Zufrieden in einer verrückten Welt
Egal ob als Ehefrau, Mutter, Erzieherin oder „Umbaummanagerin“:
Elisabeth von der Heide will zu einer besseren Welt beitragen. Sie schöpft aus einer tiefen Verankerung.
„Heute ist meine Hilfe nicht gefragt,“ lacht Elisabeth von der Heide, als wir im 2. Stock des Hauses ankommen, das sie seit November 2024 mit viel Eigenleistung umbauen. Von außen sieht es auch schon sehr schmuck aus; frisch gestrichen in sonnigem Gelb wirkt es an diesem kalten Wintertag sehr einladend. Aber der Weg vom Parkplatz zur Haustür über zwei Holzplanken und zwischen Baumaterial hindurch zeigt: Hier ist noch Baustelle.

Tatsächlich sieht das Erdgeschoss, das man über ein paar Stufen erreicht, innen aus wie ein Rohbau. Es ist acht Uhr morgens und zwei Fliesenleger nehmen ihre Arbeit im Badezimmer auf. „Braucht ihr noch was von mir?“, fragt Elisabeth von der Heide die beiden. Sie klären zwei Fragen, dann zeigt sie die Räume, erklärt, welche Wände rausgenommen oder neu eingezogen wurden. „Heute kommt hier noch eine hin“, markiert sie im Flur eine Linie. Sie wird die zukünftige Erdgeschosswohnung ihrer Eltern vom Treppenhaus trennen, das in die oberen Stockwerke der fünfköpfigen Familie von der Heide führt. Über eine breite Holztreppe geht’s hinauf; unten stehen Schuhe in verschiedenen Größen; Familienfotos an den Wänden gewähren einen Blick auf die Bewohner: Elli und ihr Mann Dirk an ihrem Hochzeitstag; drei Kinder, zwei Jungs (14 und 9) und ein Mädchen (11), in verschiedenen Situationen.
Die große Wohnküche im zweiten Stock wirkt nicht nur wegen der schrägen Decke und der Holzbalken gemütlich. „Sie ist schon fertig und genau so, wie ich sie mir erträumt habe“, freut sich Elisabeth von der Heide, die von allen Elli genannt wird. Von zwei großen Fenstern hat man einen weiten Blick über Dächer und Landschaft in diesem Ortsteil von Friedberg bei Augsburg. Am Esstisch erzählt die 40-Jährige bei einer Tasse Kaffee, dass sie bis zu den Sommerferien alle Umzüge im Haus abschließen wollen.

Seit ihrer Jugend lebt Elli in dem Haus – zunächst mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern. Als diese nach und nach auszogen und Elli und Dirk heirateten, blieben die jungen Eheleute mit im Haus. Vor zwei Jahren haben von der Heides beschlossen, das Haus zu kaufen und umzubauen. Insbesondere der Keller musste trockengelegt, die Fenster dringend erneuert und die Außenwände neu gedämmt werden. Das geht nur mit viel Eigenleistung – und viele aus der Familie und dem Freundeskreis packen mit an. So sind sie jetzt ihrem Zeitplan sogar ein wenig voraus. Als Elli das erzählt, spürt man ihre Freude und Dankbarkeit. Aber es ist auch deutlich, dass diese Frau aus einer tiefen Verwurzelung lebt, die wie selbstverständlich Teil ihres Lebens ist. „Ja, die Beziehung zu Gott gehört zu mir. Wenn ich sie nicht spüre, ist es fast so, als fehle ein Teil von mir“, bestätigt sie. Dabei hat sie oft darum gerungen. „Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Aber Gott ist ein wesentlicher Teil von mir.“
Auch beim Hausprojekt haben sie von Anfang an erfahren, dass da neben den vielen Helfern „noch jemand“ mitwirkt. „Natürlich konnten wir das große Projekt nicht aus eigenen Mitteln finanzieren und mussten einen Kredit aufnehmen und viele Förderanträge stellen“, erinnert sie sich. „Wir waren überzeugt davon, dass es richtig war, das anzugehen. Trotzdem war es auch ein Risiko, als wir im August 2024 den Kreditvertrag unterschrieben und die Anträge eingereicht haben, ohne dass der Notartermin schon feststand.“ Manchmal tauchte danach der Gedanke auf, ob das nicht doch etwas voreilig war. Als dann aber im September bekannt wurde, dass die Fördermaßnahmen eingestellt wurden und ihre Anträge zu den letzten gehörten, die noch bewilligt wurden, erwies sich der „gewagte“ Schritt als „großes Geschenk“.
Sich bewusst machen, wo Gott eingreift, prägt Elli von der Heide. „Ich glaube, dass Gott immer da ist und dass er die Liebe ist.“ Aus dieser Überzeugung geht sie auch ihren Beruf an. Die gelernte Erzieherin arbeitet mit 31 Stunden bei der Kinder- und Jugendfürsorge Augsburg in zwei Bereichen: in der offenen Jugendarbeit in einem Jugendzentrum, wo sie „einfach die Tür aufmacht und schaut, was passiert. Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 27 können kommen und bei uns ihre Freizeit verbringen.“ Der zweite Bereich ist nicht weniger anspruchsvoll: Als Familienbeistand für das Jugendamt unterstützt sie Familien dabei, dass ihre Kinder zu Hause leben können, begleitet den Übergang, wenn Kinder vom Heim wieder nach Hause kommen, und klärt manchmal auch Kindeswohlgefährdungen ab.

