6. Oktober 2021

Es geht auch anders

Von nst5

Entschlossen, durchsetzungsfähig, männlich.

Mit dieser Rollenbeschreibung hat Marina Staub Probleme. Warum sie dennoch Leaderin sein will.

Marina Staub,
23, aus Luzern hat gerade ihren Bachelor in Erziehungswissenschaft an der Uni Bern abgeschlossen. Ab Oktober lebt die Schweizerin in Nürnberg und beginnt in Erlangen das Masterstudium in Pädagogik mit dem Schwerpunkt kulturelle und ästhetische Bildung.

Empathisch, warm, fürsorglich, gemeinschaftsorientiert. Diese Charaktereigenschaften entsprechen den gesellschaftlichen Gendernormen einer Frau und beschreiben mich treffend. Leader aber sollen – so das Stereotyp – entschlossen, direkt und konsequent sein. „Wo soll ich da einen Platz finden?“ Auf diese Frage hatte ich eine knappe Antwort: „Nirgendwo.“
Diese enttäuschende Erkenntnis hat bei mir eine gewisse Teilnahmslosigkeit ausgelöst. Wieso sollte ich mich mit einem Thema, das mir unerreichbar scheint, auseinandersetzen? Gleichzeitig hat dieses Spannungsfeld meine Neugier geweckt und ich begann die Recherche. Dabei stieß ich auf Chimamanda Ngozi Adichie, eine nigerianische Schriftstellerin. Sie spricht in einem Vortrag über „The danger of a single story“ (Die Gefahr der einen einzigen Geschichte). Darin erklärt sie, dass in Geschichten die Gefahr liegt, nur eine einzige über eine Menschengruppe zu kennen.
Mein ganzes Leben lang habe ich nur die eine Geschichte vom starken, durchsetzungsfähigen, autoritären, männlichen Leader gehört, bei dem Emotionen nichts verloren haben. In dieser Geschichte wäre mein Platz tatsächlich nirgendwo. Dieses Leadership-Bild ist zwar nicht unwahr, aber unvollständig. Inzwischen habe ich viele unterschiedliche Geschichten von Frauen als Leaderinnen gelesen, die Stereotype vervollständigt und eigene Erfahrungen gemacht. So habe ich beschlossen, meinen Platz als Leaderin zu finden.
Begonnen hat es mit einigen Podien, Workshops und Veranstaltungen, die ich organisieren und moderieren durfte. Moderation als Leitung eines Gesprächs erfordert unterschiedliche Kompetenzen. Sie strukturiert Inhalte sowie Prozesse, findet und nutzt Potenziale und dient der Unterhaltung. Als Erziehungswissenschaftlerin liegen mir Projekte nahe, welche die Bildung fördern. Die SummerAcademy (www.summer-academy.org), die ich mitorganisiere, ist eine interdisziplinäre Sommerschule von jungen Menschen für junge Menschen; dieses Jahr zum Thema „Leadership – zwischen Vertrauen und Verantwortung“. Auch als Praktikumsausbildnerin in der Sozialpädagogik konnte ich hilfreiche Führungskompetenzen erarbeiten und Menschen auf ihrem Weg in die Praxis begleiten, was mir riesige Freude bereitet.
Bei all dem ist mir besonders wichtig, dass ich authentisch auftreten sowie eigene Gedanken und Ideen einbringen konnte. Auch wenn der Gender-Gap, der Unterschied zwischen den sozialen Geschlechtern, kleiner wird, sehe ich noch viel Verbesserungspotenzial: Normen öffnen, neue Formen von Leadership einbringen, die Vereinbarung von Beruf und Familie fördern und mit Double-Standards – Doppelmoral – brechen, die Bedeutung von weiblichen Charaktereigenschaften in Führungspositionen hervorheben; um nur einige zu nennen.
Empathisch, warm, fürsorglich und gemeinschaftsorientiert, aber auch entschlossen, direkt und konsequent will ich zeigen, dass Leadership auch auf neue Art geht. Ich will aktiv den Lead übernehmen für eine offene, gleichberechtigte und solidarische Zukunft für uns alle. Mein Ziel ist es, so viele unterschiedliche Geschichten wie möglich zu hören und zu erzählen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2021)
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