Ich will mein Ändern leben

Seit Ausbruch der Pandemie hat die Niederösterreicherin Elisabeth Pohl immer wieder ihre Gedanken aufgeschrieben. Einige Ausschnitte.

Mit dem Wort „Corona-Krise“ und dem Gedanken, dass diese Krise auch etwas Gutes hat, tue ich mich schwer, sind doch eine schwere Erkrankung und vielfacher Tod ihr Ausdruck. Anfreunden kann ich mich mit der Idee, dass in dieser „unheimlichen“ Zeit viele „Wunder“ geschehen!
„Ich will mein Ändern leben.“ Das verlangt Kraft und Energie, die ich vielleicht nicht immer aufbringen kann. Aber ich möchte es gerne immer wieder versuchen, mit Entschiedenheit wachsam zu sein für Not wendende Veränderungen, soweit ich mit meinem Handeln darauf Einfluss habe. „Mein Ändern“ bezieht sich im Besonderen auf die Gestaltung meiner Beziehungen zu Familie und Freunden, aber auch zu Konsumverhalten und Solidarität für diese Welt.
Ich lebe in einem großen Haus mit Garten in Hausgemeinschaft mit meiner 91-jährigen Mutter. Das Zusammenleben verläuft nicht immer reibungslos. Hier sind mein Wille und meine Kraft zur Veränderung verlangt, dass diese Beziehung auch von Zuwendung und Wärme lebt. Hier bin für den Frieden ich verantwortlich.
Mit Sorge bemerke ich, dass die Lage der Geflüchteten durch die „Corona-Krise“ völlig in den Hintergrund gerückt ist. Unbehagen bereitet mir, dass viele Länder der Erde nicht diesen Gesundheits- und Lebensstandard haben, wie wir es kennen. Besorgt stimmt mich auch die rasch wachsende Zahl der Arbeitslosen in unserem Land.
Wie kann ich mich in all diesen Sorgen solidarisch zeigen? Vielleicht muss ich in manchem meine „Komfortzone“ verlassen und zumindest gedanklich mit den an den Rand Gedrängten verbunden sein. Was ich in jedem Fall tun kann, ist, das Gebet zu pflegen, damit die Verantwortlichen vom Heiligen Geist erfüllt „menschlich“ handeln.
Die Erfahrung der Isolation der letzten Wochen haben mich verstehen und spüren lassen, wie wertvoll und kostbar mir Bewegungsfreiheit und soziale Nähe sind. Mit Behutsamkeit habe ich meine Sozialkontakte wieder real werden lassen – ich habe Freunde besucht und eingeladen und dabei festgestellt, dass diese Begegnungen nicht selbstverständlich sind. Das Abstandhalten hat für mich auch etwas Positives – es hat mit Respekt für den Menschen neben mir zu tun. Das ist doch eine wertvolle Erkenntnis!
Für die kommende Zeit werden wir viel Weisheit brauchen, wie eine „neue Normalität“ gestaltet werden kann. Begleiten werden uns viele Probleme und Sorgen: Wie finanziert der Staat die zugesagten Unterstützungen? Finden die Arbeitnehmer wieder Arbeit? Können die kleineren Betriebe bestehen? Welche Arbeitsbedingungen entwickeln sich in der Zukunft? Kann Schule und Bildung im Herbst wieder gewohnt stattfinden? Wie geht es den alten und kranken Menschen? Mir stellen sich noch weitere Fragen: Wie leben wir miteinander? Haben wir Arme, Bedürftige, die Flüchtenden bereits aus den Augen verloren, und sind wir uns dessen bewusst, dass wir zu unserem Leben auch eine gesunde Natur brauchen?
Angesichts dieser vielen Fragen muss ich behutsam mit mir selbst umgehen, damit sie mich nicht erdrücken. Mit Vertrauen – auch in Gott – und Zuversicht will ich mich einlassen auf das, was kommen mag, und dort leben und lieben, wo Gott mich hingestellt hat.

Elisabeth Pohl, 60, ist begeisterte Pädagogin. Bereits im Ruhestand, engagiert sie sich für die Pädagogik in der Fokolar-Bewegung. In ihrem Heimatort Steinakirchen ist sie als Lese-/Lernpatin, im Dorferneuerungsverein sowie für Entwicklungen in der Pfarre tätig. Ein besonderes Anliegen sind ihr gelebte Beziehungen, um ein Stück Geschwisterlichkeit in die Gesellschaft zu bringen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
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