Lebenssinn Brückenbau

Offener Brief an Toni Rüttimann!

Sehr geehrter Toni Rüttimann!
Über Brücken machen wir uns keine Gedanken. Von der öffentlichen Hand gebaut, stehen sie halt, wo man sie braucht. Wie wichtig sie sind, merken wir erst, wenn sie kaputt oder gesperrt sind. In manchen Gegenden der Welt sind sie nicht selbstverständlich. Flüsse verhindern, dass die arme Landbevölkerung Straßen, Märkte, Ärzte erreicht. „Man kann sterben mit dem Baby am Arm, verzweifelt am Flussufer”, erklären Sie in Ihren Vorträgen.
Seit über dreißig Jahren bauen Sie Brücken. Über 800 sind es inzwischen, von Argentinien bis Mexiko, von Vietnam bis Indonesien. Sie helfen Menschen, die darunter leiden, keine Brücke zu haben. Die Bevölkerung, zumeist Landwirte, arbeitet daher bereitwillig mit. In Myanmar legen nicht nur Bauern Hand an, sondern auch Mönche, Soldaten, Minister und Generäle. Denn viele sind Buddhisten, und „Buddha”, erläutern Sie dem Publikum „sagte schon vor 2500 Jahren, dass jene, die Straßen, Brücken oder Brunnen bauen, speziell gesegnet sind, weil sie so vielen Menschen dienen.” Über zwei Millionen Menschen erleichtern Ihre Bauwerke das Leben!
Ein erschütternder Fernsehbericht entfesselte schon in jungen Jahren Ihre Hilfsbereitschaft: Nachrichten von einem Erdbeben in Ecuador. Sie brachen nach wenigen Wochen ein gerade begonnenes Studium als Bauingenieur ab, um den Erdbebenopfern beizustehen. Jahrelang sammelten Sie dann von verlassenen Bohrtürmen Seile für die Konstruktion der Hängebrücken. Seit 2005 schenken Ihnen Schweizer Seilbahnunternehmen ausrangierte, aber einwandfreie Stahlseile. Eine italienisch-argentinische Firma schickt die Röhren, aus denen die Brückenpfeiler geschweißt werden. Kies, Sand, Stein und Zement werden vor Ort beschafft. Sie organisieren den nervenaufreibenden Materialtransport, leiten Hunderte Frauen, Männer und Kinder bei den einzelnen Arbeitsschritten auf den Baustellen an, vom Aushub über die Betonierung der Fundamente bis zur Montage. Manche Arbeiten laufen in schwindelerregender Höhe ab. Die Verbindungen über die Flüsse dienen „nur“ Fußgängern, Tieren, Mopeds. Sie wollen den Armen helfen und nicht den Regierungen die Arbeit abnehmen: Der Bau von Straßenbrücken sei deren Aufgabe!
2002 erlitten Sie in Kambodscha eine Infektionskrankheit, waren gelähmt, zwei Jahre außer Gefecht. In dieser Zeit entwickelten Sie ein Programm, um vom Laptop aus bauen zu können. Seitdem bringen Sie, dank der Mithilfe bewährter Baukollegen vor Ort, bis zu fünfzig Brücken im Jahr in verschiedenen Ländern zugleich voran, ohne dass Sie überall präsent sein müssen.
Sie haben sich mit Haut und Haaren der Lebensaufgabe verschrieben, Hindernisse zu überbrücken und Wegzeiten zu verkürzen. Was Sie benötigen, passt in zwei Taschen. Sie sind ständig unterwegs, ohne festen Wohnsitz, übernachten auf Schiffen und Bussen oder dort, wo die Menschen Sie einladen. Ein Lebensstil, der glücklich macht, aber auch an den Kräften zehrt.
Mucksmäuschenstill ist es in dem Sälen während Ihrer Vorträge: ein uneigennütziges Leben, radikal im Dienst am Nächsten! Das verdient Bewunderung, macht dankbar, bewegt, stellt den eigenen Lebenswandel infrage.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Bildschirmfoto vom Video “Der Schritt auf Brücke Nr. 777

Toni Rüttimann
Beat Anton Rüttimann, geboren 1967 in Pontresina im Engadin, baut seit 1987 Brücken in Lateinamerika und Südostasien. In den spanischsprachigen Ländern Süd- und Mittelamerikas ist er bekannt als „Toni el Suizo“ (Toni, der Schweizer).





(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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