Alles ist schon da
Musik, Technik, Politik, Familie, Denken und Gottessuche
– all das prägt das Leben von Victor Locher. Nach vielen Einschnitten und Wendungen hat er gelernt, Gott nicht besitzen zu wollen.
„Die Last der vergangenen zehn Jahre war plötzlich abgefallen.“ Über diese lange Zeit hatte Victor Locher Gott als fern empfunden – ausgerechnet er, der in seiner Kindheit und Jugend so viele tiefe Erfahrungen der Gegenwart Gottes gemacht hatte. Auf Einladung eines befreundeten reformierten Pfarrers war er schließlich zu Einkehrtagen für Männer in Terra Vecchia (Centovalli) im schweizerischen Kanton Tessin gefahren. Der Kontakt zur Natur war zentrales Element dieser Tage unter dem Titel: „Männer im Fluss“.
Victor Locher erinnert sich: „In den vielen Stunden in der Natur erreichte mich plötzlich eine Stille und innere Ruhe. Mir schien, Gott sei anwesend, sei immer da gewesen – ich hatte ihn nur all die letzten Jahre falsch, vor allem mit dem Kopf gesucht. Immer mehr fand ich den inneren Frieden. Nach vielen Jahren hatte ich zum ersten Mal wieder die innere Sicherheit, Gott gefunden zu haben – neu, anders als bisher, geerdeter, einfacher.“

Das ist knapp neun Jahre her und markiert einen Einschnitt im Leben des heute fast 65-Jährigen. Ein weiterer Einschnitt in einem bewegten Leben, möchte man sagen.
Victor Locher ist mit drei Geschwistern im Kanton Aargau aufgewachsen. Beten, Glaube, in die Kirche gehen gehörten zum familiären Alltag und Selbstverständnis. Schon als Jugendlicher erlebte er Momente, in denen ihm schien, Gott spreche ihn persönlich an. Sein Vater war Schreiner, seine Mutter Hausfrau. „Wir sind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen“, erinnert er sich.
Nach der Schule entschied sich Victor für eine Ausbildung zum Fernmelde- und Elektronik-Apparate-Monteur. In diese Zeit fiel seine Begegnung mit der Fokolar-Bewegung: Ein Freund hatte ihn zu einer Sommerveranstaltung eingeladen, und aus Freundschaft zu ihm ging er mit. „In diesen Tagen machte ich eine derart intensive Gottes- und Gemeinschaftserfahrung, dass ich anschließend wie trunken war – ich hatte Gott in einer Intensität, Klarheit und Schönheit erlebt, dass es mich buchstäblich umhaute.“ Er spürte einen Ruf Gottes, der so laut und deutlich war, dass er darin eine Antwort auf frühere Gebete erkannte. Mit 19 Jahren zog er nach Zürich in eine Wohngemeinschaft von Gen, den Jugendlichen der Fokolar-Bewegung.
Die folgenden Jahre mit vielen regionalen, aber auch internationalen Begegnungen waren „Himmel und Hölle zugleich“. Victor: „Ich erlebte unglaublich intensive Momente mit Gott und Erfahrungen tiefer Verbundenheit. Andererseits gab es Wochen der Dunkelheit, die mich psychisch an die Grenzen brachten. Es gelang mir nicht, die geistlichen Erfahrungen in mein alltägliches Leben zu integrieren. Ich hatte ständig den Eindruck, nicht zu genügen.“ So war das Leben in der Wohngemeinschaft und die vielen von dort ausgehenden sozialen Initiativen für Victor, der gern auch einmal allein ist, über weite Strecken eine Überforderung.
In diese Zeit fiel unter anderem die Frage, wie es nach der Ausbildung weitergehen sollte. Die Technik machte Victor viel Spaß, doch da war ja auch noch die Musik, die ihn seit Kindheitstagen begleitet und fasziniert hat. Ein Blick zurück: Seine Mutter spielte Handorgel und sang gerne. Auch als Familie haben die Lochers gerne gesungen – etwa im Auto, als sie sich dann eins leisten konnten.

