2. Februar 2021

Zuhören, zur Seite stehen, beraten

Von nst5

Gabriele Müller koordiniert eine neue Kontaktstelle für Menschen, die in der Fokolar-Bewegung Geistlichen Missbrauch erlitten haben.

Noch im ersten Quartal 2021 werden Informationen für eine Anlaufstelle auf den deutschsprachigen Internetseiten der Fokolar-Bewegung zu finden sein. Dort stellen wir Ansprechpersonen vor, an die sich jeder wenden kann, der im Kontakt mit der Fokolar-Bewegung Manipulation und Geistlichen Missbrauch erlebt hat. Deren Aufgabe ist vor allem zuzuhören: Hier kann man aussprechen, was einem widerfahren ist und einen belastet. Die Ansprechpersonen werten nicht, können aber ein Feedback geben und Fragen stellen, um die belastete Person weiterzubringen. Sie versuchen herauszufinden, ob Klärungsgespräche mit der Täterseite stattfinden sollen und ob sie das Anliegen an Verantwortliche der Bewegung weiterleiten sollen. Vielleicht raten sie zu einer geistlichen oder therapeutischen Begleitung. Die Ansprechpersonen können auch helfen, wenn sich jemand fragt: Habe ich die Freiheit anderer eingeschränkt? Habe ich vielleicht selbst Geistlichen Missbrauch betrieben?
In der Schweiz, Österreich und Deutschland können Interessierte jeweils unter vier Ansprechpersonen wählen: Manche haben keinen Bezug zur Fokolar-Bewegung, andere stehen ihr nahe, hatten in ihr aber keine Leitungsaufgaben. Es sind Frauen und Männer, die gelernt haben hinzuhören, entweder durch ihre Ausbildung, als geistliche Begleiter oder als gestandene, reife Personen. Es sind Psychologen und Theologen darunter, die aber keinen therapeutischen oder seelsorglichen Auftrag haben. Die Ansprechpersonen stehen für bis zu drei Gespräche zur Verfügung und stehen unter Schweigepflicht.
Ich engagiere mich für diese Kontaktstelle, weil ich in meinem Leben erfahren habe, dass ich selbst leicht verführbar bin, wenn spirituell begabte Menschen manipulativ mit mir umgehen. Der Wunsch, alles für die Einheit zu geben, kann spirituell missbraucht werden und das Personsein unterbinden.
In der gemeinschaftlichen Spiritualität unserer Bewegung spielen Radikalität in der Nachfolge Jesu und Hingabe an Gott und die Mitmenschen eine große Rolle. Die Gefahr besteht, das Spirituelle zu überhöhen und das Personsein einseitig zu entwickeln. Für Leitungsaufgaben genügt es nicht, Personen auszusuchen, die spirituell vorbildlich leben. Es braucht auch Schulung in Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Gruppendynamik. Wir haben von Gott ein großes Geschenk erhalten, aber wir bleiben Menschen mit Schwächen und Fehlern. Und wenn die Ideale absolut gesetzt werden, kann das zu Unfreiheit und Fehlentwicklungen führen und tief sitzenden Schaden anrichten. Mir scheint das mit ein Grund dafür zu sein, warum so manche Person die Fokolar-Bewegung wieder verlassen hat.
Wo viel Gutes getan wird und viel Licht ist, fällt oft auch viel Schatten. Wir brauchen den Mut, die Schattenseiten anzuschauen, um sie künftig vermeiden zu können. Mit der Kontaktstelle wollen wir denjenigen zur Seite stehen, die unter ihnen leiden oder gelitten haben.

Gabriele Müller Jahrgang 1964 Ärztin für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie, Palliativmedizin und Akupunktur mit Weiterbildung in tiefenpsychologisch fundierter Themenzentrierter Interaktion. Die promovierte Medizinerin arbeitet im ärztlichen Leitungsteam des Schmerz- und Palliativzentrums Rhein-Main in Wiesbaden und Frankfurt. Ebenfalls in einem Team bereitet sie eine Kontaktstelle der Fokolar-Bewegung für Geistlichen Missbrauch vor.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2021)
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