11. Mai 2010

Nach vorne offen

Von nst_xy

Nicht nur wegen der Missbrauchsfälle steht die Katholische Kirche vor großen Herausforderungen: Die Zahl der Gläubigen sinkt, es fehlen Priester, Pfarrer und Geld.
Wir sprachen mit Christian Hennecke, Regens und Leiter des Fachbereichs Missionarische Seelsorge im Bistum Hildesheim, über einen neuen pastoralen Ansatz: die kleinen christlichen Gemeinschaften. Jenseits aller Strukturdiskussionen sieht er darin einen Weg, Kirche von der Basis aufzubauen.

Herr Hennecke, hierzulande sucht man überall nach neuen Wegen für die Pastoral. Oft ist von den „kleinen christlichen Gemeinschaften“ die Rede.
Worum handelt es sich dabei?
Hennecke:
Die „kleinen christlichen Gemeinschaften“ (KCG) sind eine breite weltkirchliche Erfahrung. Hier bei uns liegt zurzeit der Schwerpunkt des Nachdenkens noch bei den neuen Strukturen der Pfarrei. Bei den kleinen christlichen Gemeinschaften geht es aber um eine Weise des Kirche-Seins, in der das gemeinsame Priestertum der Getauften gelebt werden kann – und zwar von allen! Alles unverzichtbar Institutionelle in der Kirche – der Pfarrer, die Sakramente, … – dient dazu, dass Menschen befähigt werden, diese Wirklichkeit miteinander zu leben. Dafür haben sich in Südafrika und Asien die kleinen christlichen Gemeinschaften gebildet. Wenn man sie als bloße Form der Neustrukturierung der Kirche missverstehen würde, würde das Entscheidende fehlen: der Geist des Kirche-Seins, das Leben mit dem Auferstandenen.

Dann sind die kleinen christlichen Gemeinschaften gar keine pastorale Methode?
Hennecke:
Es ist mehr als eine Methode – es ist ein pastoraler Ansatz. In den Ländern, wo er gewachsen ist, hat die Ortskirche darin einen Weg für die eigene zukünftige Entwicklung gesehen; 1991 beispielsweise die asiatischen Bischöfe. Eine solche Entscheidung hat natürlich zur Folge, dass man dann in den Bistümern konkrete Schritte zur Umsetzung überlegt. Gleichzeitig aber sind die kleinen christlichen Gemeinschaften kein Weg, den man von oben nach unten durchsetzen kann. Es geht darum, dass die tiefen Erkenntnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Kirche-Sein Leben werden. Dabei wandelt sich auch die Rolle des Priesters. Er wird derjenige sein, der den Handlungsraum für das Gottesvolk öffnet, damit Kirche wachsen kann. Das ist für mich als Priester eine positive Perspektive, aber keine Wunderwaffe, die ich einsetze, damit die Kirche nicht zugrunde geht. Dass derzeit bei uns an vielen Stellen eine bestimmte Gestalt des Christlichen zerbricht, hat auch Positives: Es schafft Offenheit für neue Wege. Und da können wir viel lernen von den Brüdern und Schwestern in der Weltkirche.

In unseren Breiten ist man Neuem gegenüber vorsichtig. Trifft das auch auf die kleinen christlichen Gemeinschaften zu?
Hennecke:
Diese Zukunft kommt uns gewissermaßen entgegen: Durch die Veränderungen in unserer Kirche stellt sich ganz neu die Frage, wie Menschen an ihrem Ort Kirche sind. Bisher fragte man immer, wie bekommen wir noch einen Priester für den Ort. In Zukunft wird es immer mehr heißen müssen: Wie wächst durch die Priester das Volk Gottes so, dass es Kirche sein kann an dem Ort, wo es lebt, und der Priester diesem Volk dient?
Das verlangt ein ziemliches Umdenken.
Hennecke: Ganz klar. Da geht es nicht mehr um das Erhalten, sondern um eine radikale Abkehr vom bisherigen Strukturdenken. Der Priester, von dem wir immer sagen, er sei der Diener am Volk Gottes, wird das dann auch wirklich werden. Sonst geht es nicht. Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen wird in einer neuen Weise zum Tragen kommen. Nicht, weil wir keine Priester mehr haben, sondern weil das Priestertum des Dienstes und das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aufeinander verwiesen sind: Es geht darum, dass die Christen in der Kraft ihrer Taufe und aus der Eucharistie Berufung, Sammlung und Sendung leben können. Dem dient das sakramentale Dienstamt. Die kleinen christlichen Gemeinschaften sind wahrscheinlich nicht umsonst dort entstanden, wo die Pastoral, wie wir sie bei uns für normal halten, gar nicht möglich war. In Afrika, Asien oder auch in Südamerika stand ein Priester 60 000 Katholiken gegenüber und musste sich fragen: Wie machen wir das? Da wird schnell deutlich: Es geht um das Priestertum der Gläubigen; alle haben Begabungen; alle bilden den Leib Christi, und dieser Leib wird genährt durch die Sakramente und das Wort. Dafür ist der Priester dringend erforderlich. Außerdem ist er gefordert, dem Volk eine Richtung zu zeigen, in die es sich entwickeln kann – in der Würde der Getauften, nicht als Helfer des Priesters.

