Den anderen zugewandt
Maria Schwake

Maria Schwake,
Gymnasiallehrerin, Systemische Beraterin und Mutter von vier erwachsenen Kindern
Für meinen Beitrag möchte ich den Fokus auf das Lebensumfeld Familie und Kinder legen, bin mir aber sicher, dass die Übertragung auf das Berufsleben gut gelingen wird.
Ich kenne ein pädagogisches Konzept, das damit beginnt, dass das Kind 14 Tage lang nur gelobt wird. Es erhält keine Kritik, kein Schimpfen. Der Wunsch zu loben löst bei den Eltern Suchprozesse nach Stärken und positives Denken aus und erneuert so die innere Einstellung und Beziehung zum Kind. Erstaunlich schnell verbessert sich die Atmosphäre in der Familie. Mögliche Konflikte schaukeln sich nicht hoch, das Gute bekommt Raum! Wir kennen die Situation bei Tisch. Während alle essen und erzählen, kippt irgendwann der Becher um, und dann wird geschimpft! Man könnte sich im Nachhinein fragen, was man alles hätte loben können, etwa das Stillsitzen, die geschickte Handhabung von Löffel oder Gabel, … In Anbetracht der Tatsache, dass das Kind so viel richtig gemacht hat, erscheint das Schimpfen als unfair.
Wie sollte Lob aussehen? Grundsätzlich sollte ein Lob konkret sein und zeitnah erfolgen. Ein Lob, das ohne Wortemit einem Zunicken oder `Daumen hoch´ gegeben wird, ist besonders zeitnah und stellt eine Verbindung her. Ein Lob unter vier Augen wirkt oft besonders intensiv. Ein anerkennendes Wort vor anderen hebt den Gelobten hervor, birgt aber die Gefahr von Missgunst bei den Mithörern.
Was bewirkt Lob? Lob stärkt das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten. Als ich einen Fünftklässler beim Klassenraumfegen lobte: „Du kannst ja toll fegen!“ erklärte er mir mit Stolz gefüllter Brust, dass er zu Hause immer den Hof fegen müsse.
Ein Lob hebt Fähigkeiten hervor und stärkt somit die Identität: „Den Text für die Geburtstagskarte hast du sehr persönlich auf das Geburtstagskind hin formuliert.“
In Abgrenzung zum Dank dafür, dass ich aus dem Verhalten des Partners Nutzen gezogen habe, ist ein Lob uneigennützig und fördert Respekt und Wertschätzung.
Sollte ich das Kind für sein Bild loben? Ich denke nicht, denn wer bin ich, dass ich das Bild bewerte. Aber ich kann ausdrücken, was das Bild in mir bewirkt: „Das Bild macht mir gute Laune, es erfreut mich! Es hat helle freundliche Farben, die mich an Sommertage erinnern und mir guttun.“
Es muss nicht immer ein Ergebnis gelobt werden. Ein Lob während eines Prozesses auszusprechen, kann als Motivation dienen, dranzubleiben und Schwierigkeiten zu überwinden. „Ich bewundere deine Geduld, mit der du jetzt schon so lange übst, Fahrrad zu fahren!“ oder „… die Stromschaltung zu reparieren!“ Dieses Lob setzt neue Energien frei, nicht aufzugeben.
Durch ein Lob können wir Werte im sozialen Miteinander hervorheben. Ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist es, lebensbereichernd für andere Menschen zu leben. „Du warst leise im Treppenhaus, sodass keiner gestört wurde.“ Dieses Lob gibt dem KindWürde und Bedeutung. Es erlebt, dass es einen wichtigen Beitrag für andere leisten kann.
Kann man zu viel loben? Allgemein gilt, dass das Verhältnis von Lob zu Kritik im Verhältnis 5:1 stehen sollte. So kann sich jeder fragen, ob er zu viel oder zu wenig lobt.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026 .
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