Fragen, verstehen, verständlich machen.

Leidenschaftlicher Blogger und bekennender Christ: Josef Bordat nimmt auf vielen Kanälen öffentlich Stellung zu aktuellen Fragen und Ereignissen. Dafür muss er auch schon mal heftige Hassbotschaften einstecken.

Es kostet nichts. Es ist kinderleicht. Und jeder kann darauf zugreifen. Zumindest wenn er ein digitales Gerät und Internetzugang hat. Das waren die Gründe, weswegen Josef Bordat vor zehn Jahren zu bloggen begann. „Damals hatte ich viele fertige Texte, aber keine Verwendung für sie. Für eine wissenschaftliche Fachzeitschrift waren sie nicht fundiert genug. Aber um sie auf der Festplatte versauern zu lassen, waren sie mir auch zu schade. Okay, dachte ich, ich fang an, sie ins Netz zu stellen. Mal gucken, was passiert.“

Fotos: privat

Ein tagebuchartiges Journal auf einer Webseite, dessen Einträge untereinander aufgelistet sind, ist ein Weblog, kurz: Blog. Der neueste Text steht oben; je weiter der Nutzer nach unten scrollt, desto älter die Beiträge. Der Begriff setzt sich aus dem englischen Wort Web für Netz, Internet und dem Anfang von „Logbuch“ zusammen. Mittlerweile ist das Angebot im Internet so riesig, dass die Leserschaft vieler Hobbyblogger kaum über ihren Bekanntenkreis hinausreicht. Damals, Anfang 2008, war das Bloggen noch weniger verbreitet und für Josef Bordat völliges Neuland. „Aber ich habe schnell reingefunden. Man muss dafür ja auch nicht viel können.“
Der heute 45-Jährige erhoffte sich, über das Bloggen ein größeres Publikum zu erreichen. „Bei Fachzeitschriften bleibt die Verbreitung in bestimmten Zirkeln. Ein Blog ist dagegen offen für alle.“ Und der Autor ist dabei sein eigener Herr. Seine Texte müssen nicht erst ein Auswahlverfahren bestehen. Kein Herausgeber, der Vorgaben macht oder mindestens zwanzig Artikel im Monat sehen will, kein Chefredakteur, der die Veröffentlichung verschiebt oder meckert: Zu kurz! Zu lang! Mehr recherchieren! Oder: Unverständlich ausgedrückt! „Da kann ich schreiben, was mir unter den Nägeln brennt, was mir tatsächlich am Herzen liegt!“
Bordat ist vielseitig interessiert und deckt ein breites Themenspektrum ab. Seine Schwerpunkte aber liegen auf philosophischem und theologischem Gebiet. „Ich schreibe über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, Glauben und Wissen, Politik, Kirche, Ethik. An den Fragen bin ich von meiner Ausbildung her nahe dran.“
Nicht immer fand Josef Bordat religiöse Fragen spannend. Groß geworden ist er in Straelen am Niederrhein, nur 17 Kilometer von Kevelaer entfernt, einem der bedeutendsten Marienwallfahrtsorte des Landes. Er war zwar Ministrant, distanzierte sich als junger Erwachsener aber von der Kirche. Zunächst machte er einen Hochschulabschluss als Wirtschaftsingenieur, dann hängte er noch ein Studium der Soziologie und Philosophie an und schloss mit einem Doktortitel ab. Es war während seiner Studienzeit in Berlin und später in Arequipa in Peru, wo er neue Anstöße für seinen Glauben bekam: Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Weltanschauungen und die tiefe Volksfrömmigkeit der Südamerikaner machten ihn nachdenklich. „Aufgrund dieser Erfahrung ist mir wichtig, meinen Glauben zu hinterfragen, ihn selbst besser zu verstehen und dann auch anderen Menschen verständlich zu machen.“
Punkte, die ihn ohnehin selbst beschäftigen oder über die gerade in der Öffentlichkeit geredet wird, greift Josef Bordat in seinen Internetbeiträgen auf. „Was bei Facebook gerade diskutiert wird, bringt mich oft auf Themen, die dann gut laufen. Also nach den letzten Wahlen: Wie geht es weiter mit der Regierungsbildung? Das Thema lässt sich öffnen hin zu Fragen wie: Ist überhaupt eine Regierung nötig? Wo kommt der Begriff Regierung her? Was bedeutet Herrschaft? Oder in letzter Zeit ist alles, was sich um Gender, Sexualität, Ehe für alle, Familienpolitik dreht, stark im Gespräch. Gerichtsurteile, neue Gesetze und Beschlüsse geben der Diskussion neuen Wind. Dann versuche ich, das einzuordnen.“ Auch vom Kirchenjahr lässt sich der katholische Blogger inspirieren, vom Evangelium oder den Heiligen des jeweiligen Tages. „Steckt darin ein Gedanke, der zu einer aktuellen Debatte passt, oder ist das eine Person, die sich vorzustellen lohnt?“ Er beobachtet zudem die christliche Medienlandschaft und reagiert auf Informationen, Gedanken, Meinungen anderer.