Und wie geht das konkret?
Hennecke:
Ich glaube, dass der Pfarrer dabei eine wesentliche Rolle spielt. Er braucht aber eine weitreichende Perspektive, weil er sich auf einen Prozess einlässt, der über mehrere Jahre andauert und nicht darin besteht, Gruppen zu gründen, sondern darin, zusammen mit dem ganzen Volk Gottes – und das sind nicht nur die Kirchgänger, sondern alle! – zu entdecken, zu entwickeln und zu diskutieren, wie Kirche sein soll. Das hat viel mit Beziehungen zu tun. Deshalb geht es dabei nicht nur um den Priester, sondern um ein pastorales Team. Ohne Team geht es nicht! Denn durch die Art und Weise, wie man etwas angeht, sagt man zugleich etwas darüber aus, was man macht. Wenn also die, die diesen Prozess anstoßen, nicht den Auferstandenen unter sich leben lassen und so bezeugen, dass sie miteinander Kirche sind, können sie das auch nicht an andere vermitteln.

Und dann?
Hennecke:
Gemeinsam entwickelt man eine Vision der Kirche vor Ort, auf die man Schritt für Schritt zugeht. Die Frage ist dann, wie man diese Vision leben kann. Auch dafür braucht es das Gespräch mit den Menschen. Sie alle werden sagen, dass Kirche-Sein etwas mit Beziehung zu tun hat; dass es etwas Ortsnahes sein sollte, nicht nur, weil alle wenig Zeit haben, sondern auch, weil Menschen konkrete Beheimatung brauchen. Zu diesem Gespräch gehört auch die Frage, wie man als Kirche aus dem Wort Gottes lebt und wie man dafür sorgen kann, dass im eigenen Umfeld das Reich Gottes wächst. Das alles ist nicht völlig neu, es ist jedoch eine neue Herausforderung, alle Gläubigen, die mit auf dem Weg sind, ernst zu nehmen. Dafür braucht es das Vertrauen, dass Gott führt und dass der Heilige Geist auch in den anderen lebt! Es geht nicht darum, in fertigen Ergebnissen zu denken, sondern in nach vorne offenen Prozessen. Wir sind ja auf dem Weg zum Himmel und können ihn nicht aus uns selbst erreichen. Aber wir können Schritt für Schritt und spürend erkennen, dass der Herr mit uns auf dem Weg ist.

Und so bilden sich dann die kleinen christlichen Gemeinschaften?
Hennecke:
Kleine christliche Gemeinschaften sind lokale Verdichtungen des Kirche-Seins – in der Nachbarschaft, im Stadtviertel, dort, wo wir leben. In unserem klassischen Repertoire von Begrifflichkeiten bekommen wir das nicht zu fassen. Es ist keine Gruppe, die sich konstituiert, sondern es ist eine Wirklichkeit mit dem Herrn in ihrer Mitte, der wiederum die anzieht, die kommen wollen. Es ist also keine vertraute Gruppe und auch keine, die einer bestimmten Spiritualität folgt. Mitte ist der Herr, der im Wort der Schrift den Weg weist.

Sie leben aus dem Wort Gottes mit der Methode des Bibelteilens?
Hennecke:
Kirche entsteht aus dem Leben mit dem Wort, und das Bibelteilen ist eine einfache, aber sehr tiefe Art und Weise, wie Menschen das fruchtbar machen können, was sie mit und durch das Evangelium erfahren. Durch sieben Schritte wird ein Raum geöffnet, in dem Gott sprechen kann. Der Pfarrer hält mit den Verantwortlichen dieser lokalen Gemeinschaften Kontakt, er begleitet und fördert sie. Wenn man wie Paulus davon ausgeht, dass jeder eine Gabe hat, die er nicht nur einbringen kann, sondern einbringen muss, weil sonst dem ganzen Leib etwas fehlt, ist es die Aufgabe des Pfarrers, diese Begabten zu fördern, damit sie das tun können, wozu Gott sie ruft.

Woran erkennt man, dass eine kleine christliche Gemeinschaft auf dem richtigen Weg ist?
Hennecke:
Zunächst einmal sind es keine sich selbst bildenden Gruppen, sondern immer Teil eines Prozesses in einer Pfarrei. Es geht um einen ganz klaren Weg von der Vision, die man miteinander teilt, hin zu einer Kirche am Ort, die aus dem Wort Gottes lebt. Es gibt vier Elemente, die letztlich das Kirche-Sein ausmachen: Kirche bildet sich nicht als eine Wahlgemeinschaft von Leuten, die sich gerne mögen, sondern aus denen, die Gott ruft. Zweitens lebt Kirche immer aus dem Wort Gottes, aus der Gegenwart des Herrn, der spricht. Drittens weiß Kirche sich immer gesandt an den Ort, wo sie ist. Im Konzilsdokument ‚Gaudium et Spes’ heißt das: Die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Christen. Und der vierte Punkt: Eine kleine christliche Gemeinschaft versteht sich als Teil der Kirche und ist also immer mit der ganzen Kirche verbunden. Diese vier Merkmale kennzeichnen den Prozess, der nach vorne offen ist und von dem wir nicht wissen, wohin er uns führt.

Das ist gegen jede einseitige Strukturdiskussion.
Hennecke:
Sicher. Weil diese Diskussionen eher darauf zielen, zu bewahren. Während das, was in kleinen christlichen Gemeinschaften passiert, eine ganz klare eschatologische Perspektive hat: Wir sind vor Gott und mit Gott auf dem Weg. Es ist immer ein Weg ins Unbekannte. Aber genau das ist auch das Schöne daran, macht Lust und fordert heraus.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.
Gabi Ballweg

Weitere Infos auch zu Ansprechpartnern in den Diözesen:
www.kcg-net.de und www.asipa.ch

Christian Hennecke
Jahrgang 1961, ist seit 2006 Regens des Priesterseminars in Hildesheim und leitet seit 2008 den Fachbereich Missionarische Seelsorge. Nach dem Studium der Theologie in Münster und Rom promovierte Hennecke in Moraltheologie und war danach an verschiedenen Pfarrstellen tätig. Er ist Mitglied im Nationalteam „Kleine Christliche Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum“.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai 2010)
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