Wir alle sind verwundbar

Was ist wichtig im Leben? Warum halten wir so am Wachstum fest? Welche Art Gesellschaft wollen wir? Die Pandemie wirft existenzielle Fragen auf. Darüber sprechen wir mit dem Theologen und Philosophen Clemens Sedmak.

Herr Sedmak, was macht diese Zeit so besonders? Krisen, auch Pandemien hat es doch schon früher gegeben.
Mir fallen drei Aspekte ein: Unausweichlichkeit, weil es keinen Ort der Erde gibt, der nicht von der Pandemie betroffen wäre. Sichtbarkeit, weil die Krise seit Monaten die Nachrichten beherrscht und wir erfahren, was im hintersten Winkel der Erde passiert. Verunsicherung, weil wir nicht mehr verlässlich planen können. Diese existenzielle Verunsicherung kannten wir von Menschen, die in Armut leben.

Inwiefern?
Menschen, die von Armut betroffen sind, tun sich schwer zu planen. Wer kein fixes Einkommen hat, kann keine finanziell gebundenen Versprechen eingehen. Etwas ganz Kleines kann das Leben aus dem Lot bringen. Insofern könnte man sagen: Wir alle entdecken gerade, arm zu sein.

Arm, weil das Virus vor niemandem Halt macht. Und doch sind die Konsequenzen sehr unterschiedlich – schon innerhalb der einzelnen Länder und erst recht zwischen den Ländern.
Krisen verschärfen die Ungleichheit und machen sie sichtbarer. In den USA sterben überdurchschnittlich viele Afroamerikaner an Covid-19. Das sagt viel über die Gesundheitsbedingungen. Weltweit entzieht die Pandemie gerade den Ärmsten die Lebensgrundlagen. Auffällig ist auch, dass Frauen stärker zu Schaden kommen als Männer.

Können Sie das erklären?
Wenn Schulen geschlossen werden, müssen sich vor allem Frauen um die Kinder kümmern. Wenn es in einer Familie Pflegebedürftigkeit gibt, sind vor allem die Frauen gefordert. Im Gesundheitswesen stehen vor allem Frauen an vorderster Front. Und global gesehen arbeiten Frauen häufig in der so genannten informellen Wirtschaft, haben also keine rechtlich abgesicherten Arbeitsplätze. In der Krise verlieren sie als erste ihre Arbeitsmöglichkeit.

Was tun?
Hier kommt die Solidarität ins Spiel. Ich halte es für richtig, wenn Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, in stärkerer Weise zur Solidarität gebeten werden; wenn diejenigen, die gesund sind, in stärkerer Weise zur Solidarität gebeten werden als bisher. Wir haben nicht nur die Gelegenheit, sondern auch die Verpflichtung, ganz neu nachzudenken: Welche Art von Gemeinschaft wollen wir eigentlich sein? Welcher Beitrag zu dieser Gemeinschaft ist uns wichtig und was ist er uns wert?

Solidarität gab es in diesen Wochen ja reichlich!
Das stimmt. Viele Einzelne und ganze Gesellschaften haben sich solidarisch gezeigt. Es war berührend, dass die Wirtschaft vieler Länder hinuntergefahren wurde mit Rücksicht auf die am meisten verwundbaren Menschen. Das sind ja nicht abstrakte ältere Leute. Das ist meine Mutter, das ist meine Tante, das ist mein Großvater – konkrete Personen, für die man sich verantwortlich fühlt. Umgekehrt haben wir auch gesehen, wie viel Gutes von den verwundbaren Menschen kommt.

Zum Beispiel?
Sie haben diese verrückte Welt ein bisschen heruntergebremst! Sie haben den Mobilitätswahn ein wenig heruntergebremst. In diesem erzwungenen Innehalten haben wir die Einsicht gewonnen: Wir alle sind verwundbar. Die eigene Verwundbarkeit zu erkennen ist sehr kostbar, weil sie einerseits dazu führt, dass man mit anderen Menschen milder umgeht und andererseits weiß, man selbst ist auf andere angewiesen.

Sind diese Einsichten von Dauer?
Ich befürchte, die Lernfähigkeit von uns Menschen ist begrenzt. Nach der Weltwirtschaftskrise von 2008 hieß es: So geht es nicht weiter. Jetzt müssen wir wirklich etwas ändern. Ein paar Jahre später war alles noch schlimmer als vorher. Ich habe den Verdacht: Wenn wir zum Vorher zurückkehren könnten, würden wir das mit Begeisterung tun.

Woran liegt das?
Wir Menschen haben keinen inneren Sättigungspunkt. Beim Hungergefühl haben die meisten einen solchen Punkt und sagen irgendwann: „Jetzt bin ich satt.“ Aber wenn es um materielle Güter, um Erfolg oder um Geld geht, haben wir keinen Sättigungspunkt. Die Idee vom beständigen Wachstum ist fest in uns verankert.

