4. April 2025

Immer was los

Von nst5

Eine Wohngemeinschaft im Kölner Stadtteil Vingst

knüpft Beziehungen und stärkt Verbindungen. Ihr Engagement umfasst den spirituellen, interreligiösen sowie den sozialen und gesellschaftspolitischen Bereich und richtet sich vor allem an junge Erwachsene.


Ein türkischer Supermarkt, ein Sonnenstudio, Mehrfamilienhäuser, die deutlich in die Jahre gekommen sind. Wer sich auf den Weg zur Vingst-WG macht, merkt schnell, dass man ein gutes Stück entfernt ist vom monumentalen Kölner Dom, den Einkaufsmeilen der Innenstadt, den lebhaften Kneipen und trendigen Cafés des Stadtzentrums. Vingst ist wohl das, was man als „sozialen Brennpunkt“ bezeichnen würde. Viele Menschen hier müssen Bürgergeld beziehen, die Arbeitslosenquote ist hoch. Rund ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner haben eine Migrationsbiografie, der Anteil der Christen liegt bei etwa 40 Prozent.
Thorlak Aretz, Carolin und Jannis Hillenbrand und Dominik Maxelon passen auf den ersten Blick nicht so recht ins Bild dieses Stadtteils. Die vier Mitglieder der Vingst-WG stammen aus der Eifel, Südhessen, dem Rheinland und dem Ruhrgebiet. Sie sind zwischen 24 und 32 Jahre alt, erfolgreich in Studium und Beruf, katholisch und evangelisch. Man muss ihnen aber nicht lange zuhören, um zu verstehen: Sie gehören genau hierhin.

Alle Fotos: privat

In den fünf Jahren seit der WG-Gründung ist um sie herum eine Gemeinschaft von Menschen entstanden, die vielfältiger nicht sein könnte: Urkölsche Witwen und Menschen muslimischen, jesidischen oder hinduistischen Glaubens fühlen sich der Vingst-WG ebenso verbunden wie queere Personen und Menschen mit Behinderung. Längst sind innerhalb dieser Gemeinschaft Beziehungen entstanden. Da begleitet ein junger Iraker regelmäßig eine 80-jährige Frau nach Hause. Ein Arzt leistet Unterstützung bei medizinischen Schwierigkeiten. Andere geben Geflüchteten Deutschunterricht.
„Manchmal denke ich, das ist genau das, was Jesus gewollt hätte“, sagt Carolin. Für sie sind die Kontakte im Umfeld der WG mit der Begegnung zwischen Jesus und Zachäus vergleichbar: „Jesus hat den Kontakt zu Menschen gesucht, die keine Aufmerksamkeit in der Gesellschaft bekommen. Er ging auf sie zu, gegen alle Konventionen.“
Sie lebt seit 2019 mit ihrem Ehemann Jannis in der Vingst-WG. Die beiden waren von Anfang an dabei. Carolin hat gerade die Arbeit an ihrer Dissertation zum Thema Religion und gesellschaftlicher Zusammenhalt abgeschlossen; bald wird sie als Referentin für das Cusanuswerk tätig sein, im Bereich Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Bildungsförderung. Jannis ist Wirtschaftspsychologe und arbeitet als Personalentwickler für die Supermarktkette PENNY. Die beiden hatten sich in Taizé kennengelernt. Dort war der Wunsch entstanden, als Paar nicht allein zu leben, sondern gemeinsam mit anderen das Leben und den Glauben zu teilen.
Genau das ist es auch, was die Vingst-WG von anderen Wohngemeinschaften unterscheidet. Hier wohnen nicht einfach Menschen zusammen, die sich gut verstehen oder Kosten sparen möchten. Gegründet wurde diese „Engagement-WG“ von der Fokolar-Bewegung und der Kirchengemeinde St. Theodor und St. Elisabeth unter der Prämisse, dass die Bewohnerinnen und Bewohner sich in Pfarrei und Gesellschaft engagieren. Im Gegenzug können sie günstig in einer großzügigen Wohnung leben.
Für Carolin und Jannis, die auch den interreligiösen und interkulturellen Verein „Coexister“ mitgegründet haben, war schnell klar: Dieses Engagement sollte im spirituellen, interreligiösen sowie sozialen und gesellschaftspolitischen Bereich stattfinden und sich an junge Erwachsene richten. In der Pfarrei gibt es ein lebendiges Gemeindeleben. Die Angebote dort sind vor allem auf Kinder und Jugendliche sowie junge Familien zugeschnitten. Menschen zwischen etwa 18 und 35 Jahren werden eher weniger angesprochen. Diese Lücke füllt die Vingst-WG. Sie organisiert Konzerte, Spendenläufe, Blutspende-Aktionen, Karnevalspartys, Gebete oder Taizé-Fahrten. Die Angebote sind so vielfältig wie die Menschen und ziehen weite Kreise. Die WG hat einen „WhatsApp“-Newsletter eingerichtet sowie mehr als 500 Follower auf ihrem Instagram-Kanal.

