Tiere sind Mitgeschöpfe
Pfarrer Bernd Kappes

Pfarrer Bernd Kappes
ist Studienleiter an der Evangelischen Akademie Hofgeismar und Mitglied im Kuratorium des Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Er ist Autor des im Patmos-Verlag erschienenen Buches „Mitgeschöpfe – Vom Umgang mit Tieren aus christlicher Sicht“.
Wir haben gelernt, uns Menschen als Krone der Schöpfung zu betrachten und auf das Lebendige um uns herum unter der Perspektive des menschlichen Nutzens (herab) zu schauen. Es ist höchste Zeit, diese Sicht zu überwinden. Tiere sind Mitgeschöpfe – mit eigener Würde und eigenen Lebensrechten. Für einen anderen Umgang mit ihnen sprechen naturwissenschaftliche und biblisch-theologische Argumente.’
Evolutionsbiologisch ist LUCA unser aller „Last Universal Common Ancestor“, also der letzte gemeinsame universelle Vorfahr. Das ist der erste Einzeller, vor etwa 3,5 Milliarden Jahren entstanden. Alles Leben stammt von dieser Zelle ab: Pflanzen, Tiere, Pilze, Bakterien. Wir sind Nachfahren von Adam und Eva, aber auch von LUCA. Wir sind verwandt mit allem, was lebt. Die Tiere sind unsere älteren Geschwister.
In der Verhaltensbiologie hat sich das Verständnis der Tiere in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Ob es um das Denken, Fühlen oder Verhalten geht: Heute ist klar, dass viele Tiere über Eigenschaften verfügen, die zuvor als typisch und exklusiv menschlich angesehen wurden. So schreibt die Schimpansenforscherin Jane Goodall: „Wenn ich auf die fünfzig Jahre meiner Forschungen zurückschaue, ist es für mich eindeutig, dass wir Menschen nicht die einzigen Wesen mit Persönlichkeit, Verstand und Gefühlen sind und dass es keine scharfe Trennlinie gibt zwischen uns und dem Rest des Tierreichs.“
Da sich Menschen und Landtiere den Lebensraum des Trockenlandes teilen, teilen sie sich in der ersten Schöpfungserzählung auch den sechsten Schöpfungstag. Wie die Menschen werden auch die Tiere nach ihrer Erschaffung von Gott gesegnet – mit denselben Worten. Bei seiner Ernährung erhält der Mensch keine Vorrechte: Der Speiseplan von Mensch und Tier soll aus Früchten, Samen und grünem Kraut bestehen.
In der zweiten Schöpfungserzählung schafft Gott den Menschen aus Erde. Diesem „Erdling“ bläst er den Lebensatem in die Nase. Die Tiere bildet er genauso. Auch sie werden durch Gottes Odem zu lebendigen Wesen. Beide Schöpfungserzählungen erinnern uns: Wir sind Mitgeschöpfe unter Mitgeschöpfen.
In der Erzählung von der Arche soll Noahvon allen Tieren je ein Paar in die Arche bringen – nicht nur die, mit denen wir schmusen und die manche gern essen. In der Theologie der Arche sind alle Arten gleich wichtig. Die Arche ist Gottes Artenschutzprogramm für alle Lebensformen, nicht nur für die „Nutz-“ und „Haustiere“. Menschliches soll mit nicht-menschlichem Leben koexistieren können.
Der Bund Gottes nach der Sintflut gilt Mensch und Tier. „Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden.“ Auch die Tiere sind Gottes Bündnispartner. In der Theologie des Bundes sind sie nicht „Nutztiere“ des Menschen, sondern eigenständige, gleichberechtigte Partner Gottes.
„Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir.“ Zum Roten Faden der Enzyklika „Laudato si‘“ des verstorbenen Papstes Franziskus gehört die Wahrnehmung aller Lebewesen in ihrem Eigenwert. Diese Spiritualität der Mitgeschöpflichkeit gilt es zu stärken.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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