive, Purcherie, Esther und Mabih kommen aus Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, der Elfenbeinküste, Kamerun und Kenia. Sie waren 2014 und 2015 zum Aufbaustudium an das Universitätsinstitut „Sophia“ in der Nähe von Florenz gekommen.

Alle Fotos: (c) T4NA/Papp Gabor

Die „Sophia“ war so anders! Dort ging es nicht nur um Wissen; es ging um das Leben. Die Dozenten wollten sogar von den Studierenden lernen. Die Wissensgebiete bereicherten einander. In Wohngemeinschaften waren junge Leute aus aller Welt zusammengewürfelt; im täglichen Umgang lernten sie andere Kulturen wertschätzen, angefangen bei ihrer Küche. Anderssein wurde respektiert; hier lernten sie, wie Beziehung gelingen kann. Diese Erfahrung verwandelte, verlieh ihnen quasi eine neue Identität: als „Sophianer“.
Ihr Kontinent hingegen war zum Weglaufen: Regierungen und Konzerne gieren nach Bodenschätzen. Manche stacheln dafür Konflikte mit zahllosen Opfern an. Wahlsiege werden missbraucht, einzelnen ethnischen Gruppen Ressourcen zu sichern. Öffentliche Einrichtungen leisten kaum Dienste ohne Schmiergeld. Verkorkste Machtsysteme stärken Kartelle. Und das Volk hat das Nachsehen.
Der Kitt der Gesellschaft bröckelt: Alte Werte und Institutionen scheitern an den Herausforderungen globaler Verkettung. Internet und Organisationen importieren Individualismus, Konsum- und Genusssucht. Die höhlen die lebenswichtige Solidarität aus. Opfer sind vor allem die Jungen. Die meisten haben kaum Perspektiven. Mit Geld und Versprechungen werden viele für politische Zwecke eingespannt, auch von Terroristen.
Weglaufen wie Millionen Afrikaner war für die Studierenden der „Sophia“ aber keine Option. Die Erfahrung dort hatte ihr Potenzial freigesetzt. „Zurück nach Afrika!“ wurde ihr Motto: Zurück, um ihr Land aufzubauen, die gemeinschaftsfördernden Werte wiederzubeleben, viele junge Leute für ihre Vision zu begeistern und sich zu vernetzen mit allen, die Afrika erneuern möchten: Das war ihr Traum!

Dem Träumen folgten vier Jahre Denken, Planen und Vernetzen. „Wir fragten uns: Wie können wir unsere Erfahrung von der ‚Sophia’ jungen Afrikanern vermitteln?“, so der Politologe Melchior Nsavyimana. Der Burundier ist eine treibende Kraft des Projekts. Die Initiatoren machten als Wurzel vieler Übel in ihren Ländern „bad leadership“ aus, Führungsschwäche auf allen Ebenen. So schälte sich die Idee eines dreijährigen Schulungszyklus für junge Führungskräfte heraus: Verantwortung übernehmen lernen im Stil der „Sophia“, die auf Wertevermittlung, Begegnung, Dialog und Praxis setzt. Drei zehntägige regionale Sommerschulen sollten mit lokalen Aktivitäten abwechseln, bei denen die Teilnehmer das Gelernte umsetzen können. Tutoren sollten die Studierenden begleiten. Die Initiatoren haben ganz Afrika im Auge, fingen aber zunächst mit Ostafrika und der Demokratischen Republik (DR) Kongo an.

Die Idee begeisterte: zuerst die Professoren der „Sophia“, dann afrikanische Dozenten – allen voran Justus Mbae, damals Rektor der Katholischen Universität von Ostafrika in Nairobi. Sie überzeugte die UNESCO und deren Nationale Kommission in Kenia wie auch die Fokolar-Bewegung mit dem „Forum Politik und Geschwisterlichkeit“ und der Nichtregierungsorganisation „New Humanity“. Die Siedlung „Mariapolis Piero“ in Kenia bot sich als Austragungsort an. Dort leben Menschen aus über zwanzig Ländern zusammen. Seit einem Vierteljahrhundert erproben sie im Alltag eine Kultur der Einheit.
Im Januar 2018 tauften etwa 35 Dozenten und potenzielle Tutoren den Traum „Together for a New Africa“ (T4NA). Im Herbst ermöglichte eine stattliche Spende aus Österreich seine Verwirklichung.

