Die entsetzliche Lücke
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“
Ich lebe in Augsburg – eine Stadt, die man aus gutem Grund auch „Baugsburg“ nennen darf: Ständig wird irgendwo gebuddelt oder gebaut, egal ob für Straßen, den Bahnhof oder das Stadttheater. Nicht selten stiftet das Unmut. Dann wird diskutiert, ob und was davon nötig ist. Etwa: „Müssen für den neuen Platz die alten Bäume wirklich weg?“
Einfach so hinnehmen muss man das Neue nicht. Schon gar nicht nur um des Neuen willen. Mit dem Neuen sollte schon eine Verbesserung einhergehen, sonst könnte man es ja beim Bewährten lassen.
Neues selbst erschaffen, kostet Kraft. Und eine Gewissheit, ob das Neue so viel besser wird, die gibt es nicht. Noch nicht. Schon gar nicht für die, die nur zuschauen. Viel stemmt nun die Hoffnung …
Den Wunsch nach Verbesserung trägt wohl jeder in sich. Aushalten will aber kaum einer die graue Nebelsuppe dazwischen, diesen ekligen Zustand: Das Neue – in weiter Ferne. Das Alte – nicht mehr da. In diesem Moment ist nichts greifbar; das tut weh.
Stattdessen tut sich zusätzlich ein Anblick reinster Zerstörung auf: Wo früher mehrstöckige Häuser standen, sieht es nun aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Schön ist das nicht – und angenehm schon gar nicht!
Das hinduistische Konzept „Trimurti“ benennt drei Kräfte, die den natürlichen Rhythmus des Lebens bestimmen: das Entstehen, das Erhalten – und das Zerstören. Letzteres will kaum einer wahrhaben. Es ist aber nötig, es gehört dazu. Ob wir wollen oder nicht.
Wir kommen also nicht darum herum, „diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ auszuhalten oder – besser noch – gleich anzunehmen. In dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff tun sich gleich mehrere Lücken auf: die zwischen sorgloser Studienzeit und Erwachsenwerden, und auch die Lücke, die der Großvater nach seinem Tod hinterlässt. Das Buch ist Band drei von bislang sechs Teilen. Es markiert also maximal die Mitte, es geht weiter. Wie viel mehr, weiß nur der Autor selbst. Ob ihn die Lücke heute noch so verunsichert wie damals?
Miriam Lochner
Miriam Lochner,
1980 in München geboren, ist studierte Kommunikationsdesignerin. Als solche hat sie das Layout der Neuen Stadt mitentwickelt. Seit 2025 textet und designt sie freiberuflich. Von nun an wird sie regelmäßig für diese Rubrik schreiben und einen „kulturellen Blick“ auf eines der beiden „Worte des Lebens“ werfen – diesmal auf das Februar-Wort: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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