6. Oktober 2021

Mut zur Macht

Von nst5

Die Lust zu gestalten

und andere mitzunehmen ist etwas Positives. Wie soll die Welt sonst besser werden?

„Wenn Dreijährige zum ersten Mal in den Kindergarten kommen, ist am Ende des Tages die Hierarchie klar. Wer darf wo spielen? Wer darf mit wem spielen?“ Diese Aussage meines Gegenübers in einem Gespräch zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe hat mich in den vergangenen Wochen begleitet. Sie mag zugespitzt sein, aber sie zeigt: Wir leben in einer Welt voller Rangordnungen. Und das schon sehr früh.
„Es gibt keine machtfreien Räume“, stellt unser Interviewpartner Andreas Tapken, der Menschen und Organisationen in ihrer Entwicklung begleitet, nüchtern fest. Deshalb muss Macht geordnet, begrenzt und kontrolliert werden.
Bei institutionalisierter Machtausübung – auf den verschiedenen staatlichen Ebenen, in Vereinen, Pfarr- und Kirchengemeinden, in Unternehmen, in der Verwaltung – geschieht das vor allem auf zwei Wegen:
Zum einen nimmt man sich Führungsaufgaben – und damit Macht – nicht einfach selbst. Sie wird zugeteilt, in der Regel auf Zeit, manchmal auch auf Lebenszeit. Das geschieht durch Auswahlverfahren, Ernennungen oder Wahlen. Die Bundestagswahl in Deutschland Ende September etwa ist ein herausragender Moment der Zuteilung von Macht und – zumindest indirekt – auch von Führungspositionen.
Zum anderen wird Macht kontrolliert, zumindest sollte es so sein. Im Kindergarten tun das etwa Erzieherinnen und Erzieher, in der Politik geschieht das unter anderem durch Gewaltenteilung und Medien, in der Wirtschaft zum Beispiel durch Aufsichtsräte und in der evangelischen Kirche durch Synoden. In der katholischen Kirche hat Papst Franziskus gerade einen mehrjährigen synodalen Prozess angestoßen. Es wird sich zeigen, welche Folgen er für die Machtverteilung und Machtkontrolle in der römischen Kirche haben wird. In Deutschland ringt der „Synodale Weg“ um diese Fragen – ebenfalls mit offenem Ausgang.
Was schlechte oder schlecht kontrollierte Führung anrichten kann, zeigt sich allenthalben: Wir sehen das unermessliche Leid, das sexualisierte Gewalt sowie geistiger und geistlicher Missbrauch Menschen zufügen. Wir erleben die Folgen bestenfalls halbherziger Reaktionen auf den Klimawandel. Wir erahnen, was es für Kinder, Jugendliche und Familie bedeutet und bedeuten wird, dass sie in der Corona-Politik nicht ausreichend im Blick waren. Und Skandale wie um den deutschen Finanzdienstleister Wire-Card stärken nicht gerade das Vertrauen, dass es in der Wirtschaft vor allem um das Wohl des Menschen geht.
Aber: Angesichts ihres allgegenwärtigen Missbrauchs Macht zu verteufeln, wäre keine gute Idee! „Macht“, so Andreas Tapken, „ist erst einmal Gestaltungswille; die Freude daran, Menschen zu etwas zu bewegen, in eine Richtung mitzunehmen.“
Und es gibt ja durchaus auch Beispiele für positive Machtausübung: etwa, wenn Lebensmitteldiscounter ihre Marktmacht nutzen, um nach und nach Billigfleisch aus den Regalen zu verbannen, und damit andere zwingen nachzuziehen. Das wird nicht uneigennützig sein, verdient aber Anerkennung.
„Gestalten wollen und andere mitnehmen“ – beides scheint mir wichtig zu sein; etwas bewegen zu wollen, aber nicht allein. Dieser positiven Kraft von Macht und Führungswillen ist dieses Heft gewidmet, nicht naiv, aber zuversichtlich. Was heißt gute Führung? Kann man sie lernen? Oder muss man das mitbringen?
Dazu braucht es Menschen, die nicht zuschauen, nicht abwarten und nicht die Verantwortung auf andere abwälzen. „Ich erkläre mich für zuständig.“ Als Jugendlicher hat mich dieser Satz des Sozialarbeiters Hermann Schäfers beeindruckt. In den siebziger und achtziger Jahren reagierte er so, wenn er an seinem Wirkungsort, dem westfälischen Herten, auf soziale Missstände stieß. Er hat damit Entwicklungen angestoßen, die ehrenamtliches und institutionelles Engagement für Bedürftige auf bis heute beispielgebende Weise verbinden.
Auch in diesem Heft gibt es viele Beispiele für solche Menschen – und zwar aus allen Generationen: die 23-Jährige Marina Staub aus Luzern, die aktiv Führung übernehmen will für eine offene, gleichberechtigte und solidarische Zukunft für uns alle und dazu unter anderem eine SummerAcademy mitgestaltet; der inzwischen 74-Jährige Karl Rottenschlager, der vor 40 Jahren die Aussichtslosigkeit entlassener Strafgefangener erkannte und mit der Emmausgemeinschaft ein Werk gegründet hat, das bis heute 12 000 Menschen geholfen hat. Oder Cinzia Guaita, Mutter von zwei Kindern, die auf Sardinien mit vielen anderen für die Umwandlung einer Rüstungsfabrik in zivile Produktion kämpft.
An jedem dieser Beispiele wird auch deutlich, dass ein solches Engagement kein Zuckerschlecken ist: Wer so handelt, geht ins Risiko, erfährt Gegenwind und macht Fehler. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie klug es war, dass sie alle andere auf ihren Weg mitgenommen haben. Eine Gemeinschaft kann die „Macht der Liebe“ (Karl Rottenschlager) auch dann erfahren und bezeugen, wenn sie für die oder den Einzelnen gerade nicht zu spüren ist.
Von Chiara Lubich (1920-2008), der Gründerin der Fokolar-Bewegung, stammt der faszinierende Satz: „Wo keine Liebe ist, bringe Liebe hin und du wirst Liebe finden.“ Vielleicht ist das die tiefste Motivation für das Handeln und das Führen so vieler Menschen. Das Schöne ist, dass eine solche Art von Führung jeder und jedem offensteht: die eigenen Talente in den Dienst der Gemeinschaft stellen und andere dafür gewinnen.
Noch ein zweiter Gedanke von Chiara Lubich ist mir in diesem Zusammenhang eingefallen: „Wir alle sind Lokomotiven.“ Wir alle können etwas in Bewegung bringen, wollte sie damit wohl sagen. Das Bild hat – wie alle Bilder –Grenzen. Und doch ist es sprechend. Führung übernehmen „Lokomotiven“ auf jeden Fall. Mut zur Macht, also! Wie sonst soll die Welt besser werden?
Peter Forst

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2021)
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