Ausgestreckte Hände
Am 18. November kamen deutsche und polnische Bischöfe in Breslau zusammen,
um einen historischen Briefwechsel von 1965 zu feiern. Ihre Botschaft heute: den Nachbarn verstehen und einfühlsam mit den Verletzungen der anderen umgehen.
Foto oben: (c) DBK/Rafael Ledschbor
Es steht nicht zum Besten um die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland. Immer noch nicht. Oder müsste man eher sagen: erneut nicht? Viele Menschen in Polen – gerade unter den katholischen Christen – sehen die politische und kirchliche Entwicklung in Deutschland kritisch. Sie glauben Werte bedroht, die ihnen geradezu heilig sind, etwa Familie und Nation. Aus Deutschland erwartet man wenig Gutes, sieht aber gleichzeitig kaum eine Chance, sich gegen den als negativ empfundenen Einfluss zu schützen.
WELCH EIN ZEUGNIS
Und Deutschland? Übersieht Polen oft. Der Blick geht eher nach Westen und Süden. Und wenn er nach Osten geht, dann direkt nach Russland. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich das zwar ein wenig verändert, doch weiterhin fühlen sich viele Polen von den Deutschen nicht gesehen – und wenn doch, dann auf belehrende Weise.
Vor diesem Hintergrund erhielten die katholischen Bischöfe in Deutschland im Herbst eine Einladung ihrer polnischen Kollegen: Kommt nach Breslau. Dann können wir den 60. Jahrestag des Briefwechsels zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen von 1965 feiern.

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Dieser Briefwechsel aus der Schlussphase des Zweiten Vatikanischen Konzils ist tatsächlich ein Gedenken wert. Die weltweite Versammlung der katholischen Kirche (1962-1965) hatte den Bischöfen der beiden Länder die Möglichkeit gegeben, einander kennenzulernen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war da gerade einmal 20 Jahre her. Polen war das erste Opfer dieses von Deutschland begonnenen Vernichtungskrieges. In den sechs Jahren zwischen 1939 und 1945 kamen rund 5,6 Millionen Polen ums Leben. Jede polnische Familie hat einen oder mehrere Kriegstote zu beklagen – ein Schmerz, der bis heute nachwirkt. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie viel näher dieses Leid 1965 vor Augen stand.
In diese Zeit hinein schrieben die polnischen Bischöfe ihren Mitbrüdern in Ost- und Westdeutschland am 18. November 1965 einen Brief, der in dem Satz gipfelte: „Wir … gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“
Welch ein Zeugnis christlicher Versöhnungsbereitschaft! Es hat bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren. Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, formulierte es bei der Jubiläumsfeier in Breslau so: „Als die Wunden noch offen waren, geschah etwas, das uns Deutsche bis heute beschämt und zugleich Hoffnung schenkt: Die Bischöfe Polens wandten sich in einer Botschaft den deutschen Mitbrüdern – und in gewissem Sinne damit dem deutschen Volk – zu. Sie traten nicht als moralische Richter auf; das wäre verständlich gewesen. Sondern sie schrieben die unvergesslichen Worte: ‚Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.‘“
IN BEIDEN LÄNDERN UMSTRITTEN
Die deutschen Bischöfe erkannten die historische Bedeutung der polnischen Versöhnungsinitiative und antworteten ihrerseits mit einem Brief, der mit den Worten endete: „Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der ‚regina pacis‘ (Königin des Friedens), dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne!“
Der Briefwechsel war in beiden Ländern umstritten. Auf deutscher Seite war da die Frage der Vertriebenen: Etwa sieben Millionen Menschen hatten zwischen 1944 und 1949 die nun zu Polen gehörenden Gebiete des Deutschen Reiches verlassen müssen. Die Rücksicht auf die Vertriebenen führte dazu, dass die deutschen Bischöfe sich in ihrer Antwort nur zurückhaltend zu politischen Fragen äußerten. Den einen ging es dennoch zu weit, anderen nicht weit genug.

