10. Januar 2010

Der Duft des Neuen

Von nst_xy

Traditionelle Handwerksromantik und moderne Betriebskultur, wie geht das zusammen? In der südfranzösischen Provence versucht Monsieur Jean-Louis Plot als Unternehmer nicht nur an sein eigenes Portemonnaie zu denken, sondern an die Mitarbeiter, an die Umwelt und an die Armen in der Welt.

Sogar im Winter zieht dem Passanten feiner Parfumduft in die Nase. Im mittelalterlichen Städtchen Salon-de-Provence wird heute noch die Seifensiederei gepflegt – nach Rezepturen aus dem 17. Jahrhundert. Die himmelblaue Tür der Boutique Rampal-Latour steht auch Touristen offen. Handgefertigte Feinseifen, edel konfektionierte Shampoo-Flacons neben umweltfreundlichen Putzmitteln; am meisten duftet die Savon de Marseille, Naturseife, traditionell aus Olivenöl.
Mit dem Kauf der ehrwürdigen Savonnerie in der Provence hat Jean-Louis Plot (40), verheiratet, vier Kinder, vor sieben Jahren einen Traum wahr gemacht und internationales Flair mitgebracht. „Alte Seifensiederei ist faszinierend, geht aber heute nur als globales Geschäft.“ Mit zwölf Angestellten und drei Zeitkräften macht er derzeit einen Umsatz von 1,3 Millionen Euro im Jahr. „Da steht man unter Druck wie der Kupferkessel, in dem die Olivenseife kocht.“ Als Jean-Louis Plot sich selbständig machte, wollte er nicht nur diesen Traditionsbetrieb mit feinen Ökoprodukten retten. „Mich hat auch die Idee globaler Mitverantwortung auf einem internationalen Unternehmerkongress der ‚Wirtschaft in Gemeinschaft’ begeistert. Wir sitzen doch weltweit in einem Boot.“ Von vornherein wollte er seinen Gewinn auch in Armutsprojekte stecken. Global denken wie handeln und dabei die Mitarbeiter als Partner einbeziehen, hieß das christliche Ideal. Doch wie sollte er seine hehren Ziele den Angestellten klar machen? „Ich brauchte inneren Mut, die Freunde im Rücken und meinen ‚stillen Teilhaber’ zur Seite“, verrät der jugendlich wirkende Franzose verschmitzt sein Geheimnis.
Drei Jahre brauchte er dann, um eine Mitarbeiterversammlung einzuberufen. Es wird eine für alle spektakuläre Veranstaltung. Erstmals legt der Chef eine Bilanz offen. Dazu erklärt er die kurz- und mittelfristigen Ziele: mehr ökologische Produkte, mehr internationalen Vertrieb und bessere Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dann platzt die erste Bombe: die Ankündigung einer Ausschüttung an alle Mitarbeiter. Beifall. Das hatte es in der hundertjährigen Firmengeschichte noch nicht gegeben. „Erstens haben wir gemeinsam etwas erarbeitet“, sagt Jean-Louis Plot, „und zweitens sollt ihr wissen, dass auch ich nicht nur in die eigene Tasche wirtschafte.“
Das ist die zweite Bombe: Dass er seinen Unternehmergewinn, der Alleininhabern als Einkommen zusteht, auch mit den Ärmsten der Welt teilen will, lässt erst einmal alle verstummen. Da erhebt sich Theirry, Facharbeiter mit 20-jähriger Firmenzugehörigkeit, und sagt mit knappen Worten: „Aber auch unsereiner ist arm und braucht Geld!“ – „Es ist wahr, dass ihr Geld braucht, aber wir dürfen nicht vergessen, dass über eine Milliarde Menschen auf der Welt weniger als einen Euro pro Tag zur Verfügung haben.“ Es folgt eine hitzige Debatte, bei der vieles offen bleibt.
Kaum eine Stunde danach ruft ein Handelspartner aus Taiwan an: „Ich habe gute Neuigkeiten, Monsieur Plot: Wir halten ihre Traditionsseifen für so viel versprechend auf dem hiesigen Markt, dass wir gerne ab kommenden Monat alle sechs Wochen eine Containerladung ordern würden.“ Das war ja hoch interessant! „Ich hatte noch die Firmenversammlung im Sinn“, resümiert Jean-Louis Plot, „und musste mich innerlich bei meinem ‚stillen Teilhaber’ bedanken für diese direkte Ermutigung.“
Die Enttäuschung über den scheinbar misslungenen Versuch, die Mitarbeiter für die eigene Linie zu gewinnen, ist so etwas abgemildert. Im Gespräch mit befreundeten Unternehmern, die sich ebenfalls an den Prinzipien der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (WiG) orientieren, ergeben sich zwei Tipps: das Hören zu lernen, um besser für jeden Einzelnen da zu sein, und aufmerksamer zu werden für die „Armen“ im eigenen Betrieb. Aber wie?
