2. April 2026

Mit Emotionen gegen die Demokratie

Von nst5

Wer verbreitet Desinformation? Welchen Schaden richtet sie in der Gesellschaft an?

Und warum verfängt sie bei vielen Menschen überhaupt? Im Gespräch mit der Netzaktivistin Katharina Nocun.

Foto: © Gordon Welters

Wie unterscheiden sich Fake News von fehlerhafter Berichterstattung, Frau Nocun?
Statt von Fake News spreche ich lieber von Desinformation. Denn US-Präsident Donald Trump verunglimpft mit dem Begriff Fake News seriöse Medien. Er verbreitet, ihnen sei nicht zu trauen, weil ihm nicht passt, dass sie ihm unbequeme Fragen stellen.
Desinformationen sind unwahre Tatsachenbehauptungen, die absichtlich in Umlauf gebracht werden. Sie sind dazu geeignet, das Vertrauen in Institutionen zu untergraben, die wir für das Funktionieren einer Demokratie brauchen. Ganz anders die klassische Zeitungsente: Sie wird nicht mit der Absicht zu täuschen in die Welt gesetzt. Die verantwortliche Redaktion korrigiert sie in der Regel, wenn sie auf den Fehler aufmerksam gemacht wird. Das kennzeichnet ein vertrauenswürdiges Medium. Verbreiter von Desinformation machen eher das Gegenteil: Sie verbreiten die Lüge bei Kritik manchmal sogar noch vehementer.

Wieso bemerken wir sie oft nicht?
Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass Menschen gerade bei emotionalen Nachrichten dazu neigen, weniger auf den Wahrheitsgehalt zu achten. Das gilt vor allem für Social Media. Was uns besonders wütend oder traurig macht oder Empörung auslöst, leiten wir leicht bedenkenlos weiter oder kommentieren es, ohne zu überprüfen, ob es überhaupt stimmt. Verbreiter von Desinformationen wissen das und spielen daher oft mit starken Emotionen.
Gerade in Krisenzeiten suchen wir zudem Orientierung, einfache Lösungen. Desinformation kann diese Sehnsucht leicht bedienen. Das sehen wir bei russischer Propaganda, bei der es nur schwarz und weiß, die Guten und die Schlechten gibt. Das finden manche Menschen offenbar anziehend.

Wer verbreitet bewusst Desinformationen? Was für Interessen stecken dahinter?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt etwa fundamentalistische religiöse US-Gruppierungen, die politisch hinter Trump stehen. Es gibt ausländische Akteure wie Russland, die auch mit Influencerinnen und Influencern arbeiten. Es gibt aber auch zunehmend Akteure, bei denen unklar ist, ob sie eine politische Agenda verfolgen. Einige wollen mit Klicks und Reichweite lediglich Geld machen und verbreiten deshalb über Social Media-Accounts massenhaft KI-generierte Inhalte.

Was sind KI-Fakes?
Mittels künstlicher Intelligenz erstellte falsche Videos und Fotos, die aber authentisch wirken sollen. Manche sind harmlos, mit süßen Kätzchen oder Babys. Aber im rechtsextremen Milieu kursieren massenhaft Fakes, die beispielsweise Migrantinnen und Migranten als bösartige Menschen darstellen. Oder junge Frauen, die es gar nicht gibt – oft blond und gutaussehend – geben vor, eine rechtsextreme Partei zu unterstützen. Früher reichte es, genauer hinzuschauen, um zu bemerken, dass Accounts KI-generiert sind. Heute haben selbst ausgebildete Journalistinnen und Journalisten Schwierigkeiten, das zu erkennen.

Wie gefährden Desinformationen unsere Gesellschaft?
Was echt ist und was nicht, verschwimmt immer mehr. Realität wirkt so zunehmend verhandelbar. Man kann sich seine Realität aussuchen. Wenn genug Leute von einer KI-generierten „Wahrheit“ überzeugt sind, ist das eine gefährliche Entwicklung! Es führt zu Zynismus und dazu, dass Menschen niemandem mehr trauen. Aber eine Demokratie basiert auf Vertrauen und darauf, auch zeitraubende öffentliche Debatten über schwierige Fragen führen zu können. Das fällt aber weg, wenn man sich gesellschaftlich nicht mehr darauf einigen kann, was wahr ist und was nicht.
Das autoritäre rechtsextreme Lager arbeitet zudem sehr stark mit Verschwörungsmythen. Da ist dann die Rede von einem angeblich für alles Schlechte verantwortlichen feindlichen System, das es zu beseitigen gilt. Mit dem „System“ ist dann aber die Demokratie samt ihrer zentralen Institutionen gemeint! Durch Verschwörungsmythen wird systematisch versucht, Misstrauen in seriöse Medien, Wissenschaft, Politiker, in alles zu säen, was die persönliche „Realität“ eines autoritären Akteurs infrage stellt. Verschwörungsmythen bereiten langfristig einen Boden, in dem Desinformation noch besser gedeiht.

