7. August 2025

Jenseits der Kulturkämpfe

Von nst5

Seit wenigen Wochen ist Leo XIV. Papst.

Was hat sein Vorgänger ihm hinterlassen? Welche Kirche schwebt ihm vor? Gedanken dazu aus unserem Nachbarland Slowakei.

Nach Jahren der Kulturkämpfe unter dem Pontifikat des charismatischen und mit Spontaneität gesegneten Papstes Franziskus erleben wir in den ersten Wochen von Leo XIV. eine Art Mysterienspiel der Einheit: Bis jetzt betrachten die verschiedenen innerkirchlichen Lager den Papst als ihren Verbündeten.
Natürlich ist es nicht die Aufgabe des Papstes, die Illusion einer falschen Einheit zu schaffen, und so ist es unvermeidlich, dass Papst Leo XIV. nach der anfänglichen Euphorie durch seine Worte oder Entscheidungen auch Konflikte hervorrufen wird.
Konflikte gehören dazu. Was die Konflikte während des Pontifikats von Franziskus immer wieder problematisch gemacht hat, war die Uneindeutigkeit seines Sprechens und Handelns.
Franziskus war eine faszinierende und starke Persönlichkeit, die auch die Aufmerksamkeit der nicht-katholischen Welt auf sich zog. Er war ein Populist im besten Sinne des Wortes, liebte den Kontakt mit den Medien und konnte mit den Massen sprechen. Gleichzeitig zeigte er in bemerkenswerter Weise ein konkretes Interesse an den Schicksalen von Außenseitern, ganz abseits der Kameras.
Diesen Franziskus erlebten wir auch in der Slowakei, wo er im Herbst 2021 ganze vier Tage verbrachte. Es war ein offenes Geheimnis, dass einer der Hauptgründe, warum Franziskus dem Besuch des kleinen mitteleuropäischen Landes so viel Energie widmete, das Schicksal des emeritierten Erzbischofs Robert Bezák war.
Für unser Land war es ein Trauma: Der damals 52-jährige Erzbischof von Trnava, dessen Ausstrahlung die Grenzen des Bistums überstieg, wurde am Ende des Pontifikats von Benedikt XVI. unerwartet abberufen. Es stellte sich heraus, dass der Grund dafür kein finanzieller oder moralischer Skandal war. Bezáks Problem war, dass er als Außenseiter an die Spitze eines sehr problematischen Bistums gekommen war. Er brach fragwürdige Netzwerke auf und warb für den offenen Dialog mit der Gesellschaft. Gleichzeitig verhielt er sich etwas zu kämpferisch und schuf sich unnötig viele Feinde.
Nach seiner Abberufung lebte er in Verbitterung und fast in Verzweiflung. Es schien, dass er nach dem Verlust seines Amtes auch den Glauben verlieren würde, nicht nur den an die Kirche.
Als Franziskus von seiner Geschichte erfuhr, tat er viel, um ihn aus dieser Situation zu retten – er kommunizierte diskret, schickte persönliche Gesandte zu ihm, suchte nach einem Ausweg. Er wollte die slowakischen Bischöfe nicht demütigen, eine Rehabilitierung und Rückkehr von Bezák war auch angesichts seiner Persönlichkeit nicht möglich. Er wollte aber nicht zusehen, wie der abberufene Bischof im Abseits leidet, und so umhüllte er ihn mit denkwürdiger menschlicher Aufmerksamkeit und hielt ihn in der Kirche.
Auch in der Slowakei zeigte er sein besonderes Papsttalent: Er lehrte die Katholiken größere Reife im Umgang mit den Wahrheiten des Glaubens in einer immer komplexer werdenden Welt. Seine Methode war das jesuitische Unterscheiden: Die Wahrheit soll nicht der Felsen ewiger Verdammnis sein und die Morallehre kein Knüppel gegen die Fallenden.

