1. Oktober 2025

WORT DES LEBENS . PLUS

Von nst5

Gott und Mensch als Hüter

Mit der Aussage, dass Gott „im Anfang“ die Welt – „Himmel und Erde“ – erschuf, beginnt das erste Kapitel der ganzen Bibel (Genesis 1,1). Doch damit beginnt auch das Missverständnis. Der Anfang der Bibel erzählt vom Beginn von Gottes Schöpfungswirken, doch dieses endet nicht damit, dass er schließlich sein Werk vollendete und dann ruhte (vgl. Genesis 2,1–3). Vielmehr sagt der Schöpfungsbericht in Form einer Erzählung aus, was nicht nur am Anfang, sondern fortwährend geschieht.
Dass Gottes Schöpfungswirken beständig fortdauert, kommt denn auch in einer Wendung zum Ausdruck, die sich im Psalter fünfmal wiederholt, die allerdings in den gängigen Übersetzungen ungenau wiedergegeben wird mit „der Himmel und Erde gemacht hat“ (Psalm 115,15; 121,2; 124,8 etc.). Der hebräische Text verwendet hier keine Vergangenheitsform, sondern ein Partizip Präsens und bezeichnet folglich eine kontinuierliche und andauernde Handlung: „der Himmel und Erde am Machen ist.“ Das ist nun freilich auch wieder missverständlich, insofern die fortdauernde Handlung Gottes nicht eine des „Machens“, sondern des Erhaltens ist. Gott schenkt seinem Schöpfungswerk fortwährend, durch alle Zeiten hindurch, Bestand und erhält es im Dasein. Die Theologie verwendet dafür den Begriff der creatio continua, in Unterscheidung zur creatio prima.
Psalm 104 beschreibt dieses beständige Schöpfungswirken Gottes in Form eines Lobgebets: „Du lässt Quellen sprudeln in Bäche … sie tränken alle Tiere des Feldes. … Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Pflanzen für den Ackerbau des Menschen. … Auf dich warten sie alle, dass du ihnen ihre Speise gibst zu rechten Zeit.“ (Psalm 104,10.11.14.27).
Gott spricht also gewissermaßen in jedem Moment zu jedem einzelnen Geschöpf sein „Sei!“ und sein „Werde!“ Uns Menschen wird diese Zusage des Schöpfers durch unsere eigene Existenz erfahrbar, aber auch indirekt durch die Mitgeschöpfe, etwa durch die Blume am Wegrand, die uns mit ihrer Schönheit bezaubert, oder die Wolke, die uns Schatten spendet. Daher kann der Beter, die Beterin in Psalm 121,2 voll Vertrauen und Zuversicht bekennen: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ – Ich baue auf den Beistand von Gott, der mir in jedem Moment neu mein Dasein zusagt. Im Psalm als Ganzes wird diese Zusage dadurch unterstrichen, dass Gott sechsmal als schomer angesprochen wird, was „Hüter, Bewahrer, Beschützer“ bedeutet. Das Wort begegnet uns das erste Mal in der Bibel in Genesis 2,15: Gott gibt dem Menschen Wohnsitz im Garten Eden, damit er ihn „bearbeite und hüte“.
Der Mensch, von Gott, dem „Hüter“, nach seinem Bild geschaffen (vgl. Genesis 1,26f), wird selbst zum Hüter seiner Mitgeschöpfe. Daran erinnern uns auch kirchliche Gedenktage zum Septemberbeginn: der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung (orthodox und katholisch) am 1. September und der Ökumenische Tag der Schöpfung am 5. September.
Tobias Häner


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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