Grenzgänger

Unerzogen

Was für viele Menschen einen eindeutig negativen Klang hat („Ist das aber ein unerzogenes Kind!“), ist für andere zu einer Grundhaltung geworden. „Unerzogen“ bedeutet für sie, bewusst auf Erziehung zu verzichten, weil Erziehung schädlich und gewalttätig sei. Ein Kind habe vom ersten Moment des Lebens an eine eigenständige Persönlichkeit mit Bedürfnissen, die es zu respektieren und zu fördern gelte.
„Unerzogen heißt die Abwesenheit von Erziehung. Erziehung verstanden als die bewusste Formung eines Kindes durch einen Erwachsenen, in eine von diesem für richtig befundene Richtung“, schreibt Aida S. de Rodriguez auf ihrer Website www.elternmorphose.de. Dort geht sie auch darauf ein, was sie als Missverständnisse über „unerzogen“ bezeichnet. Unerzogen bedeute etwa nicht,
– dem Kind alles zu erlauben, sondern die Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu erkennen und abzuwägen, wie sie befriedigt werden können.
– alle Wünsche zu erfüllen, sondern zu hinterfragen, worum es beim Wunsch tatsächlich geht, und dem Kind das zu geben, was es wirklich braucht.
– ein Leben ohne Grenzen. Eltern setzen keine Grenzen. Grenzen sind da! Und sie frustrieren manchmal. Eltern brauchen nicht zusätzlich Frust durch künstliche Grenzen hervorzurufen, sondern sollten ihre Kinder dabei begleiten, mit ihren Gefühlen umzugehen.
– das Kind mit allen Entscheidungen alleine zu lassen und mit einer Verantwortung zu belasten, die es gar nicht tragen kann. Es geht darum, das Selbstbestimmungsrecht des Kindes anzuerkennen, seine Kompetenzen zu sehen und ihm mit Respekt zu begegnen.

… und im Süden?
Die Mediennutzung ist eines der häufigsten Konfliktthemen zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern. Um zu verstehen, wo Grenzen zu setzen sind, gilt es Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen – nicht nur in unseren Breiten. Wie schätzen Erwachsene im Süden der Welt die Auswirkung der steigenden Nutzung von Mobiltelefonen auf das Wohl der Kinder, den Familienzusammenhalt und die Bildung ein?         

Altpolnisch
Das im 12./13. Jahrhundert aus dem Altpolnischen entlehnte graniza/grænizen/greniz hat sich von den ostdeutschen Kolonisationsgebieten aus allmählich über das deutsche Sprachgebiet ausgeweitet und das deutsche Wort Mark für Grenze, Grenzgebiet verdrängt. Diese Herkunft ist bis heute in den meisten slawischen Sprachen zu erkennen, wie etwa granica (polnisch, kroatisch, bosnisch), hranice (tschechisch) und hranica (slowakisch) oder graniţă im Rumänischen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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