Illustration: (c) Frank Ramspott (iStock); starline (Freepik)

Zu viel Verwirrung
Franziskus’ Interesse an den Einzelnen und sein Fokus auf neue Formen der Pastoral mit den Menschen, die sowohl existenziell als auch geistlich am Rande stehen, war für die Kirche nicht nur ein Geschenk. Franziskus hat durch seinen Ansatz Widersprüche verursacht, die sich durch sein Pontifikat zogen: In der liberaleren Kirche, insbesondere in Deutschland, weckte er die Erwartung, dass einige Glaubenswahrheiten neu interpretiert würden. In konservativeren Kreisen löste er Misstrauen bis Entsetzen aus, dass sein wahres Ziel darin bestünde, die Lehre schrittweise zu verändern. In der Slowakei etwa, deren Katholizismus konservativ ist und gleichzeitig fast kindlich treu zu allem, was der Papst sagt, wurde eine neue theologische Disziplin geschaffen: Katholische Intellektuelle und Kulturschaffende versuchten, dem Gottesvolk zu erklären, dass der Papst überhaupt nichts ändern wolle, sondern nur von den Medien falsch interpretiert werde.
Die Realität war komplexer. Hier zwei kurze Beispiele: Die Fußnote 351 des nachsynodalen Schreibens Amoris Laetitia löste einen Sturm aus, weil sie eine Auslegung zuließ, der zufolge eine gültige katholische Ehe durch eine zweite zivile Ehe ersetzt werden kann. Franziskus schwieg zu dem Thema, was mehr Nebel als Licht brachte. Hatte Franziskus eine klare Linie, die er nur nicht vollständig offenbaren konnte?
Kurz vor Weihnachten 2023 schien es, dass das Dikasterium für die Glaubenslehre im Dokument Fiducia supplicans die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt. Das Dokument überraschte sogar die deutschen Bischöfe, obwohl es aus Sicht vieler nicht weit genug ging. Kardinal Reinhard Marx bezeichnete es als „eiernd“. Viele Bischofskonferenzen weltweit waren dagegen schockiert, einige verurteilten es explizit.
Das Dikasterium erklärte bald, dass sich überhaupt nichts ändere und das bereits zuvor in einem anderen Dokument formulierte Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare weiterhin gelte. Es seien nur spontane Segnungen von Menschen ohne liturgische Zeremonie möglich.
Der Vatikan hatte eine neue Flanke des Kulturkampfes eröffnet, mit einem ohrenbetäubenden Feuerwerk, das nichts erreichte, sondern noch größere Frustration zurückließ.
Wir wissen nicht genau, was Robert F. Prevost von diesen Kulturkämpfen denkt, die das Pontifikat von Franziskus prägten. Vielleicht deutet sein Papstname etwas an: Er nannte sich nicht Franziskus II., sondern Leo XIV. Er verwies dabei explizit auf Leo XIII., der von 1878 bis 1903 Papst war. Dieser verknüpfte auf hervorragende Weise die Tradition und die Auseinandersetzung mit Herausforderungen seiner Zeit, Kapitalismus und Sozialismus, und hinterließ ein großes Erbe, das von verschiedenen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche aufgegriffen wurde.
Die ersten Wochen von Leo XIV. geben Hoffnung auf ein Pontifikat, das den Ersatzkulturkämpfen entgeht, die die Katholiken spalten, Nicht-Katholiken abstoßen und zu keiner Lösung führen.

Inneres Verlangen
Wir leben in einer Zeit, in der der Neue Atheismus von Richard Dawkins oder Christopher Hitchens, der vor 20 Jahren in Mode war, erloschen ist. In der westlichen Welt verliert die institutionelle Religion weiterhin an Bedeutung, aber zugleich wächst das innere Verlangen nach dem Übernatürlichen.
Der Schwerpunkt von Leo XIV. auf der Verkündigung des Evangeliums, aber auch auf den dringenden Themen der heutigen Zeit – etwa die künstliche Intelligenz, die Arbeitswelt, Kommunikation und gesellschaftliche Beziehungen transformieren wird -, deutet bereits den Weg der Kirche an. Es ist eine Kirche, wie sie sich auch Leo XIII. und Franziskus gewünscht haben: nicht eine Kirche, die sich in sich selbst verschließt, sondern eine, die Quelle von Liebe, Wahrheit und Erkenntnis für die ganze Welt ist.
Martin Hanus

Martin Hanus
ist Chefredakteur der konservativen slowakischen Tageszeitung Postoj.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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