2. Juni 2021

Königlich

Von nst5

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieser großartige Satz aus dem deutschen Grundgesetz kam mir sofort in den Sinn, als ich die Artikel las, die Ferdinand von Schirach zur Erweiterung der EU-Grundrechte-Charta vorschlägt. Von ihnen geht eine ähnliche Faszination aus wie von diesem einfachen Satz.

Mit einem Mal leuchtete mir das Thema „Würde“ aus vielen Beiträgen dieser Nummer entgegen – mit unterschiedlichen Einfärbungen: ganz direkt aus Text von Zentriert, etwas versteckter aus der Initiative „Wage, dich zu kümmern“, wo es wie beim „Lieferkettengesetz“ darum geht, dass wir in unserer globalen Welt „würdig“ miteinander umgehen.
„Würde“ ist jedem Menschen eigen. Sie liegt zutiefst in seinem Innern begründet. Als Christin bin ich überzeugt: Meine Würde und die jedes Menschen kommt von Gott; daraus, dass er uns als sein Abbild geschaffen hat und daraus, dass er uns mit einem liebenden Blick anschaut. Trotz dieser Grundüberzeugung tut es mir auch gut, wenn Menschen mich anschauen, wahrnehmen und so schätzen, wie ich bin. Was auch beinhaltet, dass sie mich auf Fehler, Grenzen, Wachstumspotential hinweisen, wie es in „Beziehungsweise“ zum Ausdruck kommt.

Titel der Mai.Juni-Ausgabe der “Neuen Stadt”
Foto: (c) Misha Kaminsky / iStock

Mein Blick, meine innere Haltung kann wiederum anderen ihre Würde bewusst machen – das erahne ich, wenn sich der Obdachlose am Straßenrand ein wenig aufrichtet, weil ich nicht einfach nur grußlos an ihm vorbeigehe, oder wenn die Bettlerin an der Kirchentür plötzlich lächelt, weil ich nach dem Namen ihres Kindes frage.
Jemand wahrnehmen und ansehen heißt auch: ihm ermöglichen, nicht länger unsichtbar zu sein, und ihn in der Folge vielleicht auch neu entdecken. Genau so ging es uns in der Redaktion bei unserer Entdeckungsreise zum „Jüdischen Leben heute“. Wir haben viel erfahren von jüdischen Menschen. Und wir haben gelernt, dass wir tatsächlich mehr „über die toten Juden wissen, als über die lebendigen“, wie Mirna Funk das formuliert.
Beeindruckt haben mich auf dieser Entdeckungsreise die Authentizität, die Begeisterung, der Realismus, der Stolz – ja, die Würde derer, denen auch Sie auf den folgenden Seiten begegnen können.
Auf Ihrer Lese-Reise – wie auch in Ihrem Alltag – wünsche ich Ihnen viele Momente, in denen Sie diese Würde, die jedem Menschen zutiefst zu eigen ist, für sich und in anderen erfahren; ich meine, es ist gerechtfertigt, diese als „königlich“ zu bezeichnen.

Ihre
Gabi Ballweg

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(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2021)
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