Glück hier – Leid da
„Mir geht es gut. Meistens bin ich dankbar dafür.
Doch manchmal kommt mir der Zweifel: Darf ich glücklich sein, wo doch andere Menschen so sehr leiden?“
Antonella Ritacco
Psychotherapeutin, Gengenbach
Alle sind verrückt nach Glück. Und doch gibt es viel Leid um uns herum. Einige erleben dieses Leid als Teil des Lebens und gehen ihren Weg weiter; andere verzweifeln und schaffen es nicht, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen; wieder andere schätzen ihr Glück, möchten helfen und ihre Gaben entfalten.
Mitgefühl und Einfühlungsvermögen sind zwei Reaktionen, die uns erlauben, praktische Hilfe und emotionale Nähe anzubieten, ohne unser eigenes Leben zu beschädigen. Auf das eigene Glück zu verzichten, ändert die Situation der anderen nicht. Langfristig kann es zu einer negativen Grundhaltung führen. Kurzfristig kann man sich aus solidarischen Gründen einschränken, auf Dauer aber sollte man sich fragen: „Will ich überhaupt glücklich sein?“ Dem französischen Philosophen Voltaire wird folgender Satz zugeschrieben: „Ich habe mich entschieden, glücklich zu sein.“
Diese Haltung führt uns in die Gegenwart und lässt uns aktiv angehen, was uns beschäftigt. Glücklich zu sein ändert unsere Sicht auf Menschen und Situationen, beeinflusst den Kontakt zu anderen und zu uns selbst und hat sogar gute Auswirkungen auf die Gesundheit. Wer sich glücklich schätzt, entwickelt ein Gefühl der Dankbarkeit, das unabhängig von den Umständen ist und etwa kranke Menschen sagen lässt: „Ich habe alles.“
Jörg Schlüter
Pfarrer i.R., Bremen
Wenn ich glücklich bin, freue ich mich. Wenn es mir gut geht, nehme ich das nicht als selbstverständlich hin, sondern bin dankbar über die Erfahrung von Freude, Glück und Liebe.
Der christliche Glaube lebt von der Liebe: Die Liebe Gottes zum Menschen, zu mir. Die Antwort darauf ist: Meine Liebe zu Gott und zu meinen Mitmenschen.
Allerdings: Wenn die Bibel von Liebe spricht, dann meint sie etwas Größeres als einen Moment, eine Phase der Freude und des Glücks. Die Erfahrung von Liebe wird erst in der Beziehung, durch Nähe lebendig. Paulus beschreibt das im Römerbrief: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“
Ich darf mich vorbehaltlos freuen, wenn mir Gutes widerfährt. Ist nicht auch das Gute ein Geschenk Gottes? „Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein“ (Psalm 118). Aber ich verliere in meiner Freude den Menschen nicht aus den Augen, dem es nicht so gut geht. Die Erfahrung von Liebe genießt nicht nur das eigene Wohlbefinden, sie schärft auch den Blick für das Wohl des anderen.
Ich darf glücklich sein und mich freuen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, dass es anderen nicht so gut geht wie mir. Gleichzeitig aber bin ich wach und schaue nicht weg, wenn es um das Leid anderer geht. Ich engagiere mich, so weit, wie meine Kräfte reichen.
Theresa Gaube
Medizinstudentin, Augsburg
Wenn ich von meiner Heimat Deutschland aus in verschiedene Himmelsrichtungen schaue, denke ich an Menschen, deren Lebensrealität so gar nichts mit meiner zu tun hat: an Kinder, die im Krieg aufwachsen; an Familien, die täglich um Essen ringen; an junge Menschen, für die Bildung keine Selbstverständlichkeit ist. Dann frage ich mich manchmal, warum es mir so gut geht – und anderen nicht. Ich habe nichts dafür getan. Ich hatte einfach Glück.
Besonders deutlich wurde mir das 2023 bei meinem ersten Aufenthalt an der Elfenbeinküste. Die Unterschiede waren plötzlich keine Zahlen mehr aus dem Schulbuch, sondern Gesichter, Stimmen, Begegnungen. Das hat mich traurig gemacht und oft hilflos. Nach meiner Rückkehr spürte ich diese Spannung im Alltag: im Restaurant, auf gut ausgebauten Straßen, vor meinem vollen Kleiderschrank.
Mir hilft der Gedanke, dass Gott jeden Menschen kennt und seine Not sieht. Dass ich die Welt nicht retten kann, aber Verantwortung trage. Für mein Gebet, für mein Handeln, für meinen Konsum. Ich profitiere von einem System, das andere benachteiligt. Umso mehr möchte ich bewusst leben, weniger nehmen und meine Privilegien achtsam nutzen – im Wissen, dass Glück nicht selbstverständlich ist und mich zum Mitdenken und Mitfühlen verpflichtet.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026 .
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