„Da muss man doch was machen!“
Elisabeth Kempf hat ein Herz für Flüchtlinge.
Erfährt sie von Not und Verzweiflung, setzt sie alle Hebel in Bewegung, um Abhilfe zu schaffen.

Alle Fotos: privat
„Mama, mich hat ein dunkelhäutiger Mann gefragt, ob ich ihm helfen kann“, überfiel sie ihr 15-jähriger Pflegesohn, kaum dass er die Haustür zugemacht hatte. Um dann bestimmt hinzuzufügen: „Wir müssen ihm helfen.“ Elisabeth Kempf erinnert sich, dass sie damals – vor ungefähr 17 Jahren – das Anliegen nicht ernst genommen hatte. „Es gab schon genug andere Menschen, um die ich mich kümmerte. Aber er blieb hartnäckig: ‚Mama, du sagst immer, man muss helfen!‘ Und so habe ich ihm schließlich erlaubt, diesen Mann einmal mitzubringen. Als der dann vor mir saß, mich mit großen Augen ansah und ihm die Tränen kamen, da war es mit mir vorbei. Und schon war ich mittendrin in der Geschichte.“
„Die Geschichte“, damit meint sie ihren Einsatz für Flüchtlinge. Wenn die weißhaarige Frau aus Annweiler in der Pfalz einmal anfängt zu erzählen, sprüht sie vor Energie und kann kaum noch aufhören, so viel fällt ihr dann ein. Ihre Geschichten spielen im rheinland-pfälzischen Landkreis Südliche Weinstraße, aber mit „ihren Jungs“ führen sie auch weit darüber hinaus.
Ismael hieß der junge Mann. Er war verheiratet und hatte schon Kinder. Im zentralafrikanischen Äquatorialguinea, wo er herstammte, hatte er in der Opposition gearbeitet, war ins Gefängnis gekommen und gefoltert worden. Die Spuren waren unübersehbar. In Deutschland hatte er in einem Nachbarort von Annweiler Sicherheit und Unterkunft gefunden. „Aber was für eine! Überall Schmutz und Kakerlaken!“ Elisabeth Kempf hatte sich selbst vor Ort ein Bild gemacht und daraufhin bei der zuständigen Behörde Bescheid gegeben. Ihr Anliegen stieß auf taube Ohren, bis hin zur lapidaren Aussage: „Bei denen zu Hause sieht es auch nicht besser aus.“ Das konnte die engagierte Frau beim besten Willen so nicht stehen lassen und brachte die Angelegenheit schließlich in die Zeitung. Die Fotos der Reporter sprachen für sich. Irgendwann waren die Kakerlaken weg, stellte sie bei einem späteren Besuch in der Unterkunft fest. Ihr Einsatz hatte Erfolg gehabt. Nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass Elisabeth Kempf nicht lockerlässt, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, ein würdigeres Leben zu führen.

Schon in jungen Jahren hatte sich die inzwischen 75-jährige Christin sozial engagiert. Mit 20 Jahren hatte sie geheiratet und drei Mädchen zur Welt gebracht. Im Elternbeirat des Kindergartens lernte sie Gleichgesinnte kennen, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen wollten. So begann sie mit einer Freundin in Gossersweiler, wo sie damals wohnte, einen Hungermarsch für Angola zu organisieren. Weitere Menschen schlossen sich an; einige von ihnen setzten sich auch für andere Länder ein, und so unterstützten sie schließlich fünf Projekte. Über 30 Jahre war Elisabeth immer dabei.
Und dann gab es da noch den Pflegesohn. Elisabeths Schwägerin, eine Ordensfrau, war eines Tages mit einer jungen Frau aus Eritrea zu ihr gekommen. Diese Frau war traumatisiert und brauchte Hilfe. Sie war schon längere Zeit in Behandlung, als sich herausstellte, dass sie schwanger war. Darüber war sie selbst sehr glücklich, merkte aber bald, dass sie mit der Situation vollkommen überfordert war. Elisabeth hatte sie oft besucht und so ihr Vertrauen gewonnen. Eines Tages rief die Frau an und bat sie, den kleinen Jungen ganz zu sich zu nehmen und für ihn zu sorgen.