Victors Musiklehrer in der Oberstufe war Oboist. Nachdem er die „musikalische Grunderziehung“ (Blockflöte) als eher langweilig empfunden hatte, packte Victor der Gedanke, Oboe zu lernen. Wie bei allem, was er beginnt, widmete sich Victor dem neuen Instrument mit großer Hingabe. Bald spielte er die 2. Oboe in regionalen Berufsorchestern. Eingebettet im Klang des Zusammenspiels vieler Instrumente hatte er den Eindruck: „Ich fliege davon.“ Außerdem nahm er Orgelunterricht und konnte seinen Vater nach einiger Zeit davon überzeugen, eine Wurlitzer Theaterorgel anzuschaffen – ein durchaus mächtiges Instrument für einen Privathaushalt. Victor spielte auch in der Schülerband, die übrigens jeden Mittwoch im Hause Locher übte – mit Schlagzeug, Saxophon und Trompete. Seine Eltern ertrugen das klaglos, was Victor ihnen bis heute hoch anrechnet. Später war Victor dann auch Teil der schweizerischen Gen-Band „uomo mondo“.
Die Technik, die Musik und das Leben mit den Gen – irgendwann wurde Victor klar, dass es einfach zu viel war, all dem mit Leidenschaft nachzugehen. So entschied er sich, die Technik hintanzustellen, und machte die Musik zum Beruf. An der Musikhochschule Zürich erwarb er einen Abschluss in Oboe, Musiktheorie, Komposition und Klavier mit der Befähigung zur Lehrtätigkeit.
Schon während der Studienzeit und auch danach gab er viele Konzerte – mit einer Bläserformation aus Oboe, Klarinette und Fagott und als Zuzüger, also freiberuflich, mit Orchestern. Er leitete Chöre, studierte mit Orgel und Klavier große Werke ein und schrieb eigene Kompositionen. Musik, das bedeutet für Victor Locher, Geschichten zu erzählen, imaginäre Gespräche zu führen. Es erfüllte ihn – doch leben konnte er nur vom Musizieren nicht, erst recht nicht für eine Familie sorgen.
In diesen Jahren waren sich nämlich Victor und Andrea begegnet, hatten einander näher kennengelernt und 1989 geheiratet. Zwischen 1991 und 2003 wurden ihnen acht Kinder geschenkt, drei Mädchen und fünf Jungen.
Da Victor einen Master in Musiktheorie und Komposition besaß, bewarb er sich erfolgreich als Dozent an der Musikhochschule Schaffhausen. Doch auch diese berufliche und finanzielle Gewissheit währte nur sechs Jahre. Im Zuge der Vereinheitlichung europäischer Studienabschlüsse (Bologna-Prozess) reduzierte die Schweiz die Zahl der staatlichen Musikhochschulen drastisch. Als bekannt wurde, dass Schaffhausen aufgelöst werden sollte, war Victor mit seiner Familie gerade dorthin gezogen.
Was tun? Die Musik allein, ohne Dozentenstelle, brachte nicht genügend Einkünfte. Victor Locher fand zwar eine Arbeit als Organist und Chorleiter in der Pfarrei St. Peter in Schaffhausen. Doch das war gerade einmal eine 35-Prozent-Stelle – viel zu wenig. Technik und Musik kombinieren und Tontechniker werden? Es stellte sich heraus, dass dies ohne eine mehrjährige Ausbildung nicht möglich wäre.
Also zurück zur Technik? Damals hatte Microsoft das Betriebssystem Windows NT auf den Markt gebracht. Es gab einen großen Schulungsbedarf. Der junge Vater besuchte eine Reihe von Kursen und mit „Victor-Locher-Akribie“ vertiefte er seine neugewonnenen Kenntnisse zu Hause. So fand er schließlich eine Anstellung bei Siemens – zunächst in der IT, später als Leiter eines Teams in der Entwicklungsabteilung für Eisenbahn-Infrastruktur, die äußerst erfolgreich Leitstellen-Technik entwickelt.

In der Phase der beruflichen Neuorientierung war die Liebe seiner Frau und der damals noch sechs Kinder eine „Oase der Geborgenheit und des Angenommenseins“, war diese Zeit doch mit großen Selbstzweifeln verbunden.
