22. August 2026

Leidenschaftlich Gastgeber

Von nst5

Simone Gazzoli

Foto: privat

Simone Gazzoli,
56, ist seit über 40 Jahren im Gastgewerbe tätig. Schon mit 13 Jahren sammelte er erste Erfahrungen in einer Konditorei. Heute ist er Vizepräsident einer Genossenschaft, die 16 Hotels in verschiedenen Teilen Italiens betreibt. Er ist für den Einkauf zuständig, Bereichsleiter für das Fassatal und Direktor des Hotels der Genossenschaft in Arabba (Dolomiten). 


Hotelier zu sein, Gastfreundschaft anzubieten bedeutet für mich, Menschen aufzunehmen und anzunehmen, sie in jeder Hinsicht willkommen zu heißen. Das geht nur mit Leidenschaft, Liebe und der Bereitschaft zu dienen. Ansonsten laufe ich Gefahr, nur das unbedingt Notwendige zu tun oder – schlimmer noch – einfach nur Geld verdienen zu wollen. 
Wir empfangen Menschen, nicht Kunden! Ich möchte meine Gäste mit all dem aufnehmen, was sie an Sorgen und Nöten mitbringen, und ihren Wunsch ernstnehmen, bei uns eine schöne Zeit verbringen zu können. Das wird nie vollkommen gelingen. Aber jeden Tag aufs Neue öffnen wir den Menschen, die zu uns kommen, die Türen unseres Hauses, sodass sie es für die Zeit ihres Aufenthaltes als ihr Zuhause empfinden können.
In unseren Hotels arbeiten viele Menschen aus allen Teilen der Welt, auch aus ärmeren, benachteiligten Ländern. Meine Gastfreundschaft beginnt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber. Ich möchte, dass eine Atmosphäre der Zusammenarbeit und der Nähe entsteht. Wir können nur das an unsere Gäste weitergeben, was wir untereinander leben. Sonst machen wir ihnen etwas vor, das bei der ersten Schwierigkeit nicht mehr trägt.
Die Erwartungen der Gäste werden beständig größer. Im Urlaub möchten Menschen einen größeren Komfort haben als zu Hause. Oft bringen sie die Unzufriedenheit eines ganzen Jahres mit oder auch ihre Einsamkeit. Die Urlaubswochen sollen das alles vergessen machen, die schönste Zeit des Jahres sein. Die Gäste merken, wenn sie bei uns auf Menschen treffen, die ihnen aufrichtige Aufmerksamkeit schenken.
Immer wieder komme ich in eine Vermittlerrolle. Es gilt, die Ansprüche der Gäste mit den Arbeitsrhythmen der Mitarbeitenden in Einklang zu bringen. Es kommt vor, dass ich Gästen sagen muss, dass ihre Wünsche unsere Möglichkeiten übersteigen. Dann stelle ich mich schützend vor meine Leute. Gleichzeitig möchte ich nur dann „Nein“ sagen müssen, wenn es nicht anders geht. Ein Geheimnis liegt darin, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Liebe zu ihrer Arbeit ins Herz zu legen. Wenn ich sie einbinde, auch auf ihre Bedürfnisse achte, dann sind sie in aller Regel verständnisvoll und leisten einen guten Service. 
Für viele junge Menschen ist die Arbeit bei uns zu einem Sprungbrett geworden. Studierende haben sich hier das Geld für ihr Studium verdient. Mitarbeitende aus anderen Ländern haben einen Beruf gelernt und sich in Italien eingelebt. Dennoch wird es immer schwerer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Das liegt auch daran, dass es in einem Hotel keine festen Schichten gibt, und wir vor allem an den Festtagen und in der Ferienzeit arbeiten.
Gastgeber zu sein ist eine Lebensentscheidung. Ich habe sie vor langer Zeit getroffen und nie bereut. Die Arbeit ist anspruchsvoll, aber ich finde Erfüllung in der Beziehung zu den Menschen, die ich aufnehme. Ich habe viele Freundschaften und Beziehungen des tiefen Austauschs gefunden; Freundschaften, die seit dreißig und mehr Jahren bestehen. Auch deshalb ist meine Leidenschaft ungebrochen.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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