Der Pflegesohn war gerade ein Jahr alt und ihre Töchter schon aus dem Haus, als Elisabeths Ehe, die schon länger kriselte, auseinanderging. Ihre Schwester nahm Elisabeth und den kleinen Jungen vorübergehend auf. Es folgte – auch wegen der räumlichen Enge – eine sehr schwierige Zeit, bis eine Freundin ihr eine Eigentumswohnung anbot, die sie selbst nicht benötigte. Sie bestand darauf, keine Miete zu nehmen. „Ich sah es als Fügung an, dass meine Schwester und diese Freundin mir geholfen haben“, erinnert sich Elisabeth. Nach zwei Jahren fand sie die Wohnung in Annweiler, in der sie heute noch lebt.
Bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte der Pflegesohn bei Elisabeth. Dann ging er zum Studium nach Mainz und arbeitet jetzt als Sozialarbeiter in Landau. Nach seinem Auszug fragte das Jugendamt, ob Elisabeth sich um weitere „Jungs“ kümmern könne. Sie spürte damals, dass sie erst einmal ein Jahr Pause brauchte. Nichtsdestotrotz verfolgte sie die Nachrichten über so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das ließ ihr keine Ruhe, denn: „Nach denen fragt niemand; sie werden nur als Last empfunden!“ Elisabeth „musste“ aktiv werden. Auch wenn sie dafür andere Aktivitäten lassen musste, wie ihren langjährigen Einsatz beim Hungermarsch.
Das Jugendamt signalisierte ihr, dass es in Trier einen Jungen aus Somalia gäbe. Mustafa war 16 Jahre, als er zu Elisabeth kam. Er war vollkommen traumatisiert. Mit dreizehn hatte er mit ansehen müssen, wie sein Vater, ein Polizist, von einer Terrormiliz ermordet wurde. Seine große Schwester, ebenfalls im Polizeidienst, wurde kurze Zeit später enthauptet – vor den Augen von Mustafa, seiner Mutter, dem Großvater und zwei jüngeren Schwestern. Anschließend hatte man sie gezwungen, ihren Körper in ein Loch zu tragen, das sie vorher ausheben mussten. Den Kopf musste Mustafa tragen, was für ihn das größte Trauma geblieben ist. Sein Großvater, der in Deutschland studiert hatte, kümmerte sich anschließend um ihn, bis er kurz darauf zusammen mit weiteren 40 Personen bei einem Bombenanschlag in einem Hotel ums Leben kam. Als die militant-islamistische Gruppe Al-Shabaab verlangte, dass Mustafa bei ihrer Organisation mitmachen sollte, organisierte seine Mutter eine Fluchtmöglichkeit für ihn. So kam Mustafa über die Grenze in den Jemen und fand dort Unterschlupf bei einer Tante. Erst Jahre später in Deutschland erfuhr er, dass seine Mutter und die beiden Schwestern auch getötet worden waren, weil sie ihm zur Flucht verholfen hatten.