Am 1. Januar 2019 hatten die „Sophianer“ sie endlich vor sich: Hundert junge Führungskräfte reisten aus Kenia, Tansania, Uganda, Ruanda, Burundi, Südsudan und der DR Kongo zur ersten Sommerschule an – manche drei Tage im Bus. Die Beziehungen zwischen diesen Ländern seien schwierig, erklärt Melchior: „Burundi und Ruanda sprechen nicht miteinander. Kongolesen und Ruandesen sind Feinde.“ Südsudan war im Bürgerkrieg. Auch zwischen Ruanda und Uganda knirscht es. Zu erleben, wie junge Leute dieser Länder miteinander umgehen und die Schönheit der jeweils anderen entdecken, war für Melchior ein Wunder.
Im ersten Training ging es um Grundwerte, die Erfahrung an der „Sophia“, die Kultur der Einheit und „Ubuntu“, das in Afrika geläufige Lebensverständnis „Ich bin, weil WIR sind.“ Amandine Irakoze aus Burundi kommentierte: „Wenn wir die Werte umsetzen, die wir hier lernen – Ubuntu, Zuhören und weise leben – verhalten wir uns anders und bauen so ein neues Afrika auf.“
Zurück in ihren Ländern organisierten die Trainees Konferenzen, Marathonläufe, Sensibilisierungs- und Spendenkampagnen, soziale und ökologische Aktionen. Über 5000 junge Leute haben so den Traum der „Sophianer“ kennengelernt.
Konkreter wurde es in der zweiten „Sommerschule“ vom 28. Dezember 2019 bis 5. Januar 2020. Es ging um Identität und Leadership: Afrika verändert sich rapide – wie sieht da gute Führung aus? Eine Spur legten unter anderem Natacha Razava und Prisca Maharavo aus Madagaskar. Die Doktorandinnen forderten einen Paradigmenwechsel: Die Idee starker Persönlichkeiten, die mit Charisma und Durchsetzungskraft leiten, sei veraltet. Heute seien Probleme miteinander vernetzt. Daher könne man sie nur gemeinsam lösen. Sie propagierten die Idee der „Ko’s“: Koordination, Ko-Governance, Ko-Leadership. 1)

Der Kurs hob ab auf gelungene Erfahrungen: Der algerische „Sophia“-Student Amine Sahnoudi erzählte, wie er junge Leute dafür begeistert, ihr Land mitzugestalten. Und Andrew Kwasare, Berater des Präsidenten von Nigeria, was er gegen Korruption tut.
Am Ende hatten viele Teilnehmer folgende Botschaft für die Verantwortlichen ihrer Länder: „Nur wenn wir zusammenhalten, können wir unsere Probleme lösen.“
Nach einem weiteren Jahr mit lokalen Aktionen sollte der erste T4NA-Zyklus mit der dritten Sommerschule schließen. COVID-19 stellt jedoch alle Pläne infrage. Die jungen Führungskräfte entmutigt das nicht. Im Gegenteil: Es entfesselt ihre Kreativität. In bisher drei Online-Konferenzen haben sie beraten, wie sie ihren Zeitgenossen helfen können, besonnen auf die Pandemie zu reagieren. Über soziale Medien starteten sie Sensibilisierungskampagnen. Die Entfernungen verblassen im virtuellen Raum; das Gefühl der Zusammengehörigkeit blüht auf.

„Together for a New Africa“ ist ein Pilotprojekt, eine Lernerfahrung. Da muss nicht alles perfekt klappen. Die Initiative kostet mehr Schweiß, als sich die „Sophianer“ vorgestellt hatten: Das Geld ist knapp; mehr Teilnehmer als erwartet steigen aus; der Lehrplan ist etwas improvisiert; es ist schwer, freiwillige Tutoren zu finden. Trotz allem hat T4NA etwas Prophetisches. Ein Same ist dabei, aufzugehen und Frucht zu bringen: eine bessere Zukunft für Afrika. Die Sophianer jedenfalls träumen weiter. Ihr nächstes Ziel: in Afrika einen Ableger des Universitäts-Instituts „Sophia“ gründen.
Ernst Ulz

„Together for a New Africa“ (T4NA)
ist eine Initiative afrikanischer Studierender des Universitätsinstituts „Sophia“, einer Einrichtung der Fokolar-Bewegung mit Sitz in Loppiano, Toskana, Italien. Sie möchte junge Erwachsene in Afrika befähigen, die Herausforderungen in ihren Ländern aktiv anzugehen. T4NA entwickelt, vermittelt und fördert durch Erfahrungen, Training, Begleitung und Vernetzung eine Kultur der Einheit im afrikanischen Umfeld.

www.togetherforanewafrica.org

1 Gemeinschaftliche Regierungs-, Amts- und Unternehmensführung (Governance) sowie Menschenführung (Leadership)

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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