Leben bis zuletzt
Die amerikanische Hospizschwester Kathy Kalina hat zahllose Menschen auf ihren letzten Wegetappen begleitet. Ihr Fazit: „So seltsam es klingen mag, aber diese Erfahrung hat mir selbst viel von meiner Angst vor dem Sterben genommen. Leben ist möglich – bis zuletzt! Aber man kann gar nicht früh genug damit beginnen, die Weichen gut zu stellen.“
In einem Buch geht Kathy Kalina einfühlsam und persönlich den Fragen nach: Welche Schritte helfen, sich mit dem möglichen Sterben-Müssen zu versöhnen? Was kann ich ganz praktisch tun? Woraus kann ich Kraft schöpfen?
Ihre Erfahrungen sind wertvoll für diejenigen, die mitten im Leben stehen und besonders wichtig für jene, deren Lebenszeit offenkundig begrenzt ist.
Auszüge aus ihrem Buch 1):
Einführung
„Wenn wir unser Leben als einen Abenteuerroman betrachten (das ist es ja irgendwie auch), was würde wohl in den letzten zwei bis drei Kapiteln stehen? Diese Frage stellt sich uns spätestens dann, wenn sich unser Leben dem Ende zuneigt. Und wie im Schlusskapitel eines Buches oder im letzten Akt eines Theaterstückes, so können wir damit rechnen, dass es in der letzten Lebensphase überraschende Höhen und Tiefen gibt. Und wie sich in einer Erzählung am Ende manche scheinbar unzusammenhängenden Fäden oftmals doch noch zusammenfügen, so ist es auch in unserem Leben: Das eine oder andere gut zu Ende zu bringen, das ist eine Aufgabe, die wir rechtzeitig in Angriff nehmen sollten.
Als Hospizschwester habe ich viele Lebensgeschichten kennengelernt und „letzte Kapitel gelesen“. Ich habe Menschen reifen, sich verändern sehen, oft bis zum völligen Wandel, und ich möchte davon erzählen, wie sie in ihrer letzten Lebensphase Hoffnung, Trost und Sinn gefunden haben. (…)
Eine ernste, womöglich lebensbedrohliche Krankheit fordert den Menschen existenziell heraus – physisch, emotional, seelisch. Es verlangt Mut, sich dieser Situation zu stellen, die das Leben völlig auf den Kopf stellt, und trotz aller Ängste einen Schritt nach dem anderen zu gehen; zu tun, was jeweils dran ist, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Irgendwann auf diesem Weg kommt dann die letzte Stunde – aber es ist nur eine „Stunde“. Alles andere ist Leben, bis zuletzt.
Sich den eigenen Gefühlen stellen
Es ist wohl für jeden Menschen ein Schock, wenn er erfährt, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. Man verliert gleichsam den Boden unter den Füßen. Selbst wenn man weiß, dass jeder Mensch sterben muss. Selbst wenn man – auch wenn man die Wahl hätte – nicht 200 Jahre alt werden will. Selbst wenn der Glaube einem sagt, dass die wahre Heimat im Himmel ist.
Der Wirklichkeit des eigenen Todes ins Auge sehen zu müssen, kann den Verstand lähmen. Es ist eine quälende Erfahrung. Nicht jeder physische Schmerz verursacht inneres Leid: Die Geburt einen Kindes zum Beispiel ist für die Frau mit großen physischen Schmerzen verbunden; dennoch wird sie dabei kaum von innerem Leid sprechen. Innere Qual hingegen bringt das Lebensfundament ins Wanken; man verliert den Halt.
In solchen leidvollen Zeiten gibt es Phasen, da wacht man morgens auf und sagt sich: „Ich schaffe das schon. Mir geht’s von Tag zu Tag besser!“ An anderen Tagen wiederum lehnt man sich voller Wut gegen die Krankheit auf. Man fängt an, mit Gott zu handeln, feilscht um Heilung oder um ein wenig mehr Lebenszeit. All diese Reaktionen sind ein Versuch, sich selbst zu schützen und zu wappnen, um Kraft zu haben für den weiteren Weg.
Intensiv leben
Es gibt Menschen, die ihr Leben radikal beschneiden, wenn sie von ihrer Krankheit erfahren. Augenblicklich dreht sich ihre ganze Welt nur noch um Arzttermine, Untersuchungen, Therapien. Und selbst wenn gerade nichts dergleichen unmittelbar ansteht, denken oder reden sie davon: Die medizinische Behandlung wird für sie zur mentalen Vollzeitbeschäftigung.
Ist die Behandlung dann abgeschlossen, fällt es schwer, zu Hause wieder ein normales Leben zu führen. Das Leben ist nicht mehr wie früher, man fühlt sich irgendwie verloren. Ich habe Patienten kennengelernt, die in diesem Zwischenzustand verharrten und die Zeit untätig verstreichen ließen; das Einzige, was sie taten, war, jeden Tag das Kalenderblatt abzureißen. Das ist nur „Zeit totschlagen“; „Leben bis zuletzt“ sieht anders aus.
Die Unfähigkeit, zum normalen Tagesgeschäft zurückzukehren, kann ein Anzeichen einer klinischen Depression sein, die durch den Schock der Diagnose ausgelöst worden ist. Wer unter Schlaflosigkeit oder Weinkrämpfen leidet, ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit verspürt, keine Kraft hat oder sich nicht konzentrieren kann, sollte ohne falsche Scheu ärztliche Hilfe suchen.
In vielen anderen Fällen ist der Weg aus dieser Lähmung erstaunlich simpel. Indem man das tut, was man früher gewöhnlich tat, fängt man an, wieder „normaler“ zu empfinden. Von meiner Erfahrung her kann ich sagen: Normale Dinge zu tun, auch wenn man sich nicht „normal“ fühlt, ist der sicherste Weg, um das Leben wieder anzupacken.
1) Kathy Kalina, Leben bis zuletzt, Über den Wert der letzten Weg-Etappen. Verlag Neue Stadt 2014.
Ein Anhang bietet Orientierungshilfen für die Suche nach geeigneter praktischer, aber auch geistlich-spiritueller Unterstützung, wie sie in den christlichen Kirchen praktiziert werden.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November 2014)
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