Von Finsternis umfangen
Immer mehr Menschen leiden unter Einsamkeit.
Trotzdem ist sie nicht neu. Schon das Alte Testament beschreibt ihre Gefahren in eindrücklichen Bildern.
Illustration: (c) Kamila Baimukasheva (iStock); starline (Freepik)
Nicht nur in grauen Wintermonaten suchen die einen Ruhe und Stille, möchten bewusst allein sein, während andere unter Einsamkeit und sozialer Isolation leiden, junge und ältere Menschen gleichermaßen. Einsamkeit erscheint dabei – vor allem seit der Pandemie – als neues gesellschaftliches Phänomen. Dabei weiß schon das Alte Testament um ihre Gefahren. Sein Menschenbild ist geprägt davon, dass der Mensch nur in gesellschaftlicher Einbindung existieren kann. Jede Absonderung ist demnach (lebens-)bedrohlich.
Nun weiß die Bibel nicht nur um die Bedeutung der sozialen Beziehungen, sie kennt auch die vielfältigen Konflikte, die zwischen Menschen aufbrechen können; sie weiß von Hass, Gewalt, Feindschaft. Sie kennt üble Nachrede – die wir heute als Mobbing und Shitstorm bezeichnen. Das alles kann zu Ausgrenzung und Isolation führen.
Was also, wenn die Einbindung in die Gemeinschaft nicht gelingt? Wenn jemand ausgegrenzt wird? Das Alte Testament kennt viele Figuren, die das erleben. Ein Blick auf sie zeigt überraschende Parallelen zu heute.
Einsamkeit muss nicht bedeuten, dass keine anderen Personen da sind. In einigen Psalmen kommt ein Ich zu Wort, das sich von Verfolgern und Feinden bedrängt fühlt (Psalm 3,2). Es ist die Rede von Spott (Psalm 22,7-9; 69,8.13), von Lüge und übler Nachrede der Gegner (Psalm 5,10; 27,12). Darin gleicht die soziale Dynamik der heutigen: Wer scheinbar überall auf Ablehnung und abwertende Äußerungen stößt, kann sich schnell von allen ausgegrenzt und einsam fühlen (vgl. Psalm 69,9).
Der Tod mitten im Leben
Weil die körperliche und die soziale Dimension des Lebens in den biblischen Texten eng verbunden sind, kann soziale Vereinzelung dort durch Bilder des Todes ausgedrückt werden. Eindrücklich erzählt Psalm 88, dass Tod mitten im Leben erfahrbar sein kann und die Isolation des Einzelnen anzeigt: „Mit Leid ist meine Seele gesättigt. Mein Leben berührt die Totenwelt.“ Statt menschlicher Nähe umfängt den Einsamen nur noch „Finsternis“ (88,19).
Gefährdet sind in der damaligen patriarchalen Gesellschaft vor allem Frauen, besonders verwitwete. Davon erzählt unter anderem das Buch Rut: Nur weil Rut solidarisch ist mit ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegermutter Noomi, entgehen beide der schwierigen Lage. Offensichtlich war die Einsamkeit der Witwen in der Kultur damals so bekannt, dass das Bild auch auf andere Situationen übertragen wird. So wird im Buch der Klagelieder (1,1) über die Stadt Jerusalem gesagt: „Wie sitzt sie einsam da, diese einst so volkreiche Stadt, einer Witwe wurde sie gleich. Niemand ist da, sie zu trösten.“
Mit „sozialem Tod“ beschreiben wir auch heute die Lage derer, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind und nicht dazugehören dürfen. Psalm 22 sagt es so: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch.“ Diese Person fühlt sich als „der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf.“ (Vers 7f.)
Manche Begrifflichkeiten in den Psalmen könnten auch Depressionen beschreiben, eine reale Gefahr bei Vereinsamung.

