Geschützter Raum
In der Gruppe „Architektur im Dialog“
kommen Architektinnen und Architekten zu einem ehrlichen Austausch über persönliche, spirituelle und berufliche Erfahrungen sowie grundlegende Themen der Architektur zusammen.
Walter Klasz hat schon unterschiedlichste Gebäude entworfen: ein Neuschneelabor, ein Tourismuskolleg, Kanzleien und Wohnhäuser, immer wieder auch Sakralbauten. Besonders ist ihm die Arbeit an der Herz-Jesu-Kapelle am Rauschbrunnen in Erinnerung geblieben. Die Jungbauernschaft Tirol hatte ihn gebeten, einen Entwurf anzufertigen. Bauen wollten sie die Kapelle selbst. Walter war von der Idee nicht so recht überzeugt. In seinen Augen gab es in der Gegend mehr als genug Kapellen. Wozu noch eine weitere bauen? Daher schlug er vor, stattdessen eine Skulptur aufzustellen. Dieser Vorschlag rief bei den Jungbauern Empörung hervor. „Sie hätten mich fast mit der Heugabel weggejagt“, erinnert sich Walter, der in Kremsmünster (Oberösterreich) lebt und arbeitet. Er erarbeitete also doch einen Entwurf für eine Kapelle, der großen Anklang fand, zog ihn kurz darauf allerdings wieder zurück. „Für mich hat sich das falsch angefühlt“, erklärt er. „Ich hatte das Gefühl, den Jungbauern damit zu sehr entgegenzukommen.“ Kurze Zeit später erreicht ihn ein Anruf des Bischofs. Er bittet Walter, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Walter lässt sich darauf ein, und so entsteht ein Entwurf, der sowohl der Jungbauernschaft gefällt als auch Walters eigenen Maßstäben genügt.

Entstanden ist auf diese Weise ein Raum, der keine Tür im klassischen Sinn hat. Man betritt die Kapelle durch eine aufgebrochene Wunde: Aus der fensterlosen Außenhülle, die aus Lärchenschindeln besteht, ist ein scherbenförmiges Stück herausgebrochen. In der Kapelle stehen elf einfache Holzhocker. Der zwölfte Hocker fehlt, genau an der Stelle, an der sich die offene Wunde befindet. Für Walter ist dies ein Symbol für Offenheit: die Offenheit des Raumes, aber auch die Offenheit der Christinnen und Christen, die ihre Traditionen pflegen und zugleich dem Fremden und Neuen gegenüber aufgeschlossen sind.

DIALOG IN DREI RICHTUNGEN
Dieses Projekt zeigt, wie wichtig Dialog im Architekturbetrieb ist. Für Christine Konrad geht es in diesem Beruf nicht ohne. Seit 2003 betreibt sie mit einer Kollegin ein Architekturbüro im österreichischen Linz. Neben Wohnhäusern und Amtsgebäuden realisiert sie Schulbauten. Dialog hat für sie drei Aspekte: das Gespräch mit den Menschen, von denen der Auftrag kommt; das Gespräch mit den Menschen, die das Gebäude bauen; und das Gespräch mit den Menschen, die das Gebäude später nutzen. Außerdem spielt für sie auch der Dialog mit dem öffentlichen Raum eine Rolle. Ihr ist es wichtig, dass ihre Bauten kein Selbstzweck sind. Sie sollten Interaktion ermöglichen, auf den sie umgebenden Raum ausstrahlen.
Markus Thiel, Architekt aus Köln, sieht das ähnlich. In seinem Architekturbüro, das er gemeinsam mit einem Kollegen führt, sind Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtige Themen. Für Markus ist ein Bauprojekt ein dialogischer Prozess: „Man muss sich auf die Wünsche des Bauherrn einlassen, aber auch Begrenzungen aufzeigen.“ Das ist manchmal nicht einfach und birgt Konflikte: Termine müssen eingehalten, Kosten berücksichtigt, mit Mängeln umgegangen werden. Da kann es schonmal krachen. Markus sieht seine Aufgabe darin, sich diesen Konflikten zu stellen und Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten tragbar sind. Er findet es gut, dass er in der Gruppe „Architektur im Dialog“ (AiD) auch über solch schwierige Erfahrungen reden kann. An einem der gemeinsamen Wochenenden haben die Gruppenmitglieder viel übers Scheitern gesprochen. Im Berufsalltag geschehe das praktisch nie, erklärt Markus. Dabei gehöre Scheitern in schöpferischen Berufen einfach dazu.

