Durch- und Aufatmen

„ Aufatmen “ – für die Süddeutschen, Österreicher und Schweizer „aufschnaufen“ – ist für alle, die Deutsch als Fremdsprache lernen, eine Herausforderung. Wie alle Wörter, die eine mehrfache Bedeutung haben. Schon im wörtlichen Sinn „tief ein- und auszuatmen“ ist manchmal gar nicht so leicht.

Noch schwieriger ist es dann in der Bedeutung von „befreit, erleichtert sein“. So fällt mir persönlich gewissermaßen ein Stein vom Herzen, wenn ich lese, dass der Berg- und Wanderführer Walter Depprich mit der ganzen Gruppe umkehrt, weil der schmale Grat einer Wegbegleiterin Angst einflößt. Beim Bericht über den Schweizer Pfarrer Ruedi Beck und seine Besuche im kriegsgebeutelten Syrien gibt es hingegen Stellen, wo ich die Luft anhalte – weil die Situation so absurd ist, die Gefahr so alltäglich für die Menschen, sie aber trotzdem versuchen, das Beste daraus zu machen und weil man sich einfach nicht vorstellen kann, wie sich das verwundete Land jemals erholen soll. Trotzdem gibt es auch Stellen zum Durchatmen – wenn Imame und Pfarrer einander begegnen und füreinander eintreten, wenn der bedingungslose Einsatz für Schwache fast an ein Wunder grenzt.
Wer innerlich auf- und durchatmet fühlt sich erlöst, befreit, findet neue Perspektiven und ist oft heilfroh. Er kann Kraft schöpfen und sich wieder tatkräftig seinen Aufgaben zuwenden. Ein Wörterbucheintrag meint sogar, dass „einem eine (Zentner)Last von der Seele fällt“, wenn man aufatmet. Man kann dann wieder mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben gehen.

Cover der NEUEN STADT Juli/August 2019. Gestaltung: elfgenpick.de/Foto: (c) leungchopan (iStock)

Aufatmen und durchatmen – die einen können das in der Natur, andere beim Sport; so mancher braucht Abgeschiedenheit, andere wollen ein besonderes Ambiente oder möglichst viele Menschen um sich. Es gibt die, die gern Bücher lesen, andere, die Museen besuchen oder eine Konzert- oder Theateraufführung. Und für die meisten kommt es wohl von all dem auf die rechte Mischung, das „rechte Maß“ an. Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Wenn Sie die Beiträge zum Thema Schönheit lesen, werden Ihnen die meisten Aspekte dort auch begegnen.
Schönes, das Schöne, Schönheit lässt aufatmen, Kraft schöpfen und wirkt befreiend. Manchmal muss man sie entdecken, ihr nachspüren, sich dafür auf Neues und auf den ersten Blick Befremdliches einlassen. Und manchmal muss man sich auch durch Brüche und Verwundungen zum Schönen „durchkämpfen“, es erleiden und erringen.
Für viele steht jetzt die Ferienzeit an. Egal wo und wie Sie diese verbringen, unterwegs oder auch zu Hause – ich wünsche Ihnen, dass dabei so manches an Last abfallen kann, dass Sie aufatmen können und eine – in jeglicher Bedeutung des Wortes – rundum „schöne“ Zeit haben!

Ihre
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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