So ist sie mit bis zu vier Familien jeweils über die Dauer zwischen einem halben und drei Jahren unterwegs. Im Schnitt ist sie dafür einmal pro Woche in der Familie. Beim ersten Besuch wird sie selten mit offenen Armen aufgenommen, und meist vergehen die ersten Wochen damit, zu zeigen: „Ich möchte eine Hilfe sein und nicht euer Gegner.“ Dass sie in erster Linie auf die Stärken der Familien schaut und mit einem „liebenden Blick durch die Welt geht“, hilft ihr dabei. „Ich bin überzeugt, dass das Potenzial in den Familien liegt. Und so gehen wir miteinander auf die Suche nach dem Schatz, den sie heben wollen. Dabei kann ich ihnen Verschiedenes aufzeigen, als Angebot. Sie dürfen auswählen, was für sie passt. Das braucht einen weiten Blick und ein weites Herz.“ Und kein Urteil. „Aber das passt auch nicht zu mir. Gott verurteilt nicht. Warum sollte ich es tun?“ Dass das ankommt, bekommt sie manchmal zurückgespiegelt. So hat ein Vater ihr für ihre „liebevolle Klarheit“ gedankt. Ein anderes Mal hat ihr jemand gesagt: „Sie haben die Mutter liebesfähig gemacht, weil Sie ihr Anerkennung gegeben haben und sie das dann für die Erziehung nutzen konnte.“
Dass ihre Arbeit Kraft kostet, kann man sich vorstellen. Sie weiß das auch: „Von mir ist viel Empathie verlangt, und Empathie ist anstrengend.“ Oft „verbindet“ sie sich auf dem Weg zu den Familien mit Gott, hört Lobpreislieder oder vertraut ihm einzelne Situationen an. „Einmal hatte ich das Gefühl, dass wir nicht weiterkamen, weil es da ‚Geheimnisse’ gab, die nicht ausgesprochen wurden. Ich wusste nicht, ob ich es ansprechen konnte, denn ich hatte ja keine Beweise. Vor der Tür habe ich innerlich gesagt: ‚Lieber Gott, du musst mir jetzt helfen.’ Ich ging rein, wir haben zehn Minuten gesprochen und dann sagte der Vater: ‚Ich glaube ich muss ein Geheimnis lüften.’“ Noch immer staunt Elli von der Heide über diese Wende. „Ich hatte ihnen gegenüber nichts von einem Geheimnis gesagt. Aber meine Haltung, der Heilige Geist … was auch immer …, hat ermöglicht, dass es rauskam.“
Die Stärken und das Positive sehen fällt trotz aller Erfahrung nicht immer leicht. „Manchmal denke ich auf dem Heimweg: ‚Heute habe ich nur Negatives gesehen.’ Und dann frage ich mich: ‚Finde ich nicht doch noch etwas Positives, an dem ich anknüpfen kann?’“ Denn wenn sie das findet und es den Familien aufzeigt, können diese wachsen. „Also suche ich diesen kleinen Funken, um den anzuzünden. Denn wenn ich die anderen anzünde, lodert es nur noch mehr.“

