EINSICHTEN

Die Dokumentar-Trilogie von Erwin Wagenhofer

Die Welt befindet sich im Umbruch. Alte Gewissheiten stehen auf dem Prüfstand. Zugleich entstehen globale Strukturen, deren Komplexität nicht steuerbar scheint. Zunehmend beuteln Krisen die Wirtschafts- und Sozialsysteme der westlichen Welt. Lösungen und Antworten sind rar geworden.

Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer hat es sich in einer dreiteiligen Dokumentarreihe zur Aufgabe gemacht, wesentliche Phänomene der Globalisierung zu beleuchten. Den Anfang machte 2005 sein vielgelobter erster Teil „We Feed the World“. Über sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde – alle müssten ernährt werden. Unsere Industriegesellschaften haben dafür Herstellungssysteme geschaffen, die mit natürlichen Kreisläufen nicht mehr viel zu tun haben. Diese Ernährungsindustrie könnte theoretisch alle Menschen versorgen, doch die gleichen Systeme verhindern genau dies. Selbst wenn es gelänge, muss man sich fragen, ob diese Art Nahrung herzustellen, ethisch vertretbar ist.

Im Jahr 2008 folgte der zweite Teil: „Let’s Make Money“. Ohne dass es Wagenhofer bei den Dreharbeiten ahnen konnte, stürzte im selben Jahr ein Bankencrash die Welt in eine der größten Finanzkrisen seit dem 2. Weltkrieg. Der Film traf den Nerv der Zeit. Es kann einem schwindelig werden, wenn man sich die vielen Nullen in den Zahlen klar macht, die in diesem Film vorkommen. Zehnstellige Summen werden weltweit täglich in Sekundenbruchteilen an den Börsen verschoben. Kein Mensch kann solche Geschäfte tätigen – und tatsächlich werden die meisten Finanzgeschäfte inzwischen von Computerprogrammen durchgeführt. Spekulative Finanzprodukte haben jeden Bezug zur realen Wirtschaft verloren. Wagenhofer porträtiert und entlarvt eine erschreckende Parallelwelt, die an Abstraktion kaum zu überbieten ist. Es bleibt ein fader Nachgeschmack, weil sich die Empörung über derartige Systeme im Gefühl der Ohnmacht verliert.

Ganz anders lässt einen der letzte Teil „Alphabet“ (2013) zurück. Sehr ausgewogen stellt Wagenhofer hier Bildungskonzepte und –systeme vor: vom erbarmungslosen Drill in chinesischen Schulen bis zur „schulfreien“ Erziehung in Frankreich. Es wird deutlich, wie sehr Erziehung und Bildung Menschen und damit die Gesellschaft prägen. Das Schlüsselwort ist Leistung: Ob ein Kind etwas leisten muss oder seine Talente entdecken und entwickeln kann, beeinflusst den Lebensweg dramatisch. Vor allem, wenn man die vorangegangenen beiden Filme gesehen hat, scheint hier ein Grundstein für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu liegen. Insofern kann er als gelungene Konklusion der Filmreihe gelten, die in beeindruckender Dichte sehr schwierige Themen verständlich zusammenfasst.

Ein aktueller Film greift Wagenhofers Filme übrigens auf. „Tomorrow“ (2016), gedreht von mehreren französischen Filmemachern, fügt zwei weitere Aspekte hinzu: Energie und Politik. Für alle fünf Bereiche haben die Franzosen neue Lösungsansätze und alternative Projekte jenseits globaler Strukturen gesucht – und gefunden. Ein optimistischer und Mut machender Film, der inspiriert.
Markus Thiel

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2017)
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