5. Juni 2026

Nächtliches Wiederkäuen

Von nst5

“Abends kann ich manchmal nicht einschlafen,

weil mir so manche Situation des Tages noch nachhängt. Wie entkomme ich dem Gedankenkarussell?“

Anita Berger
Mutter und Kirchenpflegerin, Staufen (AG)
“Dieser Moment, bei dem ich hätte reagieren sollen, statt einfach wegzuschauen. Oder als ich am Telefon zu kurz angebunden war, keine Geduld mit den ausschweifenden Ausführungen hatte. Und dann der Brief, der heute kam – wieder eine Aufgabe mehr, dabei habe ich doch schon jetzt kaum noch einen freien Abend.
Ja, ich kenne es allzu gut, dieses Gedankenkarussell beim Einschlafen. Hätte ich doch … Sollte ich nicht noch … Warum ist das passiert? Interessanterweise drehen sich meine Gedanken auch um schöne Erlebnisse oder gelungene Aktivitäten. Als müsste ich alles noch einmal durchgehen und jede Facette ergründen. 
Für mich sind das wertvolle Momente der Reflexion. Beim Ruhigwerden im Bett sortiere ich die Ereignisse und meine Gedanken. Manchmal kommen mir dabei hilfreiche Ideen. Manchmal entwickelt sich eine Lösung. Und wenn mich etwas belastet, erinnere ich mich daran, es Gott anzuvertrauen. Er kennt den Weg und wird mich ihn erkennen lassen, wenn ich bereit bin. Es ist auch der Moment, um dankbar zu sein, für alles Gute, Gelungene oder für die Chancen, die der Tag mir bot. Sollte mich etwas zu sehr beschäftigen und nicht zur Ruhe kommen lassen, dann schreibe ich es nieder. Oder ich bete den Rosenkranz, statt Schäfchen zu zählen, denn die Wiederholungen haben die gleiche Wirkung, gehen aber tiefer.”

Volker Birke
Ehe-, Familien- und Lebensberater, Hagen
“Manche Tage sind randvoll mit Eindrücken und Begegnungen. Wir sinken abends todmüde ins Bett und liegen doch wach, während unsere Gedanken um das Erlebte kreisen. Was sinnlos scheint, ist in Wahrheit eine höchst produktive Tätigkeit unseres Gehirns. Es nutzt die körperliche Ruhe für das „Wiederkäuen“ der Themen, die buchstäblich noch verdaut werden müssen. Am besten wäre es, diesen Moment des Wachliegens nicht zu bekämpfen, sondern seine Bedeutung für unsere seelische Balance anzuerkennen und das Gehirn seine Arbeit tun zu lassen. Das ist leichter gesagt als getan. Hier können kleine Routinen helfen.
Die christliche Tradition kennt Abendgebete, die davon sprechen, Sorgen und Lasten des vergangenen Tages vor Gott abzulegen. Man kann etwa Kieselsteine in einer Schale ablegen und mit jedem Stein eine Begegnung, ein Gespräch oder eine schwierige Aufgabe noch einmal kurz in den Blick nehmen und dann loslassen.
Manchmal kreisen die Gedanken um den nächsten Tag: Aufgaben oder Themen melden sich zu Wort. Da hilft ein Notizbuch neben dem Bett, um zu notieren, was sich unerwünscht ins Bewusstsein drängt. So geht nichts verloren, und das Gehirn kann leichter in den Ruhemodus schalten.
Wenn das Grübeln zum Dauerzustand wird, darf nach den tieferliegenden Ursachen gefragt werden. Ein Zuviel an Reizen und Anforderungen ist auf Dauer ebenso ungesund für unser Gehirn wie maßlose Ernährung für unseren Körper.”

Clara Madlener
Schülerin, Koblach (Vorarlberg)
“Abends wird es still, und genau dann meldet sich oft das, was tagsüber keinen Platz hatte. Gedanken über Gespräche, kleine Fehler oder ungeklärte Situationen tauchen wieder auf. Wir beginnen, den Tag in seine Einzelheiten zu zerlegen und fragen uns: Was wäre gewesen, wenn wir anders gehandelt hätten? Dann gilt es loszulassen. Sonst laufen wir Gefahr, uns um den so wertvollen Schlaf zu bringen.
Nicht jeder Gedanke braucht eine Lösung, und schon gar nicht nachts um halb eins. Manchmal ist der klügste Umgang mit dem Gedankenkarussell, es einfach weiterfahren zu lassen. 
Wie könnte das gehen? Ich versuche, den Tag bewusst abzuschließen: ein kurzer Abendspaziergang, ein paar Seiten lesen oder Musik hören. Das hilft mir abzuschalten, ohne dass der Kopf zu laut wird. Wenn die Gedanken trotzdem bleiben, schreibe ich sie auf. Über Nacht lösen sich die Probleme zwar nicht. Am Morgen wirken sie jedoch oft klarer oder gar nicht mehr so dringend.
Manchmal hängen mir Situationen nach, weil ich mir noch etwas vorwerfe: ein falsches Wort, eine verpasste Gelegenheit. Solche Gedanken werden schnell größer, als sie es verdienen. Dann hilft mir ein kleiner Perspektivwechsel: Was würde ich einer guten Freundin in derselben Lage sagen? Wahrscheinlich etwas Nachsichtigeres als mir selbst. Wenn ich lerne, mit mir selbst etwas gelassener umzugehen, bekommt auch der Schlaf wieder seinen Raum.”

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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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