Dankbar nimmt sie so wahr, wie immer wieder Türen aufgehen. Etwa als sie zu einem Erstbesuch bei einer Familie war, wo der Vater sie ganz eindeutig nicht dahaben wollte. „Dann hat er mir gezeigt, was er alles renoviert hatte. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, was er da geleistet hat, weil ich es hier ja gerade selbst erlebe“, deutet sie mit einer ausholenden Handbewegung an. „Seitdem ist er bei jedem Gespräch kooperativ mit dabei.“
Für ihre Arbeit schöpft sie aus einer starken Motivation: „Ich will mit meinem Tun zu einem besseren Miteinander in der Gesellschaft beitragen. Meine Arbeit ist: Samen aussäen. Ob die dann aufgehen, weiß ich nicht, aber ich kann sie einsetzen und schauen, was passiert.“ Konflikte und Streit gibt es immer. Gerade unter den Jugendlichen im Jugendzentrum erlebt sie das häufig mit den für das Alter typischen gegenseitigen Schuldzuweisungen. „Aber wenn wir dann gemeinsam überlegen, wie wir miteinander auskommen können, ohne uns anzugreifen und ohne den anderen zu verurteilen oder schlecht zu machen“, ist das für sie ein solcher Same.
Elli und ihr Mann haben sich bewusst entschieden, beide in Teilzeit zu arbeiten. Insgesamt kommen sie auf 60 Stunden. Weil sie zeitversetzt arbeiten, „ist es schon herausfordernd, alles unter einen Hut zu bringen; als Familie miteinander zu leben und gemeinsame Momente zu finden. Das braucht immer wieder bewusste Entscheidungen.“ Gerade weil ihre eigene Arbeit mal mehr, mal weniger intensiv ist. Spontaneität, Improvisationsgabe und Klarheit sind Elemente, die ihr dann helfen, alles zu meistern. „Aber auch immer wieder die Frage nach dem, was es im Jetzt braucht, damit ich, das Kind, die Familie zu-frieden sein kann.“ In der Art, wie Elli von der Heide das sagt, erahnt man etwas von der Suche nach einem inneren Frieden, den sie damit verbindet. „Wenn ich herausfinde, was dazu beiträgt – in mir, in der Familie, in der Situation – dann kann ich aus der Fülle der Aufgaben leichter erspüren, was dran ist und was nicht.“
Aufeinander hören, die Bedürfnisse der Einzelnen wahrnehmen und nach Möglichkeit darauf eingehen, das prägt auch das Miteinander der Familie in den langen Monaten des Umbaus. Ganz bewusst schaffen Elli und ihr Mann immer wieder gemeinsame Momente, „in denen wir uns als Familie wahrnehmen.“ Neben dem wöchentlichen Sonntagstreffen, bei dem sie auf die anstehende Woche schauen, sind das oft gemeinsame Erlebnisse. „Dieses Jahr gab’s zu Weihnachten für alle eine Jahreskarte zum Klettern. Das sind dann auch wieder Familienmomente.“ Die suchen sie bewusst. Auch als Paar. So ist Elli und ihrem Mann der Montagabend „heilig“. „Da gehen die Kinder zum Schwimmtraining. Wir nehmen diese Stunde für uns, gehen etwas trinken und reden nicht über Organisatorisches … meistens zumindest.“

Elli ist sich bewusst, dass Situationen in der Familie häufig dann eskalieren, wenn sie selbst anstrengende Phasen in der Arbeit hat. „Wenn ich zu wenig auftanke, dann fängt es an zu schwanken. Und das ist für mich ein Lernprozess, mich selbst zu fragen, wo ich Tankstellen brauche.“ Das kann der Gottesdienst sein, der geistliche Austausch mit anderen, aber auch ein Tag in der Therme, „weil mein Körper Erholung braucht.“ Nicht immer können sie in der Familie auf alle Bedürfnisse eingehen. „Aber manchmal reicht es schon, wenn man sie aussprechen darf. Nicht verdrängen muss. Dann staut sich keine Unzufriedenheit an.“
Elli von der Heide strahlt Freude und Ausgeglichenheit aus. Das Leben scheint ihr – trotz der vielfältigen Situationen – Spaß zu machen. Und sie freut sich, wenn das ankommt. „Ja, es ist Gott, der mir Halt gibt und mich nicht verzweifeln lässt. Das trägt mich. Und es freut mich, wenn andere durch mein Leben erahnen, dass man auch in dieser verrückten Welt zufrieden leben und positiv sein kann.“ Und so macht sie sich dann auf in den noch vor ihr liegenden Tag.
Gabi Ballweg
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026 .
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