2. Oktober 2025

Angehörige sollten sich Hilfe suchen

Von nst5

Elisabeth Reichel

Foto: privat

Elisabeth Reichel
ist promovierte Ärztin und hat in Wien eine Praxis für Psychotherapie. Als Psychiaterin war sie Ärztliche Leiterin des Forensisch Therapeutischen Zentrums Wien (FTZW) und hat mit kriminell gewordenen Patientinnen und Patienten gearbeitet. Sie lebt in einer Fokolar-Gemeinschaft.


Wird ein Mensch suchtkrank, beeinflusst das unweigerlich sein Umfeld: Partner, Kinder, Eltern. Anfangs versuchen Angehörige häufig, wie die abhängige Person auch, die Sucht zu verheimlichen oder herunterzuspielen. Sie neigen dazu, deren Aufgaben zu übernehmen, benachrichtigen die Arbeitsstelle, sagen ihre Termine ab, entschuldigen sie gegenüber Verwandten und Bekannten – in der Hoffnung, das Problem in den Griff zu bekommen. Dadurch geraten sie selbst in eine Spirale des Vertuschens und Beschwichtigens. Allmählich werden sie so Teil eines Abhängigkeitsgefüges, das man als Co-Abhängigkeit bezeichnet. Es ist verständlich, dass die Angehörigen alles dafür tun, um der süchtigen Person zu helfen. Bei jeder anderen Erkrankung würde man ebenso sämtliche Mittel ausschöpfen.
Es gibt keine allgemeingültige Definition von Co-Abhängigkeit; ähnliche Verhaltensmuster führen jedoch zu einem hohen Leidensdruck. Am meisten betroffen sind Kinder. Sie werden in ihrer Entwicklung gestört und leiden als Erwachsene oft unter Bindungsängsten, gestörten Beziehungen und psychischen Störungen. Kinder von Alkoholikern werden später häufig selbst suchtkrank oder suchen sich einen Partner, der abhängig ist.
Co-Abhängigkeit findet man vor allem bei stoffgebundenen Süchten wie Alkohol- oder Drogen-Abhängigkeit sowie bei Essstörungen, etwas seltener bei Spiel- oder Internetpornosucht, die leichter verborgen werden können. Vielen Angehörigen wird erst spät bewusst, dass sie ihr eigenes Leben aus den Händen gegeben und sich in der Suchtdynamik verloren haben.
Sucht ist schambehaftet, gilt sie doch oft als Zeichen von Willensschwäche, und bringt soziale Ausgrenzung mit sich. Deshalb versuchen die Angehörigen, die Familie zu schützen – und kämpfen zugleich mit ihrer Wut auf die Sucht, die Substanz, die betroffene Person. Sie sind ständig unter emotionaler Anspannung, zerrissen zwischen dem Wunsch, den Alltag aufrechtzuerhalten, und dem Bemühen, die Abhängigkeit zu bekämpfen. Oft suchen sie Rat bei Beratungsstellen und müssen erleben, dass Hilfe nur möglich ist, wenn die abhängige Person dazu bereit ist. Das hinterlässt Hilflosigkeit, Ohnmacht und Zorn.
Ein heilsamer Weg bestünde darin, die Erkrankung anzuerkennen, Abstand zu gewinnen und die Verantwortung für das Handeln der erkrankten Person zurückzugeben: Sie trägt die Verantwortung für ihr Leben. Angehörige sollten ihr eigenes Leben wieder in den Blick nehmen.
Im Gespräch mit der betroffenen Person ist Ehrlichkeit wichtig: „Ich weiß, dass du getrunken hast.“ Dabei kann man Unterstützung vorschlagen, etwa: „Ich würde dir empfehlen, den Arzt aufzusuchen oder wieder zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen“. Dabei ist es entscheidend, emotionale Distanz zu wahren.
Manchmal bleibt trotz aller Bemühungen die erhoffte Veränderung aus. Für die Angehörigen bedeutet loslassen, sich wieder eigenen Interessen, Freundschaften und Hobbys zuzuwenden und offen über das Thema Sucht zu sprechen. Um die Balance zwischen Fürsorge und Distanz zu finden, ist es für Angehörige besonders wertvoll, sich selbst Unterstützung zu suchen – etwa in einer Psychotherapie oder in Gruppen, die speziell auf sie zugeschnitten sind.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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