Jean-Louis Plot besucht einen Kurs des WiG-Trainers Bernard Desroziers mit dem Thema „Auf den andern hören, um sich selbst besser kennen zu lernen.“ „Da habe ich zum ersten Mal erlebt, wie bereichernd es ist, wenn ich meinem jeweiligen Gegenüber echt und persönlich zuhöre. Es war für mich wie die kopernikanische Wende.“ Als Chef jedem Beliebigen, der im Moment vor einem steht, den Vorrang zu geben vor allen Aktivitäten, vor dem Effizienzdenken, vor dem Betriebsergebnis und vor allen drängenden Sorgen: Das stellt tatsächlich die Prioritäten auf den Kopf.
Zurück von der Tagung, geht Plot morgens ins Büro, schiebt seine Sachen zur Seite und setzt sich ohne die übliche Aktivitätenliste einfach ins Büro seiner Sekretärin: „Marie-Jo, wie kann ich Dir helfen?“ Sie lächelt und zieht eine Aufgabenliste aus der Schublade, auf der schon wichtige und dringende Dinge stehen, über die sie zwei Stunden lang sprechen. „Doch was mich am meisten beeindruckt hat: Ich hatte es nie geschafft, eine Aufgabenliste für ihre Arbeit zusammenzustellen. Und jetzt hatte sie selbst die Initiative ergriffen.“
Dann passierte noch vieles andere. Seit fünf Jahren begrüßt Jean-Louis Plot beispielsweise jeden Mitarbeiter mit einem „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, Montags morgens fragt er auch nach dem Wochenende. Und seit fünf Jahren ein und dieselbe Antwort: „Guten Morgen Monsieur Plot, Danke, gut.“ Nach dem Seminar über das Zuhören stellt er dieselbe Frage, aber offenbar mit einer echten Haltung des Zuhörens. Erstaunt erhält er dreimal in einer Woche Antworten wie „Mir geht es ganz gut, und wie geht‘s Ihnen?“ oder „Wir waren bei dem schönen Wetter am Meer. Und wie haben Sie das Wochenende verbracht?“ – „Es sind einfache Antworten, doch sie haben mich tief getroffen.“ Damit aus dem punktuellen Zuhören nach und nach eine ständige Form gegenseitiger Aufmerksamkeit wird, sucht Jean-Louis Plot „extern“ Unterstützung. „So bitte ich meinen ‚stillen Teilhaber’, dass er mir immer wieder den Weg zeigt und die Kraft gibt, damit weiter zu machen. Und dieser ‚stille Teilhaber’ meldet sich manchmal auch über die Stimmen von Monsieur Plots WiG-Freunden, mit denen er sich regelmäßig austauscht. Auf diesem Weg fand Plot auch eine Lösung für die Frage, die ihm so stark am Herzen lag: Wie man als Betrieb etwas Sinnvolles für die Armen tun kann.
Bei einer teilweise sehr schwankenden Auftragslage muss Jean-Louis Plot häufig Zeitarbeiter einstellen. Doch statt einer Agentur sprach er diesmal eine caritative Vermittlungseinrichtung an für Leute in schwierigen Situationen. „So ist Fabrizio zu uns gestoßen, dann Francois und vergangenen Montag Christophe“, berichtet der Unternehmer. „Alle drei haben einen schweren Einschnitt im Leben hinter sich, sind aber in der Lage, die ihnen übertragenen Aufgaben zu meistern. Das Ganze ist noch ziemlich frisch, aber man kann schon sagen, dass die Neuen sich sehr wohl fühlen.“ Fabricio, Francois und Christophe haben so immerhin für eine Zeitlang Arbeit und eine weitere Station in ihrem Lebenslauf.
Und an diesem Einsatz für „Arme“ hatten auch die alten Mitarbeiter nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Sie nahmen die Neuen sehr wohlwollend auf. Jean Louis Plot möchte diese Art Stellen künftig nur noch so besetzen.
Winfried Baetz

Ob als handgeprägtes, manuell verpacktes Präsent am Stück oder als Lotion zum Baden: Die Seifen sind hautfreundlich, allergenfrei, ohne chemische Konservierungsstoffe (Parabene, Etoxyle, Glycole) und synthetische Farben. Alle Produkte sind vollständig biologisch abbaubar, ohne Tierversuche bewährt, und auch die Verpackung ist komplett zu recyceln. Die Savonnerie Rampal-Latour ist mehrfach ökologisch zertifiziert (Cosmebio, Ecocert).

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2010)
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