Ikone der Hoffnung

Offener Brief an Frau Swetlana Tichanowskaja

Sehr geehrte Frau Tichanowskaja!
Sie stehen für die Menschen in Belarus, die eine neue Regierung herbeisehnen. Für alle, die friedvoll für Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenwürde und ein Ende des Überwachungsstaats auf die Straßen gehen. Dabei gelten Sie als schüchtern und zurückhaltend. Dass Sie einmal im Rampenlicht stehen, hätten Sie wohl noch vor Kurzem für unmöglich gehalten.
Sie sind keine Politikerin: Als Ihrem Mann im Mai die Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen verwehrt und er inhaftiert wurde, haben kurzerhand Sie sich an seiner Stelle aufstellen lassen. Sie sind einfach Ihrem Gewissen und Verantwortungsgefühl gefolgt! Sie haben keine vollmundigen Wahlversprechen gemacht und wollen auch gar nicht Präsidentin werden. Ihre einzigen Ziele: politische Gefangene freilassen, die präsidiale Amtszeit begrenzen und ehrliche Neuwahlen ermöglichen, bei der alle Kandidaten teilnehmen dürfen.
Im Wahlkampf haben zwei Frauen Sie unterstützt: Veronika Zepkalo, deren Mann Waleri auch kandidieren wollte und nach Russland flüchten musste. Und Maria Kolesnikowa, Wahlkampfmanagerin von Viktor Babariko, der wegen angeblicher illegaler Geldgeschäfte in Haft sitzt. Nur fünf von 55 Gegenkandidaten wurden zugelassen, einzig Sie von der Opposition.
Nie zuvor in den 26 Regierungsjahren Lukaschenkos hatten die oppositionellen Kräfte im Land den Schulterschluss geschafft. Zehntausende sind Ihnen gefolgt zu den bisher größten Kundgebungen gegen den „letzten Diktator Europas“. Friedfertige Demonstranten und hemmungslos auf sie einknüppelnde Sicherheitskräfte: Die Bilder zeigen, wie weit sich der autoritäre Machtapparat vom Volk entfernt hat. Für zahlreiche Menschen im Land sind Sie eine Ikone der Hoffnung. Ihre Einfachheit und Gradlinigkeit machen ihnen Mut, trotz allem weiter zu demonstrieren.
Ihnen wurde mit Festnahme gedroht und mit dem Entzug Ihrer Kinder. Sieben Personen Ihres Mitarbeiterstabs wurden festgenommen: Auch psychisch enorm belastend, was Sie durchmachen müssen! Verständlich, dass Sie nach Ihrer Beschwerde bei der Zentralen Wahlkommission über das amtliche Ergebnis Belarus vorläufig verlassen haben. 80 Prozent der Wahlstimmen hätten angeblich Lukaschenko gegolten, Ihnen nur zehn: Nicht zum ersten Mal gibt es Anzeichen massiver Manipulationen!
Mitarbeiter großer Staatsbetriebe sind in Streik getreten. Aus Litauen haben Sie sich bedankt und zu neuen friedlichen Protesten aufgerufen. Der Staatsapparat solle die Gewalt beenden und sich auf einen Dialog einlassen. Sie seien dazu bereit.
Bisher lenkt Lukaschenko nicht ein. Wie es weitergeht, ist jetzt, Mitte August, schwer abzusehen: Wird er weiterhin Teile der Bevölkerung gewaltsam unterdrücken? Wird er Russland um militärische Unterstützung bitten? Wie wird Putin reagieren?
Ich bewundere Ihren Mut, Ihre klare Linie, die Courage, Standhaftigkeit und den Zusammenhalt jener, die aller Welt ein Beispiel gewaltlosen, aber hartnäckigen Widerstands geben – gegen eine Staatsmacht, die keine Skrupel hat, Bürger zu demütigen, zu foltern und mit dem Tod zu bedrohen. Möge sie bald Geschichte sein und Ihr Land die Chance zum Neuaufbruch bekommen!
Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Swetlana Tichanowskaja
geboren am 11. September 1982 in Mikaschewitschy, einer belarussischen Kleinstadt in der damaligen Sowjetunion, hat Pädagogik studiert mit Schwerpunkt Deutsch und Englisch, hat anschließend als Übersetzerin gearbeitet und war zuletzt Hausfrau. Sie ist mit dem Geschäftsmann und Videoblogger Sergej Tichanowski verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder.

Belarus, auch Weißrussland genannt, hat 9,5 Millionen Einwohner bei einer Fläche von rund 208 000 km2.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
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