Eine Schule des Lebens
Neugier, Begegnung und neue Blickwinkel: Wer unterwegs ist,
kann vieles entdecken; nicht zuletzt sich selbst.

Diego Bigger
lebt und arbeitet in Zürich. Der Jurist leitet die Rechtsabteilung der Schweizer Finanz-App YUH. Seit seiner Jugend ist er politisch aktiv, war im Stadtrat von Bern und engagiert sich für eine gerechte Gesellschaft. Kraft und Inspiration dafür zieht er immer wieder aus Begegnungen und Gesprächen mit Menschen.
Beruflich, an Wochenenden, in meinen Ferien: Ich bin viel unterwegs. Wenn ich nun hier vom Reisen spreche, meine ich etwas Bestimmtes: Rucksack, solo, mindestens zwei bis drei Wochen. Mit einer groben Vorstellung, wo ich lang will, vielleicht mit dem einen oder anderen Ankerpunkt. Und dann vor allem: loslassen. Schauen, wo es mich hintreibt. Mich von Begegnungen überraschen lassen. Offen bleiben für das, was kommt.
Das klingt vielleicht unstrukturiert. Ist es aber nicht. Es ist für mich eine bewusste Haltung. Die Bereitschaft, das Unerwartete
nicht als Verunsicherung zu sehen, sondern als das Eigentliche.
Was mich immer wieder ans Reisen treibt? Es ist dieser innere Abstand, den ich unterwegs gewinne. Den finde ich nirgendwo so leicht wie unterwegs. Nicht Urlaub im Sinne von Nichtstun, sondern echter Abstand vom Alltag, vom Gewohnten, von der eigenen Rolle, die ich zu Hause Tag für Tag ausfülle. Wenn ich irgendwo bin, wo mich niemand kennt, keine To-do-Liste wartet und der nächste Tag offen ist, entsteht etwas Seltenes: Raum. Raum zum Nachdenken. Über das, was wirklich zählt. Über die Richtung, in die ich gehe – im Leben, nicht nur auf der Karte.
Was mich dabei am meisten zieht, ist das, was sich nie ganz planen lässt: Begegnungen. Ich bin zutiefst neugierig auf Menschen, auf ihre Geschichten, auf das, was sie antreibt, auf das, was uns verbindet, obwohl wir aus völlig verschiedenen Welten kommen. Eine Unterhaltung bei der Fahrt in einem Nachtbus, ein spontanes Abendessen mit Fremden, die schnell keine mehr sind – das sind die Momente, die mir bleiben.
2017 startete alles mit einer eigentlich ganz simplen Idee: Ein guter Freund aus meinem Austauschsemester in Kopenhagen lebt in Kolumbien. Ich wollte ihn besuchen und das mit einem Spanischkurs in Medellín verbinden. Aus dieser überschaubaren Idee wurden zehn Wochen Südamerika, mehrere Länder, unzählige Begegnungen. Freundschaften entstanden, die bis heute tragen. Landschaften, die mich sprachlos machten. Gespräche, die mich verändert haben. Es folgten einige weitere Reisen durch Lateinamerika. Was ich damals lernte und seither nicht vergessen habe: Ich reise mit offenem Herzen hin und komme mit einem vollen zurück.
Natürlich fordert das Reisen auch heraus. Pläne, die nicht aufgehen. Sprachbarrieren. Momente der Einsamkeit oder der Erschöpfung. Aber genau dort passiert oft das Wichtigste: Ich entdecke, was ich wirklich brauche, aber auch, was ich mir alles zutrauen kann.
Und wenn ich selbst nicht unterwegs bin? Dann hole ich mir das Reisefeeling nach Hause. Seit Jahren bin ich auf Couchsurfing aktiv. Nicht als Gast, sondern als Gastgeber. Ich nehme Menschen auf, die gerade durch Zürich reisen. Mal ist es ein Student aus Brasilien, mal eine Lehrerin aus Japan. Dasselbe Gefühl, das mich unterwegs bewegt – Neugier, Begegnung, andere Blickwinkel – mitten im eigenen Wohnzimmer.
Reisen ist für mich kein Konsum. Es ist eine Schule des Lebens. Und irgendwie auch ein Gespräch mit sich selbst, das man unterwegs am besten führen kann.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.