6. Oktober 2021

Haltung entscheidet

Von nst5

Sabine Puchinger

arbeitet seit 1995 als Lehrerin für Geografie, Wirtschaftskunde und „Bewegung und Sport“. An der Universität Wien hat sie von 2008 bis 2018 Sportdidaktik gelehrt. Seit 2016 ist sie Schulentwicklungsberaterin und seit 2019 Schulleiterin des Gymnasiums in Bruck an der Leitha mit rund 1000 Schülerinnen und Schülern sowie 90 Lehrkräften. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.

Ob ich die Leitung der Schule übernehmen könne, an der ich bereits 25 Jahre unterrichte, wurde ich 2019 wurde gefragt. Ich hatte mich schon zuvor mit dem Thema Führung und Leitung auseinandergesetzt. In der Entscheidungsphase konnte ich in Familie und Freundeskreis mein Verständnis dieser Funktion und Rolle schärfen und die für mich und „meine Schule“ wichtigen Leitlinien entwickeln, die gutes Leadership ausmachen. Leitung an Schulen – zumindest in Österreich – macht wie in vielen Organisationen einen Paradigmenwechsel durch. Autoritäre Einzelentscheiderinnen und –entscheider sind out. Begriffe wie „Neue Autorität“, „Positive Leadership“ oder „Mindful Leader“ stehen für die Führungsideale von heute. Im konservativen und hierarchischen System Schule setzen diese sich aber leider nur langsam durch.
Welche Überlegungen haben mich in der Vorbereitung geleitet? Die Gewissheit, dass Haltung entscheidet. Es galt herauszufinden, welche Haltung meinen Handlungen, Zielsetzungen, Aussagen und Urteilen zugrunde liegt. Wie reagiere ich auf Personen, soziale Gruppen, Situationen? Worauf richtet sich meine Aufmerksamkeit?
„Ama et fac quod vis“ (Liebe und tu, was du willst), wie Augustinus von Hippo sagt, trifft meine angestrebte Haltung am besten – im Sinn von Wertschätzung und Achtsamkeit. Beide drängen mich, aufgeschlossen und neugierig für vielfältige Erfahrungen zu sein; lassen mich mit echtem Interesse in persönliche Kontakte gehen und motivieren mich, transparente und liebevolle Kommunikation als Dreh- und Angelpunkt jedes Führungsgeschehens einzusetzen. So versteht sich, dass Wertschätzung mehr ist als Freundlichkeit oder Höflichkeit.
Innere Haltung ist nicht allein ein Lern-, sondern ein Lebensprojekt und hat persönliche Entscheidungen als Grundlage. Sie setzt Selbstreflexion und Feedback voraus. Führung beginnt somit beim „Sich selbst Führen“. In diesem Prozess scheint mir wichtig, für sich herauszufinden, ob Führungsaufgaben auch Freude bereiten, ob Herausforderungen wie die Übernahme von Verantwortung anziehend sind. Kann ich mit Komplexität umgehen? Habe ich Mut, weitreichende Entscheidungen zu treffen? Dafür braucht es meiner Ansicht nach eine reife Persönlichkeit und hohe Widerstandsfähigkeit.
Lehrgänge, Kurse, Fortbildungen sind unerlässlich und bieten die theoretischen Grundlagen. In der Praxis wird die gut reflektierte Vorbereitung auf den Prüfstand gestellt. Nach dem ersten „Honeymoon“, in dem Mitarbeiter prüfend beobachten und testen, sich aber mit Kritik noch zurückhalten, merkt man bald: Ich kann es nicht allen recht machen! Das sollte ohnehin nicht der Anspruch einer Führungskraft sein. Entscheidungen für die einen sind oft Entscheidungen gegen andere. Transparenz und Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter kann dem entgegenwirken.
Der Umgang mit Widerstand ist sicher eine der größten Herausforderungen in Führungsfunktionen. Bedürfnisse klären, einander zuhören, versuchen, bis in die Tiefe zu verstehen und eine Win-Win-Lösung zu finden, können Wege sein, Widerstände im Team konstruktiv zu nützen. Die Bereitschaft dazu ermöglicht die innere Haltung.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2021)
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