23. August 2026

Hinaus in die Weite

Von nst5

Reisen ist eine der großen Sehnsüchte

des Menschen. Und ein vielschichtiges Bild für das Leben.

Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren wir so viel unterwegs wie heute. Das liegt nicht zuletzt an den technischen Möglichkeiten. Bis vor einigen Monaten schienen beim Reisen auch (Länder-)Grenzen immer mehr an Bedeutung zu verlieren. Tatsächlich ist unser Leben, ohne die Möglichkeit zu reisen, kaum vorstellbar. Mobilität hat einen hohen Stellenwert – beruflich, privat, in Familien, im Ehrenamt. Auslandserfahrungen sind nicht nur für junge Menschen prägend und manchmal entscheidend für weitere Lebenswege.
Verreisen steht für viele auch in enger Verbindung mit Urlaub, mit Ferien. Egal, ob für kurze oder lange Zeit: „Ich bin dann mal weg“ beschreibt wie kaum eine andere Redewendung sinnbildlich die Sehnsucht nach Abstand vom Alltäglichen und den Wunsch, Neues zu entdecken, Anderes zu erleben.
Die einen machen sich allein, andere mit der Familie oder in einer Gruppe auf den Weg. Manche planen lange im Voraus und bis ins kleinste Detail, andere starten spontan und lassen sich überraschen. Die einen brauchen Wellness, Ruhe und Abgeschiedenheit, andere suchen den „Kick“, das Abenteuer oder Erlebnisse. Wie auch immer: Begegnung – mit sich selbst, mit Menschen, Kulturen und Ländern – spielt eine entscheidende Rolle.

Illustration: (c) iwat1929 (iStock)

Das Unterwegssein hat aber nicht nur Rückwirkungen auf die Reisenden selbst, sondern auch auf viele(s) andere: nicht zuletzt auf die Menschen, die im Gastgewerbe ihren Unterhalt verdienen, oder auf jene, die in Regionen leben, die als beliebte Reiseziele gelten. Reisen hat Auswirkungen auf Infrastruktur und Umwelt. Positive wie problematische. Es ist deshalb nur konsequent, sich auch darüber Gedanken zu machen, wie wir verantwortungsvoll und nachhaltig unterwegs sein können.
Was wollen und suchen wir, wenn wir uns auf eine Reise begeben? Sich die eigenen Sehnsüchte, Bedürfnisse und Erwartungen vor Augen zu führen, hilft auch, auf dem hart umkämpften Reise- und Tourismusmarkt eine passende Auswahl zu treffen.
Zu vielen dieser Aspekte finden Sie in dieser Ausgabe Anregendes und Bedenkenswertes. Hier möchte ich den Blick auf einen Aspekt richten, der mich beschäftigt hat: Wie sehr Reisen ein Bild für das Leben ist. Auch im Leben gibt es sonnige Tage, steile Anstiege, unerwartete Umwege und Begegnungen. Zu allen Zeiten haben Menschen dieses Bild genutzt. Es zieht sich durch die Literatur, und alle großen Religionen kennen die Bedeutung von Reisen und Unterwegssein, von Aufbrechen und Ankommen.
Im Judentum ist Pilgern und Unterwegssein fest verankert. Vom Aufbruch ins Gelobte Land über den Auszug aus Ägypten und die Wüstenwanderung, das Volk Israel ist beständig auf dem Weg. Drei historische Wallfahrtsfeste prägen bis heute den Jahreskalender. 
Der Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, ist eine der fünf Säulen im Islam; mindestens einmal im Leben sollen die Gläubigen sie antreten.
Im Buddhismus ist das Leben selbst ein Kreislauf (Samsara) der Wiedergeburten. Die Reise als Bild beschreibt hier den Pfad der Erleuchtung (den achtfachen Pfad), der aus diesem Kreislauf herausführt.
Der Hinduismus kennt Pilgerfahrten (Tirtha) zu heiligen Orten wie dem Ganges oder verschiedenen Tempeln; sie reinigen das Karma und bringen den Gläubigen dem Göttlichen näher.
Wie häufig in der Bibel vom sich Aufmachen und Unterwegssein die Rede ist, habe ich in den letzten Wochen neu wahrgenommen. Es steht auch dort nicht nur für einen Weg, der von Ort zu Ort und von Land zu Land führt, sondern meint zugleich den Lebensweg eines Menschen und den Weg, den Gott mit den Menschen geht. „Du führst mich hinaus ins Weite”, bekennt etwa der Psalmist (Psalm 18,20) und bittet gleichzeitig um den rechten Weg, der das Leben gelingen lässt und nicht ins Verderben führt.
In vielen biblischen Weggeschichten spiegelt sich in den äußeren Wegen der innere Weg der Menschen. Dabei haben alle Etappen eine Bedeutung – angefangen beim Aufbruch über das Unterwegssein bis zum Ankommen.
Im Alten wie im Neuen Testament ist das Unterwegssein ein klassischer Ort der Glaubens- und Gotteserfahrung. Wo Menschen sich aufmachen, Vertrautes verlassen oder verlieren und Fremde erfahren, stellt sich umso eindringlicher die Frage nach dem, was wirklich trägt und Halt gibt. Letztlich ist die ganze Heilige Schrift eine Wegerfahrung – und eine starke Zusage: Gott ist mit dabei. Er begleitet die Lebenswege, wohin sie auch führen.
Im Neuen Testament ist auch Jesus ständig unterwegs. Den Großteil seiner Botschaft verkündet er auf dem Weg – in der Begegnung mit Menschen. Und am Ende schickt er auch sie auf den Weg – zu den Menschen. So ziehen sich Erzählungen von Reisen, zurückgelegten Wegen, Begegnungen wie ein roter Faden auch durch die Apostelgeschichte und die Briefe. Menschen in der Nachfolge sind unterwegs. Und Gott mit ihnen. Nicht nur auf dem Weg nach Emmaus.

Illustration: (c) iwat1929 (iStock)

Leben ist Unterwegssein. Chiara Lubich griff für den Weg der Menschen zu Gott das Bild einer „Heiligen Reise“ auf. Und sie gebrauchte viele andere Bilder, um Etappen oder Erfahrungen auf diesem Weg zu beschreiben: dass es immer wieder notwendig sei, den inneren Kompass auszurichten; wie wichtig Weggefährten sind; sie sprach davon, als Seilschaft unterwegs zu sein, wo keiner ohne den anderen gehen und ankommen kann.
Das eine oder andere Bild kam mir bei den Beiträgen auf den folgenden Seiten in den Sinn. Das Thema Reisen hat sich mir beim Arbeiten vielfältiger und bereichernder gezeigt, als ich das vorher vermutet hätte. Und egal, ob Sie in den kommenden Wochen unterwegs sind – zu großen oder kleinen Touren, allein oder mit anderen, ich wünsche Ihnen, dass Sie etwas von dem erfahren, was Hilde Domin in einem Gedicht so formuliert hat: „Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest.“
Gabi Ballweg


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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