10. März 2015

Wort des Lebens März 2015

Von nst1

Kein bequemer Weg

Wenn wir Kreuz und Leid auf uns nehmen, baut das Beziehung mit Jesus auf, führt uns immer mehr zur vollen Gemeinschaft mit ihm.

Zur vollen Gemeinschaft mit Jesus gibt es keine Alternative als Kreuz und Leid.

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Markus 8,34)

Auf dem Weg nach Norden in die Dörfer bei Cäsarea Philippi fragt Jesus seine Jünger, was sie von ihm halten. Petrus bekennt im Namen aller anderen, dass Jesus der Christus sei, der Gesalbte, der seit Jahrhunderten erwartete Messias.
Um Missverständnissen vorzubeugen, sagt Jesus klar und deutlich, wie er seine Sendung versteht: Ja, er werde sein Volk befreien, aber auf ganz unerwartete Weise, indem er mit seinem Leben dafür einstehe. Er werde leiden müssen, verleugnet und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
Petrus tut sich schwer mit diesem Messias-Bild. Wie viele Menschen seiner Zeit stellt er ihn sich vor als machtvollen Helden, der die Römer besiegen und dem Volk Israel seinen ihm zustehenden Platz in der Welt zuweisen wird. Daher macht er Jesus Vorwürfe, wird aber von diesem gleich zurechtgewiesen: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ 1)
Dann bricht Jesus in Richtung Jerusalem auf, wo sich seine Bestimmung von Tod und Auferstehung erfüllen wird. Werden ihm seine Jünger nun immer noch folgen? Jesus macht ihnen nichts vor. Er ruft die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagt:

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Ja, dieser Meister hat sie fasziniert, als er am Ufer des Sees entlangging, während sie die Netze zum Fischfang auswarfen oder am Zolltisch saßen. Ohne Zögern haben sie die Boote, die Netze, die Zollstelle, den Vater, das Haus, die Familie verlassen und sind ihm hinterhergelaufen. Sie haben über seine Wunder gestaunt und seinen Worten voller Weisheit gelauscht. Aus Freude und Begeisterung sind sie ihm bisher gefolgt.
Doch nun wird ihnen klar, dass es um mehr geht: Jesus nachzufolgen bedeutet, auch sein Schicksal zu teilen: Misserfolg, Anfeindungen, ja sogar den Tod – und zwar den grausamsten, abscheulichsten, nur Mördern und Schwerstverbrechern zugedachten Tod. Wer auf diese Weise starb, galt als „verflucht“ 2).  Allein das Wort „Kreuz“ verbreitete so sehr Angst und Schrecken, dass man es kaum in den Mund nahm. Es taucht an dieser Stelle zum ersten Mal überhaupt im Evangelium auf.
Jetzt also, nachdem Jesus klargemacht hat, wer er ist und wohin sein Weg führen wird, kann er mit derselben Deutlichkeit sagen, wie er sich seine Jünger vorstellt. Wenn der Meister aus Liebe zu seinem Volk das Kreuz auf sich nimmt und sein Leben hingibt, dann müssen auch die, die ihm nachfolgen, ihre eigenen Vorstellungen beiseitelassen und den Weg des Meisters bis zum Ende mitgehen, das Kreuz eingeschlossen.

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Christ zu sein bedeutet: so gesinnt zu sein wie Jesus Christus 3),  der sich erniedrigte und gehorsam war „bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ 4);  mit Christus gekreuzigt zu sein, bis man sagen kann: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ 5); nichts anderes mehr „zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten“ 6). Wenn das der Fall ist, kann Jesus selbst in uns leben, sterben und auferstehen. Ist das nicht der tiefste Wunsch eines jeden Christen, die Sehnsucht, die so viele große Heilige hervorgebracht hat: so zu sein wie der Meister? Doch wie geht das?
Der erste Schritt besteht darin, „sich selbst zu verleugnen“, das heißt, sich von der eigenen Sichtweise zu lösen. Diesen Schritt hat Jesus von Petrus verlangt, als er ihm vorhielt, er würde denken wie die Menschen und nicht wie Gott. Geht es uns nicht auch wie Petrus? Auch wir wollen uns doch oft einfach nur selbst behaupten oder wenigstens unsere Meinung durchsetzen. Wir suchen den schnellen Erfolg, nehmen dafür lieber den bequemen Weg, beneiden alle, die erfolgreicher sind als wir, und träumen von einer Harmonie in der Familie, der Gemeinde, der Gesellschaft, die uns nichts abverlangt.
Sich selbst verleugnen bedeutet jedoch, dass das Weizenkorn sterben muss, um Frucht zu bringen, dass Geben seliger ist als Nehmen, dass Liebe auch die Bereitschaft verlangt, das Leben zu geben, dass man sein Kreuz auf sich nehmen muss.

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Das Kreuz, das tägliche Kreuz, von dem im Lukasevangelium die Rede ist 7), kann tausend Gesichter haben: eine Krankheit, den Verlust des Arbeitsplatzes, die Unfähigkeit, mit den Problemen in der Familie oder im Beruf fertigzuwerden, den Eindruck, keine echten Beziehungen aufbauen zu können, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber den großen Konflikten in dieser Welt, die hilflose Empörung angesichts der Skandale in der Gesellschaft … Nein! Wir müssen uns das Kreuz nicht suchen; es kommt uns von allein entgegen, oft genug gerade dann, wenn wir es am wenigsten erwarten, und auf eine Weise, die wir uns nun absolut nicht vorgestellt hätten.
Jesus lädt uns dazu ein, das Kreuz nicht zu erdulden wie ein unausweichliches Schicksal, uns nicht davon erdrücken zu lassen, es nicht mit stoischem Gleichmut zu ertragen. Wir sollen es vielmehr annehmen als Chance, sein Kreuz mit ihm zu teilen, auch in dieser Situation seine Jüngerinnen und Jünger zu sein und in Gemeinschaft mit ihm auch diesen Schmerz zu leben. Denn zunächst einmal hat ja er unser Kreuz mit uns geteilt.
Wenn wir das Kreuz auf uns nehmen, um es mit Jesus zu tragen – im Wissen darum, dass er es mit uns trägt –, dann baut das Beziehung mit ihm auf, schafft Zugehörigkeit zu Jesus, führt uns immer mehr zur vollen Gemeinschaft mit ihm, bis wir ein anderer Jesus werden. So folgen wir Jesus nach! So werden wir wirklich Jünger Jesu. So wird das Kreuz tatsächlich für uns, wie für Christus, zur Kraft Gottes 8), zum Weg der Auferstehung. Dann können wir in jeder Schwäche Kraft finden, in jedem Dunkel das Licht, in jedem Tod das Leben, weil wir immer Jesus darin begegnen.
Fabio Ciardi

1) vgl. Markus 8,31ff; 2) vgl. Deuteronomium 21,23; 3) vgl. Philipper 2,5;
4) Philipper 2,8; 5) Galater 2,20; 6) 1 Korinther 2,2; 7) Lukas 9,23; 8) vgl. 1 Korinther 1,18.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2015)
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