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In Polen wirkte die Versöhnungsinitiative der Bischöfe befremdlich. Viele Menschen dort konnten der Geste der Bischöfe nicht folgen. Der Gedanke, den Deutschen ihre Verbrechen zu vergeben, stieß auch in kirchlichen Reihen auf Unverständnis; erst recht eine an die Deutschen gerichtete Bitte um Vergebung. Die Bischöfe selbst waren so verunsichert über die Wirkung ihrer Geste, dass sie in einem Hirtenbrief vom 10. Februar 1966 die Bitte an die Deutschen um Vergebung relativierten.
Mittelfristig jedoch entfaltete der Briefwechsel eine große Kraft – weit über die katholische Kirche hinaus. Zusammen mit der „Ostdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland von Oktober 1965 gilt er als bahnbrechender Beitrag zu den deutsch-polnischen Beziehungen. Mit der Ostpolitik der westdeutschen Regierung ab 1969 trat eine Entspannung ein, die in den Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 mündete. Am selben Tag besuchte Bundeskanzler Willy Brandt das Mahnmal für den Aufstand im ehemaligen Warschauer Ghetto und kniete dort nieder.
EIN ZEICHEN DER NÄHE
Nach dem Fall der Berliner Mauer (1989) und mit dem Beitritt Polens zu NATO (1999) und EU (2004) setzte sich die Annäherung fort, ehe seit etwa 2015 die Spannungen wieder zunehmen, wie etwa die unterschiedliche Wahrnehmung von Diversität und Migration oder die Forderung Polens nach Reparationszahlungen zeigen.
Umso stärker war der Wunsch der katholischen Bischöfe beider Länder, bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des Briefwechsels ein Zeichen der Nähe und Verbundenheit zu setzen. Sie beschränkten sich nicht darauf, ein Ereignis der Vergangenheit zu würdigen. Stattdessen hoben sie die bleibende Aufgabe der Versöhnung hervor und betonten in einer von den Vorsitzenden der beiden Bischofskonferenzen unterzeichneten Erklärung:

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„Auch wenn auf dem Weg der deutsch-polnischen Versöhnung Großes erreicht werden konnte, das weit über das hinausgeht, was Menschen sich 1945 vorstellen konnten: Die historischen Verletzungen prägen unsere Gegenwart bis heute. Mehr noch: Manche politischen Akteure versuchen, das immer noch Schmerzende und das historisch Unabgegoltene politisch zu nutzen. Für uns ist klar: Politische Spiele mit den historischen Verletzungen widersprechen dem Geist der Versöhnung, wie er im Briefwechsel zum Ausdruck kam.“
Damit Gesten und Erklärungen bleibende Wirkung entfalten können, sollten sie von möglichst vielen Menschen aufgegriffen werden. Die Stadt Breslau ist mit gutem Beispiel vorangegangen, indem sie das Jahr 2025 zum Versöhnungsjahr ausrief. Mit weit über 100 Veranstaltungen hat sie Impulse für die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen gesetzt – unter anderem bei einer Begegnung von polnischen und deutschen Geschichtslehrerinnen und -lehrern.
So ist das Gedenken an den Briefwechsel eine Gelegenheit für jede und jeden, sich zu fragen, was Versöhnung heute heißt, welche Schritte nötig und möglich sind. Wie sehr können und wollen Polen und Deutsche Freunde sein? Auch hier bietet die gemeinsame Erklärung der Bischöfe einen guten Ansatzpunkt: „Es geht nicht vor allem darum, Recht zu haben, als vielmehr den Nachbarn zu verstehen und empathisch mit den Verletzungen der anderen umzugehen.“
Wenn sich viele Menschen darauf einlassen, dann gibt es guten Grund zu der Hoffnung, dass sich die Beziehung zwischen Polen und Deutschland wieder zum Besseren wendet – eine Beziehung von besonderer Bedeutung für das Europa von heute.
Briefwechsel
966 hatte mit der Taufe von Herzog Mieszko I. die Christianisierung Polens begonnen. Unter den polnischen Bischöfen reifte die Erkenntnis, dass man das 1000-jährige Jubiläum dieser „Taufe Polens“ nur im Geist der Nächsten- und Feindesliebe begehen könne. Dies bildet den Hintergrund für ihren Brief an ihre deutschen Mitbrüder vom 18. November 1965, der vom Apostolischen Administrator in Breslau, Erzbischof Bolesław Kominek, verfasst wurde. Die deutsche Antwort vom 5. Dezember entwarfen zwei Bischöfe aus der DDR: Alfred Bengsch aus Berlin und Gerhard Schaffran aus Görlitz.
Vertiefende Information und die beiden Briefe im Wortlaut finden sich unter dbk.de.
Eine historische Einordnung gibt ome-lexikon.uni-oldenburg.de.
Peter Forst
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026 .
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