Das klingt nicht gerade verheißungsvoll …
… und doch gibt es Wege, diese Dynamik zu unterbrechen. Ich sehe zwei Möglichkeiten. Die eine kommt von außen: Eine äußere Knappheit zwingt dazu, uns mit weniger zu begnügen. Darauf müssen wir uns einstellen. Ich gehe davon aus, dass äußere Knappheit unser Leben dauerhaft mitbestimmen wird.
Von uns aus aber sollten wir, denen es gut geht, die Aufmerksamkeit auf eine innere Werthaltung richten und willentlich sagen: Jetzt ist es genug. Da kann helfen, die Erinnerung an die Pandemie wachzuhalten. Sie hat gezeigt, dass es möglich ist, ein gutes Leben mit etwas weniger Mobilität und etwas weniger finanziellem Spielraum zu führen.

Sind glaubende Menschen da im Vorteil?
Ich denke schon. Auch für glaubende Menschen ist Lebensqualität wichtig. Aber wichtiger ist die Lebenstiefe. Mit Lebenstiefe meine ich eine Verankerung im Leben, die auch einen Verlust an persönlicher und gemeinschaftlicher Lebensqualität in Kauf nehmen kann, wenn es um das Gemeinwohl geht.
Ein Mensch, der nicht Angst haben muss zu verlieren, was sein Leben wesentlich prägt, weil er sein Leben nicht prägen lässt von Dingen, die ihm leicht entzogen werden können, der kann sich leichter für andere interessieren.
Wir wissen, dass es die Resilienz – also die körperlichen, psychischen und seelischen Abwehrkräfte – stärkt, wenn man sich für andere interessiert. Es steigert die Widerstandskraft nicht, sich in sich selbst hineinzukrümmen, sondern den Blick offen zu haben für andere und ihre Nöte.
Das gilt nicht nur für den Einzelnen. Es ist auch für den Zusammenhalt von Familien gut, wenn sie sich für andere interessieren. Und an den Vereinigten Staaten von Amerika kann man ablesen, dass isolationistische Politik nicht zum nationalen Wohl führt, geschweige denn zum internationalen Wohl.
Und da gibt es noch einen Aspekt …

… nämlich?
Ich ringe mit der Frage: Ist Gesundheit das höchste Gut? Ich bin nicht sicher. Ich bin deshalb nicht ganz sicher, weil aus christlicher Sicht das Leben auf der Erde nicht das einzige und nicht das letzte ist, sondern Vorbereitung auf etwas anderes, auf das ewige Leben.
Auch in der Pandemie macht es einen Unterschied, ob ich an ein Leben nach dem Tod glauben kann. Wenn ja, dann kann ich im Dienst an anderen eventuell auch meine Gesundheit riskieren. Ohne eine Aussicht auf ein Leben nach dem Tod wird die Gesundheit tatsächlich das höchste Gut.
Ich weiß, dass dieser Gedanke heikel ist. Er darf nicht dazu führen, das Hier und Jetzt nicht ernst zu nehmen und nicht alles dafür zu tun, die Welt gesünder, gerechter und lebenswerter zu machen.

Haben die Kirchen ihre Rolle wahrgenommen?
Im Großen und Ganzen: ja. Natürlich erfahren auch Seelsorger die gleiche Hilflosigkeit, die uns alle umtreibt.
Ich empfinde es aber als sehr wohltuend, von einem Seelsorger etwa zu hören: „Wenn die äußere Welt kleiner wird, dann muss die innere Welt größer werden.“ Das zu fördern, ist wahre Seelsorge: Sorge für die Seele. Und das ist durchaus politisch. Der französische Ordensbruder Jacques Philippe hat geschrieben, den Frieden des Herzens anzustreben, sei kein egoistisches Unternehmen, sondern (sei) zutiefst politisch. Wer inneren Frieden hat, dessen innere Welt also größer geworden ist, der trägt diesen Frieden mit sich, wo immer er auch hingeht.
Die Kirchen haben oft darauf hingewiesen, dass Gott uns nicht alleine gelassen hat. Erst recht sind sie dem Eindruck entgegengetreten, das Corona-Virus sei eine Strafe Gottes, und haben klar Stellung bezogen: „Schieben wir die Pandemie nicht Gott in die Schuhe. Sie ist menschengemacht.“
Und schließlich haben die Kirchen darauf verwiesen, dass die Pandemie ein Aufruf zur Umkehr ist. Worum geht es eigentlich? Was bleibt?

Wird die Krise unsere Beziehungen dauerhaft verändern?
Eine Gefährdung für die Beziehungen wäre, wenn wir verinnerlichten, jeden anderen als eine Bedrohung für unsere Gesundheit anzusehen. Dann wird Misstrauen unsere Beziehungen prägen.
Im besten Fall werden wir sorgsamer miteinander umgehen und wissen, auch Kleinigkeiten machen einen Unterschied aus. Dann werden wir einen neuen Blick auf die Bedeutung von Beziehungen haben, gerade weil der Lockdown uns gezeigt hat, wie wichtig sie sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Peter Forst

Clemens Sedmak, geboren 1971 in Bad Ischl (Österreich) ist Theologe und Philosoph. Er hat in Innsbruck und Linz promoviert und habilitiert. Seit 2017 ist er Professor für Sozialethik an der katholischen Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Clemens Sedmak leitet das Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg sowie den wissenschaftlichen Beirat des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen in Salzburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem „Das Gute leben. Von der Freundschaft mit sich selbst.“, „Ans Herz gelegt. Die vielen Sprachen der Liebe.“ und „hoffentlich. Gespräche in der Krise

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
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