Minenfeld Politik

Es ist nicht immer leicht, in der Familie oder mit Freunden über Politik zu reden. Bei unterschiedlichen Meinungen wird es schnell persönlich und die Beziehung leidet. Oft meidet man dann strittige Themen ganz. Wie kann man dieser Falle ausweichen?

Ildima Nevelős-Forgács
Mediatorin, Pilisborosjenő, Ungarn
Mir ist wichtig geworden, nicht nur auf die Worte, sondern vor allem auf die Gedanken zu achten. Manchmal ist mir eine Meinung schon nach den ersten Worten oder Gesten unsympathisch und ruft Widerstand in mir hervor. Dann muss ich mich fragen, ob ich offen genug bin, den Gedanken des Anderen aufzunehmen. Wie höre ich zu? Will ich gleich meine „ausgereifte” Meinung mitteilen oder bin ich bereit, auch die Gedanken, Erfahrungen, Traumata hinter den Worten zu hören?
In Mittelost-Europa sind die politischen Meinungen oft schwarz-weiß: Entweder bist du konservativ und mit allem einverstanden, was auf dieser Seite als Wert und Meinung gilt. Oder du bist liberal und empfindest dasselbe für die andere Seite. Wenn nicht eindeutig ist, wo du stehst, wird dein Gegenüber schnell unruhig und will dich überzeugen. Wenn die Gesprächspartner nicht einer Meinung sind, fühlt man sich schnell nicht angehört und ist beleidigt.
Mir hilft zu hören und zu fragen und dadurch zu vermitteln, dass ich den anderen Menschen so annehme, wie er ist. Mit langmütiger, offener, rücksichtsvoller Zuwendung schaffe ich es so, eine kleine Brücke zu bauen, die wir beide schüchtern betreten können und wo Begegnung und Dialog endlich möglich werden.

Elisabeth Reichel
Psychiaterin, Wien
Letzte Weihnachten feierte meine Großfamilie gemeinsam. Vorher wurde vereinbart, was nicht zum Thema werden durfte, um den Frieden zu wahren: Politik und Kirche. Kürzlich meinte sogar jemand zu mir: Wenn es um Politik geht, nützt keine Regel!
Trotzdem möchte ich einige Anregungen geben, die zwar nicht die gepfefferte Diskussion, wohl aber den Beziehungsabbruch verhindern können:
Sobald Ärger aufkommt, die Muskelspannung steigt und es mir heiß wird, sollte meine innere Stopptafel auftauchen. Sich zurücklehnen und versuchen, Distanz zu bekommen, hilft, zwischen der Person, die mir lieb und wert ist, und dem Thema zu unterscheiden.
Die Person darf ich niemals abwerten weder mit nonverbalen Äußerungen (Augen verdrehen, Nase rümpfen) noch mit spöttischen Bemerkungen oder gar Schimpfworten.
Geht es mir darum, recht zu behalten, um ein Machtspiel oder um einen echten Austausch? Wenn ich den anderen wirklich verstehen will, muss ich die Welt einen Augenblick lang mit seinen Augen sehen. Auch ich sollte nicht auftrumpfen wollen, sondern meine Beweggründe und Werte erklären.
Das kostet viel Einsatz und wir werden deswegen nicht einer Meinung sein, einander aber tiefer kennenlernen und echte Toleranz entwickeln.

Diego Bigger
Stadtrat, Bern
Politische Diskussionen im Alltag? Für viele ein Tabu! Aber warum eigentlich? Leidet meine Beziehung zu anderen Menschen, wenn ich eine andere politische Meinung habe? Ist es gar verpönt, überhaupt eine politische Meinung kundzutun?
Ich meine nein! Meine politische Meinung entsteht erst durch Diskussion. Oft habe ich eine ungefähre Meinung zu einem Thema. Diskutiere ich mit Menschen aus meinem Umfeld darüber, kristallisieren sich immer wieder neue Facetten heraus, die meine Meinung schärfen. Oder ich bekomme Einsichten in neue Argumente, die mich überzeugen und meine Meinung sogar ändern können. Klar, auch ich habe schon emotionale Diskussionen mit Freunden erlebt. Doch was mir in diesen Situationen jeweils half, war zuhören. Den Standpunkt des anderen einnehmen. Verstehen versuchen. Das erweitert meinen Horizont und kann zu einem spannenden und aufschlussreichen Gespräch führen.
Darum: Schnappt euch eine Flasche Wein, genießt den lauen Sommerabend auf Balkonien mit Freunden oder Familie und diskutiert über Politik. Hört zu. Versucht zu verstehen. Überzeugt. Lasst euch überzeugen. Lacht zusammen. Und bildet euch eine Meinung. Stammtisch 2.0 sozusagen.

Suchen Sie auch nach Antworten – rund um Beziehungen?
Dann schreiben Sie uns: E-Mail oder reichen Sie Ihre Frage ein bei www.facebook.com/NeueStadt

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
Ihre Meinung interessiert uns, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.