Victor Locher sagt von sich selbst, dass er ein „großer Denker“ sei: „Ich bin in Gedanken stets an irgendwelchen Problemen und Themen dran, seien es religiöse, gesellschaftliche, philosophische, wissenschaftliche oder technische Probleme. ‚Es denkt‘ stets in mir.“
Diese Eigenschaft hat ihm in vielen Momenten geholfen, sich neu orientieren zu können. Immer wieder aber erlebte er innere Dunkelheiten und psychische Blockaden, die er nicht deuten konnte. Schmerzhaft hat Victor Locher erkennen müssen, dass er Hilfe annehmen sollte und – einige Jahre später – dass es besser sei, die Fokolar-Bewegung zu verlassen. „Es war für mich kein Bruch mit der Spiritualität oder den Mitgliedern der Bewegung – aber fest in ein Gefüge eingebunden zu sein, war für mich einfach nicht möglich; ich konnte darin nicht die Freiheit finden.“
Auf diese Zeit folgten die eingangs erwähnten zehn Jahre großer Glaubens-Dunkelheit, die schließlich in die befreiende Erfahrung der Einkehrtage im Tessin mündeten. „Während dieser Tage“, so erinnert sich Victor Locher, „saßen wir jeden Morgen und Abend eine halbe Stunde in der Zen-Haltung im Kreis. Wenige Worte und Lieder regten zur Sammlung an. Ein Mann unserer Gruppe erzählte mir, er säße auch zu Hause regelmäßig. Ich kam mit ihm ins Gespräch und erfuhr viel über Zen. Diese für mich neue Art, in der Stille Gott zu erahnen, wahrzunehmen, einfach zu atmen und zu sein, wollte ich genauer kennenlernen.“
Inzwischen sitzt Victor Locher außer sonntags jeden Tag. „Ich spüre, wie das Sitzen und Verweilen beim Atem mich immer wieder zurückholen zum einfachen Sein, zum Körper, vom Kopf in den Bauch. Es ist eine Schule der Bescheidenheit, nichts zu können, zu sein oder zu müssen.“
Victor Locher hat gelernt und lernt weiterhin, loszulassen, Gedanken kommen und gehen zu lassen, Gott nicht besitzen zu wollen, nicht mehr besser werden zu wollen. Begleitung hat er dabei unter anderem von Niklaus Brantschen erfahren, einem Jesuiten, der zusammen mit der schon verstorbenen Pia Gyger die Kontemplationsschule „via integralis“ entwickelt hat. Eine wichtige Begleiterin ist ihm außerdem die Zen-Lehrerin Kathrin Stotz in Winterthur geworden.

„Ich muss nicht mehr suchen, sondern kann vertrauen, dass alles da ist“, fasst Victor Locher zusammen und zitiert in diesem Zusammenhang den US-amerikanischen geistlichen Autor Richard Rohr: „Man kann nicht nicht in Gott sein.“
Victor Locher kann lange und fesselnd über seinen Glaubensweg erzählen. Zwischendurch bremst er sich immer wieder selbst ein: „Man kann eigentlich nicht erklären, was Zen ist; nicht erklären, wer Gott ist; nicht einmal erklären, was das Leben ist.“ Und doch gebe es haufenweise Literatur über das geistliche Leben und auch die Zen-Meditation. Er erklärt sich das so: „Über das Unaussprechliche kann man entweder nur schweigen oder nicht mehr aufhören zu reden.“
Ende Mai 2026 wird Victor Locher pensioniert. Mit Blick auf diese neue Etappe für ihn und auch Andrea ist das Paar im Frühjahr 2024 nach Laupen (Wald) im Kanton Zürich gezogen.
Zu seiner großen Überraschung wurde er – da waren sie gerade ein gutes Jahr in Laupen angekommen – gefragt, ob er bei der Wahl im März 2026 als Kandidat der Sozialdemokratischen Partei (SP) für den Gemeinderat antreten wolle. Victor war immer schon ein politischer Mensch, hatte aber nie einer Partei angehört. Er ließ diese Frage an sich heran, war er doch ohnehin auf der Suche, wo er sich in der Pension engagieren sollte. Immer wieder fragte er nach, ob das Angebot ernstgemeint sei – schließlich sei er gerade zugezogen und ohne politische Erfahrung. Dann sagte er zu. Es fand sich – auch dank der guten Kontakte von Andrea zu den Walder Frauen – ein großer Unterstützerkreis mit Menschen verschiedener politischer Richtungen. Victor organisierte originelle Wahlkampfveranstaltungen wie etwa einen Abend mit dem Titel „Das politische Klavier“. Dennoch wurde er nicht gewählt. Zunächst war die Enttäuschung groß, auch bei den Unterstützerinnen und Unterstützern. Inzwischen hat sich Victor damit angefreundet. Ein Jahr lang wird er noch mit 40 Prozent weiterarbeiten und sich neu die Frage stellen, wohin er in der Pension gerufen ist. Es wird sich zeigen – da ist Victor zuversichtlich. Engagieren will er sich auf jeden Fall. Denn, so hat er von Niklaus Brantschen gelernt: „Innerlichkeit muss sich äußern.“
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.