19. August 2026

Vom Sämann und von Oberflächen

Von nst5

„Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät…“

Kulturelle Gedanken zum „Wort des Lebens“ von Juli: „Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt Frucht.“ (Matthäus 13,23)

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Freund. Er dachte darüber nach, ob er sich eines seiner Tatoos entfernen lassen soll. Ich fragte nach, was der Grund sei, und er erklärte mir, dass sich die Bedeutung des Symbols für ihn inzwischen verändert habe. Ich fand das Tattoo gut gemacht und nahm es zunächst als ästhetisches Statement war. Für ihn aber gab es eine tiefere Dimension. Die Veränderung der Hautoberfläche hatte Einfluss auf sein inneres Leben.
Ich finde diese Wechselwirkung erstaunlich. Und sie ist mir als Architekt nicht unbekannt. Ich beschäftige mich intensiv mit der Beschaffenheit von Oberflächen. Denn sie hat gravierenden Einfluss auf ein Gebäude. Denken wir an das Ornament. Wir finden es oft im arabischen Raum, und es verändert ein Bauwerk grundlegend. Die Oberfläche transformiert ein Gebäude inhaltlich, weil sie zusätzliche Deutungs- und Wahrnehmungsebenen anbietet.
In der islamischen Welt hat das Ornament eine religiöse Dimension. Aber auch in unserer säkularen Kultur ist die Bedeutung der Oberfläche nicht zu unterschätzen: Welche Struktur hat die Teilung von Fassadenplatten? Ist die Oberfläche glatt oder rau? Regelmäßig oder wild? Lädt mich das Material zur Berührung ein? Oder hält es einen auf Distanz? All das sind spannende Fragen, mit denen ich mich auseinandersetze, wenn ich ein Gebäude entwerfe.
Das „Wort des Lebens“ von Juli ist dem Gleichnis vom Sämann entnommen. Das ist eine lange Geschichte, und sie handelt von Oberflächen. Der Same fällt auf unterschiedliche Untergründe, und das hat Auswirkungen. Mich interessiert dabei weniger die theologische Deutung als die Interaktion. Hier trifft etwas (Same/Wort Gottes) auf eine Oberfläche (Boden/Wir). Kehren wir das Ganze einmal um: Wir treffen auf eine Oberfläche – Was macht die mit mir? Die Oberfläche hat – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – ein schlechtes Image, und ich möchte eine Lanze für sie brechen. Sie ist Zugang und Ausdruck zugleich, provoziert Auseinandersetzung und Emotionen. Sie lässt sich im wahrsten Sinne berühren, und sie kann uns berühren. Wie tief, das hängt von jedem Einzelnen ab. In einer durchdigitalisierten Welt mit ihren glatten KI-Bildern und optimierten Instagram-Profilen kann eine unperfekte und strukturierte Oberfläche, sei es eines Gebäudes oder eines Menschen, eine überraschende Tiefe und Wahrhaftigkeit offenbaren.
Markus Thiel


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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