Ein gutes Leben auch für andere
Widerständigkeit ist eine höchst persönliche Sache.
Wo fühlt sich etwas falsch an? Wo ist es wichtig, etwas zu sagen, etwas zu tun? Wo gilt es, einem anderen Menschen den Rücken zu stärken?
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„Menschlichkeit leben“ lautet der Untertitel unserer Zeitschrift. Ja, die Welt ist voller Menschlichkeit, voll von gelebter Menschlichkeit. So machen wir uns für jede Ausgabe auf die Suche nach Personen und Initiativen, nach Nachrichten und Tendenzen, die dies zeigen. Auch in dieser Nummer finden sich viele Beispiele dafür: der Brief an die Journalistinnen in Somalia (Seite 3), das Porträt von Rosemarie Müller und ihr Engagement für Indien (Seite 26) oder die Reportage über die Investoren von Starkmacher Impact in Mannheim (Seite 32).
Ähnliches gilt für die Fokolar-Bewegung, die Herausgeberin der NEUEN STADT, und ihre Mitglieder, Freundinnen und Freunde: Sie wollen das Positive erkennen und an das Gute in jedem Menschen glauben; es suchen, wenn es sich nicht sofort zeigt. Da orientieren sie sich an Jesus, der im Lukasevangelium sagt: „Wer nicht gegen mich ist, ist für mich“ (Lukas 9,50). Sie bemühen sich, jede Person zu lieben und sich auf sie einzulassen. „Sich eins machen“, heißt das bei den Fokolaren in Anlehnung an den ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther: „Allen bin ich alles geworden“ (9,22).

An dieser Grundhaltung wollen wir nicht rütteln. Das soll so bleiben. Warum dann aber eine ganze Ausgabe zum Thema widerständig leben?
Eine erste, vielleicht überraschende Aussage dazu kommt von unserem Interviewpartner, dem Theologen und Soziologen Ferdinand Sutterlüty: „Widerständigkeit und Menschlichkeit“, so sagt er, „gehören eng zusammen“ (vgl. Seite 18-21). Menschen, die widerständig leben, suchten nicht nur ein gutes Leben für sich selbst, sondern auch für andere. Menschlichkeit leben, ein gutes Leben für alle zu suchen, verlangt nicht nur, sich für das als gut Erkannte einzusetzen, sondern auch, zumindest nicht mitzumachen, wenn man etwas für falsch hält. Oder sogar, etwas dagegen zu tun. Interessanterweise hat Jesus – ebenfalls im Lukasevangelium – auch deutlich gemacht, dass es ohne eine Entscheidung für ihn, für die Menschlichkeit, nicht geht: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ (Lukas 11,23).
Wo endet Toleranz? Wo wird das „Sich-eins-Machen“ einseitig oder naiv und damit falsch? Fragen, denen wir uns stellen müssen, und die nicht immer eine schnelle und eindeutige Antwort haben. Zu dieser Spannung passt auch die Aussage von Jesus, der sagt, wir sollten „in der Welt“ leben, ohne „von der Welt“ zu sein. Ich verstehe sie so: Christen können die Welt als Schöpfung Gottes bejahen, ohne so mit ihr verhaftet zu sein, dass alles gleich gültig wird. Sie können Abstand nehmen, um Situationen und Entwicklungen mit den Maßstäben des Evangeliums zu beurteilen – am besten in einem gemeinschaftlichen Abwägen und Ringen. Sie können der Vereinnahmung etwa durch Politiker widerstehen, die für sich in Anspruch nehmen, christliche Werte zu verteidigen und dabei die Menschlichkeit mit Füßen treten.
Immer wieder erfahren wir von beeindruckenden Beispielen des Widerstandes – durch Völker und von Einzelnen: Wenn etwa Anfang des Jahres Hunderttausende im Iran für die Freiheit demonstrieren – und Zehntausende von ihnen vom Regime getötet werden. Oder wenn die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava von ihrer mehr als fünfjährigen Zeit im Gefängnis berichtet und bezeugt, dass ihr die Machthaber zwar die äußere Freiheit nehmen konnten, nicht aber die innere Freiheit.

Wir sprechen in dieser Ausgabe eher von Widerständigkeit als von Widerstand. Widerständig leben klingt etwas kleiner und demütiger. Und ist doch nicht weniger bedeutend. Man riskiert vielleicht nicht gleich sein Leben, läuft aber Gefahr, unverstanden, ausgegrenzt oder lächerlich gemacht zu werden. Was Widerstand und Widerständigkeit verbindet, ist, dass es ohne die Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Tuns zu tragen, nicht geht.
Widerständigkeit ist eine höchst persönliche Sache. Sie verlangt, auf die innere Stimme, das Gewissen zu hören: Wo fühlt sich etwas falsch an? Wo ist es wichtig, etwas zu sagen, etwas zu tun? Nicht zur schweigenden Mehrheit zu gehören, nicht passiv zu bleiben? Wo ist es nötig, einem anderen Menschen den Rücken zu stärken?
Widerständigkeit kann auf das persönliche Zeugnis begrenzt bleiben. Sie kann aber auch dazu führen, dass man sich Gleichgesinnte sucht und sich mit anderen zusammentut, um sichtbarer zu werden und so vielleicht mehr zu erreichen (siehe Seite 13).
Widerständigkeit verlangt weiterhin, sagen zu können, was man erreichen möchte. Es genügt nicht nur, gegen etwas Flagge zu zeigen; es geht auch um ein positives Ziel. Was könnte das sein? Was wollen wir schützen? Und wie? Was sind (christliche) Werte? Das Leben, die Familie, die Freiheit, die Gleichheit, die Geschwisterlichkeit, die Menschenwürde, Gerechtigkeit, Demokratie, das Vertrauen in den Rechtsstaat, die Natur, … Auch darüber lohnt es sich, das Gespräch zu suchen.
Und schließlich: Widerständigkeit ist nicht automatisch gerechtfertigt oder gut. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass sich Gemeinschaften der Unzufriedenen, der Misstrauischen bilden. Im öffentlichen Diskurs und insbesondere in den sozialen Medien lassen sie ihren Frust ungefiltert heraus, beleidigen, verspotten – und das immer aggressiver. Das geht so weit, unsere Gesellschaftsordnung, „den Staat“, „die Eliten“ zu bekämpfen und das Recht auf Widerstand für sich in Anspruch zu nehmen, weil wir in einer Diktatur lebten. Der österreichische Politikwissenschaftler Bernhard Weidinger meint dazu: „Wogegen man angeht und aus welchen Beweggründen (ist) eben nicht belanglos.“
Widerständig leben, so hat es Ferdinand Sutterlüty beobachtet, heißt, in Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen zu handeln. Deshalb, so sein Eindruck, sind solche Menschen oft mit sich selbst im Reinen. Ist das nicht eine schöne Aussicht? Unter dieser Perspektive haben wir auch das Titelbild dieser Ausgabe ausgewählt.
Peter Forst
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2026.
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