WORT DES LEBENS . PLUS
Bewegung nach unten
„Er sah ihn und hatte Mitleid“ (Lukas 10,33) heißt es im „Wort des Lebens“ für Juli. Was aber genau ist Mitleid?
Noch am Gründonnerstag dieses Jahres besuchte der schwer kranke Papst Franziskus das römische Gefängnis Regina Coeli. Er bedauerte, dass er den Gefangenen diesmal nicht die Füße waschen könne, wollte sie aber persönlich grüßen. Auf dem Weg hinaus fragte ihn eine Journalistin, wie es ihm gehe. Papst Franziskus wiederholte, was er stets zu sagen pflegte, wenn er ein Gefängnis besuchte: „Ich denke immer, dass auch ich hier sein könnte.“
Das Mitleid, von dem der Evangelist Lukas spricht, ist genau das: sich in den anderen hineinzuversetzen, das eigene Podest zu verlassen und mitzufühlen. Mitleid ist eine echte und ehrliche Bewegung nach unten. Wenn diese innere Bewegung ausbleibt, wird Mitleid zu einer herablassenden Haltung, die das Gegenüber nicht ernst nimmt, sondern eher als ein Objekt behandelt.
Doch Mitleid hat noch einen weiteren Aspekt: Es führt zu konkretem Handeln und bringt mich dazu, mein Gegenüber in seiner Situation zu schützen, zu stärken und sein Leid zu lindern. Auf den „Höfen der Hoffnung“ (Fazenda da Esperança) teilen wir unser Leben mit Suchtkranken und versuchen, sie mit unserer Liebe, unserem Mitgefühl und unserer Aufmerksamkeit in ihrem Heilungsprozess zu begleiten. Der andere muss jedoch bereit sein, Hilfe, Unterstützung und Fürsorge in Freiheit anzunehmen – andernfalls besteht die Gefahr, ihn für unsere Zwecke zu instrumentalisieren.
Um Mitleid empfinden zu können, sollte ich mich mit meinem Gegenüber verbunden fühlen – wie das Beispiel von Papst Franziskus zeigt: „… ich könnte hier sein.“ Ich muss mich auf die Lage meines Nächsten einlassen und sie als unverschuldet, ungerecht oder tragisch erkennen. Echtes Mitleid lässt nicht hilflos vor dem Leid des anderen stehen, sondern führt in einen kreativen und lebensbejahenden Prozess.
Ich erinnere mich an einen obdachlosen Mann, den wir während der Pandemie – zusammen mit einer Gruppe anderer Männer – aufgenommen hatten. Frisch bezogene Betten, saubere Kleidung, Hygieneartikel und eine herzliche Aufnahme wurden allen Neuankömmlingen zuteil. Als alle in dem Haus an einem Berg angekommen waren, in dem sie ihre Quarantäne verbringen sollten, zeigte mir dieser Mann eine wunde Stelle in seinem Gesicht. Ob ich nicht eine Salbe gegen die Hautirritation hätte? Ich machte mich auf den Weg zurück ins Tal, besorgte eine Creme, fuhr wieder hoch zum Haus und gab sie ihm.
Bis heute erinnert er sich weniger an meine Predigten als an diese konkrete Form der Zuwendung. Ich ahne: Genau darum geht es bei Mitgefühl, Mitleid und echter Anteilnahme.
P. Christian Heim
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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