Zwickmühlen und Gartenzäune

Corona! Täglich und überall Corona. Ich kann’s eigentlich nicht mehr hören! Aber dann verfolge ich doch gebannt die in manchen Ländern rasant steigenden Zahlen der Corona-Infizierten – und Corona-Toten.

Die Menschheit schickt gerade Fluggeräte mit ausgefeiltester Technologie zum Mars, ist aber nicht in der Lage, Herr über ein mikroskopisch kleines Virus zu werden! Die Folgen davon legen weitere Unfähigkeiten offen: alle satt zu machen zum Beispiel oder sich als weltweite Menschheitsfamilie ausreichend zu koordinieren, um das gemeinsame Problem auch gemeinsam anzugehen.
Da ist wieder dieses Gefühl der Ohnmacht. Man will es nicht wahrhaben und verdrängt es gern, indem man Schuldige sucht. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Nationen zu den sichersten gehören: politisch stabil, hoher Lebensstandard, starke soziale Absicherung, funktionierendes Gesundheitssystem, geringe Kriminalität. Kriege, Elend, Ebola treffen andere, weit entfernt. Bei uns ist im Prinzip alles unter Kontrolle. Bis so ein Virus das Sicherheitsgefühl ins Schleudern bringt!
Fragen drängen sich auf: Über unseren Rohstoffe verzehrenden Lebensstil und seine Auswirkungen. Könnten wir nicht doch mit weniger auskommen? Wie solidarisch ist unsere Gesellschaft? Wie reagieren, wenn Menschen sich Freiheiten herausnehmen, die anderen schaden? Wie rücksichtsvoll ist der oder die Einzelne anderen, Schwächeren gegenüber? Setzen wir einen Teil der Bevölkerung der Lebensgefahr aus, um wirtschaftliche Not zu vermeiden? Oder nehmen wir Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit in Kauf, um möglichst viele Menschenleben zu retten? Ethische Zwickmühlen. Fragen, die sich in einer pluralen Gesellschaft nicht einstimmig beantworten lassen. In den Interviews, Informationen, Statements, Gedanken, Wahrnehmungen und Erlebnissen dieser Ausgabe finden Sie Anstöße zum Weiterdenken.
Bei aller Verunsicherung und allem, was nicht funktioniert oder besser laufen könnte, ist aber auch viel Selbstloses, Aufbauendes, Ermutigendes zu entdecken: Zahllose über Internet oder Flyer verbreitete Angebote, für kranke, ältere Menschen oder Alleinerziehende Besorgungen zu übernehmen. Menschen, die sich, obwohl sie selbst wenig haben, in improvisierten Suppenküchen für jene in noch größerer Not engagieren. Überarbeitete Krankenschwestern, die sich Zeit nehmen, sich zu einsamen Corona-Patienten in Todesangst ans Bett zu setzen. – Taten, die von einer Einstellung zeugen, die über den eigenen Gartenzaun schaut und das Wohl der Mitmenschen im Auge hat. Sie sind es, die Zuversicht für die Zukunft geben. An ihnen möchte ich mich messen.

Herzlichst, Ihr

Clemens Behr

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2020)
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