21. August 2026

Beharrlich für den Dialog

Von nst5

Israel: Was ist unser Beitrag für Frieden und Versöhnung?

Wie viele andere fragt sich das auch die Fokolar-Bewegung im Heiligen Land.

„Der Krieg hat alles verändert“, sagt Gaby Schelenz über die Lage in Israel. Die Deutsche lebt seit drei Jahren in der Fokolargemeinschaft in Jerusalem; davor war sie einige Jahre in Bethlehem. „Es herrscht Angst und trotzdem versucht man, ein wenig Normalität zu leben.“
Auch die Situation der christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land ist angespannt. Darauf wiesen der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Kardinal Pizzaballa, wie auch Abt Nikodemus Schnabel von der Dormitio-Abtei zuletzt immer wieder hin. Konflikt und Spaltung, Groll und Hass, so Pizzaballa bereits 2024, seien alltägliche Realität. Immer wieder neu müssten sich die christlichen Gemeinschaften deshalb nach ihrer Rolle und ihrem Beitrag zu Frieden und Versöhnung fragen.
Das gilt auch für die Fokolargemeinschaft im Land. Das Wissen um viele friedliebende Kräfte im Land bestärkt sie in ihrem Bemühen, den Menschen „als Mensch“ zu begegnen, sich nicht auf die eine oder andere Seite zu stellen und sich nicht von „Freund – Feind“-Kategorien vereinnahmen zu lassen. „Viele beten darum, dass sie nicht anfangen zu hassen“, weiß Gaby Schelenz auch von Angehörigen der Fokolar-Bewegung.
Schon vor zwei Jahren hat die Fokolar-Bewegung den eindringlichen Aufruf des Kardinals aufgenommen, in den christlichen Gemeinschaften eine neue Friedenspastoral zu entwickeln. Pizzaballa hatte angeregt, sich insbesondere an die junge Generation zu richten und sie „zu Respekt, Begegnung, Dialog und Vergebung“ zu befähigen.

Die Schule Talitha Kumi in Jerusalem: Bei den sportlichen Aktivitäten geht es um Zusammenarbeit, nicht ums Gewinnen.
Alle Fotos: (c) Fokolar-Bewegung im Heiligen Land

SELBSTWERT STÄRKEN
Die Fokolargemeinschaft hatte in den Jahren zuvor Kontakte zu christlichen und zivilgesellschaftlichen Gemeinschaften und Institutionen geknüpft. Gemeinsam mit einigen von ihnen entstand das Projekt „TogetherWeConnect“ (dt.: „Gemeinsam schaffen wir Verbindung“). Es startete im Oktober 2024 an fünf christlichen Schulen in Bethlehem und Ost-Jerusalem und richtet sich an Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen.1 „Ziel ist es, in der jungen Generation Hoffnung zu wecken“ und sie darauf vorzubereiten, später „Versöhnung und Dialog zu fördern“, heißt es in der Projektbeschreibung.
In drei aufeinanderfolgenden Schuljahren sollen je drei thematische Schwerpunkte vertieft werden. Dazu sind wöchentlich 45 Minuten veranschlagt.
Bereits im ersten Jahr haben über 300 junge Menschen teilgenommen. Christen und Muslime. Es ging zunächst um Selbsteinschätzung und die Stärkung des Selbstvertrauens, um den Umgang mit Konflikten und den Dialog zwischen den Generationen. Die Lehrkräfte gehen die Themen mit unterschiedlichen Methoden an und am Ende jeder dreimonatigen Einheit fassen die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse in einem gemeinsamen „Werk“ zusammen – einem Plakat, Gedicht, kurzen Videoclip oder auch in einem Foto. Den Abschluss bildet jedes Jahr ein größeres „Event“, bei dem Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Schulen zusammenkommen. So waren im Mai 2025 auch Gen Verde und Gen Rosso vor Ort. Die beiden internationalen Musikgruppen der Fokolar-Bewegung gestalteten in Bethlehem einen dreitägigen Workshop mit mehr als 100 Schülerinnen und Schülern. Dabei griffen sie in Musik, Tanz und Theater die im ersten Jahr vermittelten Werte auf. Zum Abschluss am 8. Mai 2025 waren 350 Personen in den Saal des Colleges „Terra Santa“ gekommen.

Christliche und muslimische Schüler vertiefen Schwerpunktthemen wie Mobbingprävention, aktive Bürgerbeteiligung und Drogenmissbrauch.