Wie kommt es, dass Desinformation so stark wirken kann?
Seit einigen Jahren stecken wir öffentlich sehr viel Energie hinein, um zu warnen, aufzuklären, Faktenchecks zu machen – was auch richtig und wichtig ist. Aber was hätten wir in dieser Zeit nicht schon alles an positiven Visionen diskutieren können, wo wir als Gesellschaft hinwollen! Desinformation verfängt bei vielen Menschen auch wegen des „Scheinwahrheitseffekts“ so gut: Je öfter ich über eine Desinformation stolpere, desto bekannter erscheint sie mir und desto eher halte ich sie für wahr. Verschwörungserzählungen werden auch zur Immunisierung gegen Kritik benutzt: Menschen lassen Argumente gar nicht mehr an sich heran, denn die Existenz eines Faktenchecks ist im Extremfall für sie nur ein weiterer Beleg, dass „die da oben“ etwas verbergen.
Desinformation von Rechtsextremen dockt zudem oft gezielt an bestehende Feindbilder an: Wenn Menschen schon eine rassistische Einstellung haben, teilen sie erst recht bedenkenlos Videos, die sie in ihren Vorurteilen bestätigen. Es interessiert sie nicht, ob das vielleicht auch KI-generiert sein könnte.

Wer springt besonders auf Desinformation und Verschwörungsmythen an?
Niemand sollte sich in der falschen Sicherheit wiegen, nicht dafür empfänglich zu sein. In Teilen der Bevölkerung fehlt es an Medien-Kompetenz. Die schulischen Lehrpläne hinken der technologischen Entwicklung weit hinterher. Andererseits habe ich während der Corona-Pandemie viel mit Jugendlichen gearbeitet, die gesagt haben: „Bei uns in der Klasse haben wir mit Desinformation weniger Schwierigkeiten, aber bei unseren Tanten, Onkel und Großeltern, die auf Facebook sind, müssen wir regelmäßig Feuerwehr spielen.“ Es ist also ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Die Studienlage dazu, wer für Verschwörungserzählungen empfänglich ist, zeigt einen Zusammenhang zwischen Kontrollverlust und der Neigung, an Verschwörungsmythen zu glauben. Kontrollverlust können wir erleben bei einer Trennung, einer Krankheitsdiagnose, dem Verlust der Arbeit – bei allem, was uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Auch wenn eine Person das Gefühl hat, politisch verändert sich etwas so sehr, dass es Kontrollverlust-Gefühle auslöst, wird sie empfänglicher für Verschwörungserzählungen. Das erklärt, warum sie sich gerade in Krisen verbreiten. Ein anderer Faktor kann Einsamkeit sein. Dann sucht man Anschluss an Personen, von denen man sich mit seinen Sorgen verstanden fühlt. Man ist Teil einer Gruppe, lernt neue Leute kennen, erfährt Aufwertung: „Ich bin einer der wenigen, die alles durchschauen! Alle anderen lassen sich von den Mainstream-Medien anlügen.“ Wer mit jemandem zu diskutieren versucht, der in verschwörungsideologischen Weltbildern lebt, sollte bedenken: Da geht es manchmal gar nicht so sehr um die Sache, sondern um psychologische Bedürfnisse. Kritik fühlt sich dann so an, als würde man versuchen, jemandem den Boden unter den Füßen wegzuziehen, auf dem er gerade sehr bequem steht und der ihm das Gefühl von Sicherheit gibt. Es lohnt daher, einen Schritt zurückzugehen, das Sachthema sein zu lassen und zu schauen, was beim anderen der emotionale Nährboden sein könnte, auf dem seine Überzeugung so gut wachsen konnte.

Führen Desinformationen dazu, dass wir es allgemein in der Gesellschaft mit der Wahrheit nicht mehr so genau nehmen?
Wenn politische Parteien systematisch die Unwahrheit sagen und erfahren, dass es keine negativen Konsequenzen hat, setzt das einen gefährlichen Trend. Wohin das führt, sehen wir in den USA: eine totale Polarisierung, die sachliche Debatten extrem schwierig macht.

Bräuchte es eine stärkere Kontrolle der Sozialen Medien?
Absolut. Es fehlt eine Regulierungder Plattformen. Ich würde mir wünschen, dass Desinformation und vor allem KI-generierte Inhalte angemessen gekennzeichnet werden müssen. Reichweitenstarke Akteure, die ständig drastische Desinformationen verbreiten und diese nicht korrigieren, sollten ihre Accounts verlieren, da sie offensichtlich mit ihrer Verantwortung nicht umgehen können oder kein Interesse daran haben, sich an Gemeinschaftsstandards oder gar Gesetze zu halten.

Wie sehen Sie die Ansätze, die in diese Richtung gehen?
Ich frage mich, ob sie durchgesetzt werden können. Viele große Namen aus der Technologiebranche haben sich hinter Donald Trump gestellt, der massiv deren Interessen vertritt – beispielsweise gegenüber der Europäischen Union – und gegen jede Form von Regulierung vorgeht. Ich sehe das Risiko, dass Europa sich von seinen Drohgebärden einschüchtern lässt, obwohl die mangelnde Regulierung gezielt dazu genutzt wird, politische Debatten in EU-Ländern zugunsten von radikalen Rechtsextremisten zu verschieben. Das ist brandgefährlich! Dagegen sollte man klare Kante zeigen, statt klein beizugeben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Foto: © Gordon Welters

Katharina Nocun
ist Publizistin und Politikwissenschaftlerin und lebt in Berlin. 1986 in Polen geboren, kam sie mit drei Jahren nach Deutschland.Sie leitete deutschlandweite Kampagnen gegen Vorratsdatenspeicherung und für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden. Sie beschäftigt sich intensiv mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung sowie demokratiefeindlichen Bewegungen. Sie betreibt den Podcast „Denkangebot“ und ist als Expertin in vielen Medien präsent. Mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty verfasste sie die Bücher „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ und „True Facts: Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft“.

denkangebot.de



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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026 .
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