Besonders bedrückend wird Einsamkeit auch im Alten Testament, wenn Freunde und Verwandte sich abwenden (Psalm 41,10; 88,9.19) oder hinter dem Rücken des Betroffenen reden (Psalm 41,7). Sehr eindrücklich erlebt das der leidende Ijob. Nach der anfänglichen Solidarität seiner Freunde fühlt er sich zunehmend unverstanden und allein, sogar wie ein Fremder im eigenen Haus (Ijob 19,14f.). Noch schlimmer aber ist es für ihn, dass er sogar Gott als einen erlebt, der sich gegen ihn wendet (vgl. Ijob 6,4; 16,11-14; 30,22f.). Dennoch hält er an ihm fest (Ijob 19,25). Denn die Trennung von Gott wäre das größte Übel.
Auch die Psalmen sind überzeugt, dass ein abwesender Gott die eigentliche Ursache ist für Anfeindung und Ausgrenzung. Umgekehrt kann nur die Zuwendung Gottes Abhilfe schaffen. Wie Ijob wenden auch die Psalmen sich – manchmal klagend und ringend – immer wieder an Gott, halten an ihm fest.
Rettender Anker
Neben den Situationen unfreiwilliger Einsamkeit gibt es aber auch Entscheidungen, die bewusst zur Absonderung führen. Ein prominentes Beispiel ist Psalm 1: „Selig der Mensch, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.“ Dieser Mensch möchte nicht Teil der mobbenden und ausgrenzenden Gruppe sein. Er hält sich fern, möchte nichts mit ihnen zu tun haben, weil das nicht dem entspricht, was Gott möchte. Eine bewusste Entscheidung kann dazu führen, dass man ausgegrenzt oder selbst zum Opfer von Lästerern wird.
Das trifft nicht nur den Menschen von Psalm 1, der dann am Ende wieder eine Gemeinschaft findet. Andere Erzählungen sind die von Daniel und seinen Freunden (Daniel 1-6) oder von Tobit. Sie halten gegen Widerstände an ihrem Glauben, den Geboten, ihren Überzeugungen fest. Ein Verachteter und von den Anderen Ausgeschlossener ist auch der Gottesknecht bei Jesaja (52,13-53,12).
Bei vielen Propheten führt ihre Berufung zur Einsamkeit – vor allem wenn sie die Sichtweise Gottes verkünden und zur Umkehr aufrufen. Das eindrücklichste Beispiel ist Jeremia, der sogar lieber „eine Herberge in der Wüste“ (9,1), dem einsamsten aller Räume, bewohnen würde, als mit diesem Volk zu leben. Er muss seiner Berufung folgen, auch wenn sie in die Isolation führt.
Anfeindung erlebt auch Elija (vgl. 1 Könige 16-19), der sich gegen König Ahab stellt. Er muss fliehen, wird aber von Gott versorgt. Darin unterscheidet sich seine Lage von der Jeremias, der diesen Beistand vermisst. Elija flieht in die Wüste, um zu sterben. Er sucht die Einsamkeit und die Todesnähe, findet in der Wüste aber nicht den Tod. Denn Gott schickt seinen Engel, der ihn versorgt und ihn zum Gottesberg Horeb schickt, wo er seinem Gott begegnet. Die Wüste wird vom Raum der Todesnähe zum Raum der Gottesbegegnung.
Einsamkeit kann also im Alten Testament – auch wenn sie negativ erfahren wird – positive Wirkungen haben. Dennoch: Weitaus belastender ist damals – wie auch heute – die Erfahrung der sozialen Ausgrenzung. Das Festhalten an Gott kann in eine solche Isolation führen, doch meist ist die Gottesbeziehung der rettende Anker, der aus der Einsamkeit heraus und zurück in die Gemeinschaft führt.
Vielleicht machen schon diese wenigen Pinselstriche deutlich, wie aktuell die biblischen Texte sind. Gerade weil die Bildsprache etwa in den Psalmen so offen ist, kann man vielfältige Situationen damit verbinden. Und auch wenn die Texte keine Lösungen liefern, lassen sie doch den Raum, sich und die eigene Lage darin wiederzufinden und also nicht ganz allein zu sein. Sie fordern zu einem intensiven Ringen mit jenem Gott heraus, der so beständig nach Gemeinschaft mit den Menschen sucht.
Carolin Neuber ist Professorin für Exegese des Alten Testaments an der Theologischen Fakultät Trier. Sie forscht zu Propheten, Psalmen, Anthropologie und ökologisch-sensibler Exegese.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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