Im Jemen brach bald der Krieg aus, sodass er und seine Tante mit Hilfe von Schleppern versuchten, über das Mittelmeer nach Italien zu kommen. Das Boot, mit dem sie unterwegs waren, sank. Nur zwei Personen haben überlebt: Mustafa und eine junge Frau. Er konnte schwimmen und so auch der Frau bis an den Strand helfen. In Italien erhielt er eine gute Erstversorgung und landete schließlich in dem Aufnahmelager in Trier.
Elisabeth nahm ihn bei sich auf und sorgte dafür, dass er Kontakt zu einem gleichaltrigen Jungen seiner Kultur bekam. Drei Jahre blieb Mustafa bei ihr, bis er finanziell auf eigenen Beinen stehen konnte. Er hat eine Ausbildung in der Pflege gemacht und arbeitet jetzt in Dortmund.
Neben Mustafa kümmert sich Elisabeth um viele andere. Immer wieder kommen Anfragen von Freunden und Bekannten, die für Flüchtlinge da sind. Elisabeth setzt dann alle Hebel in Bewegung. Behördengänge und Anrufe bei verschiedensten Stellen, Sprachkurse und Ausbildungsplätze suchen, all das ist für Elisabeth Kempf alltäglich geworden. Unterstützung erhält sie von Freunden und Bekannten, während sie auf Ämtern oft für die notwendigsten Dinge zum Leben kämpfen muss. Es kommt aber auch vor, dass sie dort auf Menschen trifft, die sich anrühren lassen von ihrer Tatkraft und selbst aktiv werden.
Die engagierte Frau hat jedoch nicht nur Erfolge zu verzeichnen. Sie musste auch miterleben, dass Menschen es nicht schafften, sich ein neues Leben aufzubauen. „Manche verbauen sich auch selbst den Weg, aber das sind die wenigsten; meist sind sie zu stark traumatisiert“, weiß sie. Da war zum Beispiel eine Frau, die abgeschoben werden sollte. Eine Nacht nahm Elisabeth sie bei sich auf und schaffte es später, ihr über die Ausländerbehörde eine Ausbildungsstelle in einer Bäckerei zu vermitteln. Aber das lief nicht gut und letztlich wurde sie abgeschoben. „Lieber Gott, ab jetzt bist du zuständig! Ich stelle sie unter deinen Schutz, dass du ihr Leute schickst, die sich um sie kümmern,“ betet Elisabeth, wo sie selbst nichts mehr ausrichten kann.
Ihr Glaube ist ein starkes Fundament. Lange Zeit war sie in einem ökumenischen Hauskreis und einem „Wort-des-Lebens-Kreis“, in denen sie sich austauschten über Bibelstellen und wie sie diese in ihren Alltag mitgenommen haben.
Für die Nachbarn ist es kein Problem, dass Elisabeth immer wieder eine Zeit lang jemand bei sich aufnimmt. Eine türkische Familie, die über ihr wohnt, findet es „ganz toll, dass sie sich als Christin auch um Muslime kümmert“. Aber es gibt auch andere, die das nicht verstehen. „Wahrscheinlich brauchst du das einfach“, sagen sie manchmal. „Nein, es ist wichtig!“, betont Elisabeth dann. „Jesus hat uns aufgegeben, uns um den Nächsten zu kümmern. Und der Nächste ist nicht in erster Linie der, dem es gut geht, sondern der, dem es dreckig geht.“

Elisabeth ist auch sonst mit offenen Augen und wachem Herzen unterwegs. Ganz „nebenbei“ – wie sie sagt – besucht sie regelmäßig ältere Menschen im nahegelegenen Altenheim, denn „die sind so einsam“. Die Erfahrung mit einer Nichte, die an einer schweren Stoffwechselerkrankung litt und mit 14 Jahren starb, führte dazu, dass sie eine Ausbildung als Hospizhelferin machte. So hat sich ihr Blick für die Menschen in ihrer Umgebung geschärft. „Ich sage immer: ‚Danke, lieber Gott, dass du mich all das machen lässt.‘ Ich könnte ja auch krank sein oder die Not einfach nicht sehen.“
Ihr Schwerpunkt bleibt aber die Begleitung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in einer Zeit, in der die Bedingungen für Asylsuchende immer schwieriger werden: „Die sind ‚Fälle‘, die man weghaben will; weil sie halt Geld kosten. Aus finanzieller Sicht kann ich das ja nachvollziehen. Aber es geht doch um Menschen, um jeden einzelnen Menschen, der verzweifelt ist. Das wird nicht mehr gesehen.“
Zurzeit wohnt der 18-jährige Zakaria bei Elisabeth, seit inzwischen drei Jahren: „Er ist ein sehr netter, aufgeschlossener, zielstrebiger junger Mann“. Normalerweise wäre er inzwischen schon zu Hause von der Schule, aber mittwochs geht er immer noch ins Fitnessstudio. Dafür hat Elisabteh Verständnis: „Diese Kerle müssen sich doch irgendwo auspowern.“
Fünf „Jungs“ hat Elisabeth für kürzere Zeit oder einige Jahre bei sich in ihrer kleinen Wohnung aufgenommen; etliche andere Personen hat sie auf vielerlei Weisen unterstützt. In Gedanken lässt sie sie Revue passieren. Und sie gerät ins Schwärmen, wenn sie an manche Feier denkt, bei der die Mitglieder ihrer großen bunten „Familie“ aus allen Orten, wo sie inzwischen in Deutschland Fuß gefasst haben, bei ihr zusammenkommen: „Da sind dann Menschen aus halb Afrika bei mir, und es wird gelacht, gespielt, gesungen und getanzt.“
Maria Kuschel
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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