Auch Sacha Neukirch schätzt es sehr, dass die AiD-Gruppe einen geschützten Raum bietet. Er ist als Projektleiter in einem Münchner Architektur- und Planungsbüro tätig. In den Gesprächen mit den anderen AiD-Mitgliedern ist für ihn die gegenseitige Wertschätzung besonders wertvoll. Alle könnten ungefiltert alles sagen; jeder Beitrag werde gehört und ernst genommen. „Dadurch gewinne ich oft eine neue Perspektive auf Dinge, bei denen ich im ersten Moment denke: Kenne ich schon.“ Sachas großes Thema ist Teamarbeit. Obwohl Architektinnen und Architekten häufig zum Einzelkämpfertum neigten, um ihre eigenen Ideen zu realisieren, seien größere Projekte für eine einzelne Person gar nicht zu stemmen. Schon im Studium hat er, entgegen der Warnung seiner Professoren, zusammen mit Markus Thiel, Teamprojekte durchgeführt. „Einmal haben wir zu sechst zusammengearbeitet“, erinnert er sich. „Das war ein sehr langer, manchmal auch schmerzhafter Prozess. Aber es hat sich gelohnt.“ Heute nimmt Sacha auch an Führungsseminaren teil, die darauf abzielen, einzelne Köpfe zu vernetzen. Dabei profitiert er von seinen Erfahrungen in der AiD-Gruppe.
Auch wenn die Gruppe vergleichsweise selten zusammenkommt, prägt sie ihre Mitglieder nachhaltig. Gitana Šukaitytė, selbstständige Architektin aus Kaunas (Litauen), die unter anderem am Weimarer Bauhaus studiert hat, sagt, dass sie während der gemeinsamen Wochenenden oft nicht viel spreche. Aber das, was sie höre, wirke lange in ihr nach. Sie mag die Vielschichtigkeit ihrer Begegnungen. An den Wochenenden ist für spirituelle Impulse genauso Raum wie für Exkursionen, für einen Wirtshausbesuch genauso wie für einen Gottesdienst. Nicht alle Gruppenmitglieder sind religiös, doch das tut der gegenseitigen Offenheit keinen Abbruch, im Gegenteil.

LOHNENDES PROJEKT
Das letzte gemeinsame Wochenende fand im Allgäu statt. Eingeladen hatten Theo Keller und Anneke Rein Blaufuß. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren in Theos Architekturbüro in Wangen zusammen. Neben der Renovierung denkmalgeschützter Bauten realisieren sie Neu- und Umbauten und legen dabei viel Wert auf ökologisches, energiesparendes Bauen. Mit der AiD-Gruppe haben sie ein Genossenschaftsprojekt besichtigt, an dem sie jahrelang gearbeitet hatten. Für Theo ist es sein lohnendstes Projekt. Schon lange bevor es um Planung, Bau und zum Teil auch Instandsetzung der Wohnungen ging, engagierte sich Theo bei der Gründung der Genossenschaft, der Konzeptentwicklung und der Erstellung einer Satzung. Er organisierte Besichtigungen anderer Genossenschaftsprojekte, schrieb Finanzpläne und wählte die Materialien für die bauliche Umsetzung aus. Sein nächstes Projekt ist ein Pflegehof nach niederländischem Vorbild: Ein altes Allgäuer Bauernhaus soll so umgebaut werden, dass es pflegebedürftigen Menschen ein Umfeld bietet, in dem sie sich wie zu Hause fühlen.
So verschieden die Mitglieder der AiD-Gruppe sind, sie alle teilen den Wunsch, in echten, ehrlichen Austausch mit den anderen zu treten. Wenn sie sich treffen, erleben sie eine tiefe Verbundenheit. Und sie sind dankbar, dass Hans Gebauer, der im vergangenen Jahr verstorben ist, vor über dreißig Jahren den Anstoß dazu gegeben hat. Walter erinnert sich an den Tag der Beerdigung: „Als ich an seinem Grab stand, war ich sehr dankbar, dass Hans diesen Samen gesät hat, der weiterwächst. Es erfüllt mich mit innerem Frieden, der Sehnsucht nachzugehen, Räume zu gestalten, die Ausdruck eines tiefen Dialogs sind.“
Katharina Wild

Architektur im Dialog
… ist der Name einer Gruppe von Architektinnen und Architekten, die überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Sie treffen sich alle ein bis zwei Jahre, um sich über ihre Arbeit, persönliche, spirituelle und berufliche Erfahrungen sowie grundlegende Themen der Architektur auszutauschen. Ins Leben gerufen wurde die Gruppe in den 1990er-Jahren vom Ottmaringer Architekten Hans Gebauer. Damals lud er Architektinnen und Architekten, aber auch Studierende der Architektur sowie Menschen verwandter Disziplinen zu den sogenannten „Stadtgesprächen“ ein. Hans Gebauer war es ein Anliegen, der Spiritualität der Fokolar-Bewegung in der Architektur Ausdruck zu verleihen.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026 .
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