Auch im zweiten Jahr behandelten „wir mit diesen Klassen weitere Themen: Mobbingprävention, aktive Bürgerbeteiligung und Drogenmissbrauch“, erzählt Marco Desalvo von der Fokolar-Bewegung in Israel. Neu aufgenommen wurden nach der Auswertung des ersten Jahres auch Treffen mit den Eltern, um sie genauso wie die Schulsozialarbeiter besser in die Inhalte einzubeziehen.
„Es gibt Herausforderungen, aber wir können deutlich die Entwicklung erkennen, die diese jungen Menschen machen“, unterstreicht Desalvo. Gerade Angebote wie Kunst, Musik und Tanz oder sportliche Aktivitäten tragen dazu bei. „Sie möchten Werte vermitteln, damit sie diese dann in ihr Umfeld tragen und – so hoffen wir – die Gesellschaft um sie herum verändern können.“ So auch ein Sportworkshop in der Schule Talitha Kumi in Jerusalem im Februar 2026. Lehrer Nader Al Qass erklärt dazu: „Wir haben sportliche Aktivitäten vorbereitet, die auf Zusammenarbeit beruhen – nicht darauf, wer gewinnt.“ Sie verlangten Koordination und Achtsamkeit für die Bewegungsabläufe der anderen; die Teams setzten sich immer neu zusammen. „So entstehen Teamgeist, neue Bekanntschaften und eine positive Energie, die den Schülern Freude und Ruhe schenkt in den schwierigen Umständen, in denen sie leben.“

FREUNDE WERDEN
Am Rande der Veranstaltung sagte Arouba Hamid, Schülerin vom Terra Santa College in Bethlehem: „Seit eineinhalb Jahren lernen wir viel über uns selbst. Ich habe Seiten an mir entdeckt, die ich vorher nicht kannte. Wir sind verschieden, kommen aus unterschiedlichen Städten, aber wir haben zusammengearbeitet, gespielt und neue Freundschaften geschlossen.“
Viele Jugendliche berichten ähnliches: Sie lernen, wie verletzend Worte sein können und wie wichtig Respekt im Umgang miteinander ist. Für viele ist es eine Erfahrung, die sie mutiger und offener macht und Beziehungen stärkt, die über den eigenen Schulalltag hinausreichen.

Ziel des Schulprojekts: In den jungen Menschen Hoffnung wecken und sie darauf vorbereiten, später die Versöhnung und den Dialog zu fördern.

Nicole Qumsieh ist eine Jugendliche der Fokolar-Bewegung aus Bethlehem. Am Sporttag hatte sie die Moderation übernommen. Sie erklärt die drei einfachen Prinzipien, auf denen das Projekt beruht: „Das erste ist ‚Ich‘ – ich habe eine wichtige Rolle im Team und kann etwas beitragen. Die zweite ist ‚Du‘ – jede Person ist Teil des Teams und wir arbeiten zusammen. Die letzte ist ‚Wir‘: Du und ich sind Teil einer Gruppe und wir kooperieren und haben uns gern.“
Die Mitarbeitenden der Fokolar-Bewegung und die Schulen sehen in solchen Begegnungstagen Investitionen in die Zukunft. Schritt für Schritt wachsen Selbstvertrauen und das Verständnis, dass Dialog ein Werkzeug sein kann, um Konflikte zu lösen. Trotzdem sind sie sich bewusst, dass es sich um einen langen Weg handelt. Dabei gilt es, immer wieder kleinere und größere Rückschläge zu verkraften. So mussten sie kurzfristig das Event zum Abschluss des zweiten Jahres im Mai absagen. Der in Jerusalem geplante mehrtägige Workshop, zu dem auch Gen Verde und Gen Rosso wieder kommen wollten, konnte aufgrund der Lage im Land nicht durchgeführt werden. „Wir wollen die Augen nicht vor dem Bösen verschließen, aber trotzdem beharrlich für den Dialog werben.“ Was sie den Kindern und Jugendlichen mitgeben wollen, ist auch für sie eine alltägliche Herausforderung.
Gabi Ballweg

Die Fokolar-Bewegung in Israel
Die Anfänge gehen auf die frühen 1970er-Jahre zurück. Ein Salesianer, der die Fokolar-Bewegung kannte, war damals Lehrer in einer Schule in Nazareth. Einige seiner Schüler schlossen sich der Spiritualität an. 1974 gab es dort dann ein erstes Sommertreffen, eine Mariapoli. Im November 1977 kamen die ersten beiden Fokolarinnen aus Italien in Jerusalem an; seit 1980 gibt es auch ein Männerfokolar. Derzeit ist die Fokolar-Bewegung sowohl in Israel wie auch in Palästina vertreten, und mehrere hundert Menschen – Erwachsene, Jugendliche und Kinder – fühlen sich ihrer Spiritualität verbunden: vor allem Christen, aber auch Juden und Muslime. Die aktuelle Präsidentin Margaret Karram stammt aus Haifa.

  1. Im Schuljahr 2025/26 haben sich zusätzlich drei Schulen in Haifa dem Projekt angeschlossen und mit den 7. Klassen das Projekt „TogetherWeConnect“ begonnen. ↩︎


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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