Tod als Lösung – auch für Kinder
Offener Brief an: Elio Di Rupo, belgischer Regierungschef
Sehr geehrter Herr Premierminister,
dass Minderjährige in Ihrem Land künftig aktive Sterbehilfe bekommen können, macht mir zu schaffen. Das Votum der belgischen Abgeordneten im Februar war mit 86 zu 44 Stimmmen und 12 Enthaltungen eindeutig. Dennoch finde ich es höchst bedenklich: ein Alarmsignal für unsere Gesellschaft!
Auch in Ihrem Land sind Kinder nicht geschäftsfähig und dürfen erst mit 18 strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden – mit Recht! Minderjährige können weder wählen noch heiraten. Eine so schwerwiegende Entscheidung wie die über Leben und Tod jedoch sollen sie fällen: Das passt nicht zusammen. Das ist für Zwei-, Vier- oder Zehnjährige eine Riesen-Überforderung!
Und doch sollen sie jetzt selbst bestimmen: Im Endstadium einer tödlichen Krankheit, unter Schmerzen, die nicht zu lindern sind, dürfen ihnen tödliche Medikamente verabreicht werden. Die Eltern sowie zwei Ärzte müssen zustimmen und ein Psychologe die Urteilsfähigkeit des Patienten bescheinigen.
Ihr Kind leiden zu sehen, belastet Eltern über alle Maßen. Kinder spüren das und sind bereit, aus Liebe zu ihnen in etwas einzuwilligen, dessen Folgen sie nicht überblicken können. Müssen wir Kinder nicht vor jeglichem Missbrauch schützen? Wäre es nicht angemessener, ihre Rechte zu stärken anstatt sie aufzuweichen?
Geschwister, Schulkameraden, Freunde betroffener Kinder bekommen die „Sterbehilfe“ mit: Welches Signal vermitteln wir ihnen, wenn die bedingungslose Annahme ihres Lebens wegfällt? Wie bringen wir ihnen bei, dass sie nicht Herr über das Leben anderer spielen dürfen, wenn die Erwachsenen es aber tun?
Die Ausweitung des 2002 verabschiedeten „Gesetzes zur Euthanasie“ auf Kinder, so wird ins Feld geführt, stärke die Freiheit, selbst zu entscheiden. Dabei wird übersehen, dass mit der „Erlaubnis“, seine Freiheit zu gebrauchen, aus dem Leben zu scheiden, auch die Erwartung steigt, es zu tun. Der Druck auf Ärzte, Eltern und Patienten nimmt zu. Hilfsbedürftig sein, Leid durchtragen und teilen, auf die Zeit, das Geld, die Liebe der Mitmenschen angewiesen sein und sie annehmen, scheint immer ungehöriger zu werden. So entwickelt sich unter dem Deckmantel des Mitleids und einer vermeintlichen Menschlichkeit das Gegenteil: Das Maß ist nicht die Würde des Menschen, sondern seine Leistungsfähigkeit. Ist eine Person nicht mehr produktiv, liegt sie dem Staat „nur noch“ auf der Tasche, gilt sie als nicht mehr lebenswert und wird entsorgt. Dahin, so meine Befürchtung, geht der Trend.
Eine Alternative schlagen Patientenverbände, Kinderärzte und Kirchen vor: die Angst vor den Schmerzen nehmen, die Möglichkeiten der Palliativmedizin und der behüteten Begleitung durch die Hospizbewegung fördern und bekannter machen. In der letzten, vielleicht wichtigsten Lebensphase liebevolle Nähe gewährleisten anstatt zum Töten ermuntern!
Tötung auf Verlangen ohne Altersgrenze – so weit ist bisher kein Land gegangen! Ich denke an psychisch Kranke, Alte, Menschen mit Behinderungen oder Demenz: Wie weit werden Sie, wie weit wird unsere Gesellschaft gehen?
Mit freundlichen Grüßen,
Clemens Behr
Redaktion NEUE STADT
Unser offener Brief wendet sich an Elio di Rupo, 62, Premierminister des Königreichs Belgien. Nachdem Ende 2013 schon der Senat die gesetzliche Freigabe aktiver Sterbehilfe für Minderjährige gebilligt hatte, sprach sich am 13. Februar auch das Parlament mehrheitlich dafür aus. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe stand die Unterschrift des belgischen Königs Philippe unter das Gesetz noch aus. Es wurde allgemein erwartet, dass er sie nicht verweigert.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März 2014)
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