3. Februar 2021

Einbeziehen und mitfühlen

Von nst5

Offener Brief an Jacinda Ardern

Sehr geehrte Frau Ardern!
Nachdem Sie in Ihrer ersten Amtszeit zusammen mit der Grünen Partei regiert hatten, sind Sie im Oktober 2020 überraschend mit absoluter Mehrheit wiedergewählt worden. Obwohl nicht nötig, haben Sie weiterhin zwei Ministerien mit „Grünen“ besetzt: das für Klimawandel und ein neu geschaffenes für Verhinderung von häuslicher und sexueller Gewalt. Sie stellten ein buntes Kabinett vor, wie es Neuseeland noch nie gesehen hat, das aber die Vielfalt einer Nation widerspiegelt. Acht Frauen sind darunter. Fünf der zwanzig Ministerposten nehmen Maori ein, Angehörige der indigenen Bevölkerung. Mit der fünfzigjährigen Nanaia Mahuta übernimmt zum Beispiel erstmals in der Geschichte des Landes eine Frau und eine Maori das Außenministerium. Finanz- und Infrastrukturminister sowie stellvertretender Premier ist der offen homosexuell lebende Grant Robertson. Auch Migranten sind vertreten.
Sie richteten eigens ein neues Ressort für Corona-Bekämpfung ein, obwohl Ihr Land wenig COVID-19-Infizierte hat: bis Mitte Dezember nur rund 2 100; 25 Menschen waren an dem Virus gestorben. Zweimal haben Sie rasch reagiert und mit dem Motto „go hard, go early“ einen harten Lockdown und strikte Einreisesperren verhängt. Mit dem Slogan „Seid stark, seid freundlich!“ forderten Sie auf, sich im Zweifel zu verhalten, als hätte man COVID-19. Dass Sie auf gegenseitige Verantwortung und Solidarität in der Bevölkerung setzen, zeigt sich auch, wenn Sie diese „Fünf-Millionen-Team“ nennen. Der Erfolg der Maßnahmen hat Ihnen vermutlich maßgeblich zum Wahlsieg verholfen, obwohl die Wirtschaft massiv darunter litt. Und obwohl Sie wichtige Ihrer 2017 ausgegebenen Ziele wie die Bekämpfung der Kinderarmut nicht verwirklicht haben: eines von acht Kindern soll davon betroffen sein, unter den Maori sogar doppelt so viele! Auch dass der Wohnungsbau nicht vorankam, hat Sie vor der Coronakrise bei den Bürgern viele Sympathiepunkte gekostet.
Der Umgang mit Krisen scheint dagegen eine Ihrer Stärken zu sein: Nach dem Terroranschlag im März 2019 auf zwei Moscheen in Christchurch, bei dem 51 Muslime umkamen, waren keine markigen Ankündigungen harten Durchgreifens von Ihnen zu hören. Stattdessen legten Sie ein Kopftuch um und umarmten Verletzte und Angehörige der Opfer. Die Botschaft der mitfühlenden Geste: Muslime gehören zu uns wie alle anderen auch.
Man nimmt Ihnen ab, dass es Ihnen um die Bürger geht. Das wird auch daran deutlich, dass Sie Ihre Finanz- und Haushaltspolitik nicht mehr nur an den klassischen wirtschaftlichen Wachstumszahlen orientieren, sondern auch das gesellschaftliche Wohlbefinden berücksichtigen: 2019 führten Sie ein „Wellbeing Budget“ ein, das ein umweltschonendes Wirtschaften im digitalen Zeitalter ermöglichen soll und in das auch psychische Gesundheit, Förderung der Maori, Bekämpfung von häuslicher Gewalt und Kinderarmut einfließen.
Wenige Premierminister können mit einem so kooperativen und empathischen Regierungsstil überzeugen wie Sie. Sie verkörpern eine Art zu leiten und Politik zu betreiben, die Schule machen sollte.
Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Jacinda Ardern
(40) ist seit Oktober 2017 Premierministerin von Neuseeland. Mit 37 Jahren war sie damals die jüngste Regierungschefin der Welt. Als Mitte 2018 ihre Tochter geboren wurde, war sie nach Benazir Bhutto aus Pakistan erst die zweite, die während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt brachte. Bei der Parlamentswahl im Oktober 2020 wurde sie für weitere drei Jahre im Amt bestätigt.
Neuseeland ist mit fast 270 000 km2 etwas größer als Westdeutschland, hat aber nur rund 5 Millionen Einwohner.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2021)
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