Auf besonders große Resonanz stoßen die alle zwei Wochen stattfindenden „Pray&Stay“-Abende. Sie beginnen mit einer knapp 30-minütigen Andacht mit Taizé-Gesängen oder neuer geistlicher Musik in verschiedenen Sprachen, einem Text aus dem Evangelium, Stille oder einem geistlichen Impuls, einem offenen Fürbittgebet und einem Vaterunser. Auf die Andacht folgt ein gemütliches Beisammensein: Bei Snacks und Getränken kommt man ins Gespräch und lernt sich kennen.
Aus diesen Begegnungen ergeben sich weitere. Menschen werden aus ihrer Einsamkeit geholt, andere erhalten wichtige Unterstützungsleistungen. Was diese Abendgebete für die Menschen bedeuten, brachte ein Teilnehmer wie folgt auf den Punkt: „Für die Welt ist es vielleicht nur irgendein Gebet. Aber für viele ist das Pray&Stay die Welt.“ Eine Frau aus der Pfarrei lernte hier Thorlak kennen, der Technische Informatik studiert und seit 2020 in der Vingst-WG wohnt. Wenn sie Schwierigkeiten mit ihrem Computer hat, bittet sie ihn um Hilfe. „Manchmal sind die technischen Probleme gar nicht so groß“, berichtet Thorlak. „Oft geht es eher darum, dass wir einfach ein paar Worte miteinander wechseln.“

Auf Menschen zugehen, die am Rand stehen, Beziehungen knüpfen, Verbindungen stärken ist ein wichtiger Teil des Selbstverständnisses der WG-Mitglieder. Sie haben sich als Programm drei eingängige Slogans, sogenannte Hashtags, gegeben. Einer davon lautet #CreatingCommunity (Gemeinschaft schaffen). Der zweite ist #OpenDoors (offene Türen). In der WG sind häufig Gäste anzutreffen: mal zum Abendessen, mal für ein paar Tage zur Übernachtung oder einfach spontaner Besuch zwischendurch. „Wir wollen offene Türen und Herzen für alle Menschen haben. Egal, wie sie aussehen, woran sie glauben oder welche Sprache sie sprechen. Wir merken immer wieder, wie wichtig echte Begegnung ist – auch außerhalb der eigenen Bubble“, erklärt Dominik. Er lebt seit 2021 in der Vingst-WG. Neben seinem Lehramtsstudium für Musik und Spanisch, seiner Arbeit als Wissenschaftliche Hilfskraft und als Musiker setzt er sich besonders für soziale Projekte ein. Er war etwa Mitorganisator des Spendenlaufs Run4Peace, bei dem über 15 000 Euro für Menschen in Kriegs- und Krisengebieten zusammenkamen.

Foto: privat

Einander offen zu begegnen ist auch für die WG-Mitglieder selbst wichtig. Gerade weil bei ihnen – so der Name des dritten Hashtags – #immerwaslos ist, brauchen sie Zeiten für den persönlichen Austausch. Alle zwei Wochen unternehmen sie etwas gemeinsam, einmal im Monat treffen sie sich zum „Real Talk“, um über das zu reden, was sie bewegt. Hier kommen auch Konflikte zur Sprache. Für Jannis ist das ein wesentliches Element ihres Zusammenlebens. „Man könnte es natürlich leichter haben. Engagement und Gemeinschaft können auch anstrengend und zeitraubend sein. Aber wir haben gute Wege gefunden, uns den alltäglichen Herausforderungen zu stellen: Wir gehen achtsam mit uns selbst und den anderen um, spiegeln uns gegenseitig, bremsen uns notfalls auch“, sagt er mit einem Lächeln. Wenn man die vier erlebt, in ihrer Energie und Kreativität, ihrer Verwurzelung im Glauben und der ständigen Reflexion ihres Auftrags, kann man nicht anders, als ihm zuzustimmen.
Katharina Wild

DIE VINGST-WG
ist eine Wohngemeinschaft junger Christinnen und Christen im Kölner Stadtteil Vingst. In einer Wohnung der Katholischen Pfarrgemeinde St. Theodor & St. Elisabeth wohnen junge Erwachsene, die ihren christlichen Glauben in der Gemeinschaft mit anderen Menschen leben und sich in Gemeinde und Gesellschaft einbringen wollen.
Gegründet wurde die Vingst-WG 2019. Zuvor war die Wohnung von Franziskanerpatres bewohnt worden, die sich stark im sozialen Bereich engagierten. Als der Orden die Vingster Klostergemeinschaft schloss, entstand die Idee für das christliche Wohnprojekt. Wie die Franziskaner sehen die WG-Mitglieder ihre Aufgaben im spirituellen sowie sozialen Bereich.

Instagram: @Vingst-WG


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2025.
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