Gleich zu Beginn war Josef Bordat erstaunt, wie viele Klicks die Einträge bekamen. Die Zugriffszahlen ermutigten ihn, mit seinem Blog weiterzumachen und ihn systematisch zu „füttern“. Im Durchschnitt stellt er zwei Texte pro Tag ein, mal längere Abhandlungen, mal nur knappe Gedanken. „Es gibt Tage, wo ich zwölf oder fünfzehn Beiträge schreibe, dann aber auch Phasen, wo ich ein freies Wochenende habe oder mir Urlaub nehme und gar nichts ‚poste’.“ Inzwischen stehen knapp 8 000 Texte von ihm im Netz. Vor Kurzem hat er sich über den dreimillionsten Zugriff gefreut.
Der Wahlberliner erlebt, dass die Gesellschaft heute gegenüber Religion große Vorbehalte hat. Der islamistische Terrorismus habe seit 2001 zunächst zu einer verstärkten Ablehnung des Islams und dann zu einer allgemeinen Skepsis gegen Religionen geführt, ist Bordat überzeugt. Dazu sei in den letzten dreißig Jahren eine Generation herangewachsen, in der viele von religiösen Hintergründen keine Ahnung mehr haben. „Damit verbunden kommt eine Kirchenkritik wieder hoch, die schon überwunden schien. Da werden dann wieder die Kreuzzüge oder die Hexenverfolgung aufs Tablett gebracht. Manche Leute hören dann etwas, können es nicht einordnen und nur noch mit Ablehnung reagieren.“
Auch im akademischen Umfeld begegnen Josef Bordat oberflächliche Kenntnisse, Missverständnisse und Vorurteile. Gegen das negative Bild von Kirche und Religion schreibt er an. Sein Grundgerüst dafür, sagt er, ist die katholische Soziallehre und Moraltheologie. „Ob Sterbehilfe, Abtreibung oder Intersexualität: Bei all diesen ethischen Themen geht es letztlich immer um die Frage: Was ist der Mensch?“ Und da sei das christliche Menschenbild entscheidend für ihn. Auch wenn er in der Bioethik auf neue Problemstellungen nicht gleich eine Antwort parat hat. „Das wird immer komplexer, immer spezieller. Manchmal lasse ich auch die Bewertung offen, bilde nur ab, werfe Fragen auf, stelle zur Diskussion.“
Orientierung für seine Arbeit bezieht Bordat zudem aus den jährlichen Botschaften der Päpste zum „Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“. „Darin stellen beispielsweise Benedikt und Franziskus sehr schön dar, wie christliches Engagement in den sozialen Netzwerken aussehen kann: Auch in der virtuellen Welt, wenn ich in einen Kasten blicke und auf einer Tastatur schreibe, habe ich es am anderen Ende immer mit Menschen zu tun. Das sollte daher wie ein gutes Gespräch sein, mit Qualität und Kultur.“
Natürlich haben nicht all seine Artikel religiöse Aufhänger oder Bezüge. „Ich möchte auch Menschen erreichen, die nicht an christlichen Inhalten interessiert sind. Wenn sie meine Reise- oder Fußballberichte lesen, stoßen sie nebenbei auch auf die tiefgründigeren Inhalte und bleiben vielleicht hängen.“ Dort können sie ein anderes Bild von Glauben und Kirche bekommen, hofft Bordat. „Denn letztlich ist meine Bloggerei auch Verkündigung, ein missionarisches Projekt.“
Geld verdienen kann er damit nicht. Um auf die hohen Klickzahlen zu kommen, muss er über soziale Medien wie Twitter, Facebook, Pinterest auf neue Artikel aufmerksam machen. Ihr Vorteil ist der direkte Draht zu den Lesern, die die Texte „teilen“, Nachfragen stellen, kommentieren können. Ihr Nachteil: Bordat muss fast immer online sein. „Das kann zeitaufwendig und, wenn man sich auf Debatten einlässt, sehr kräftezehrend sein. Früher bin ich auf alles angesprungen, habe mich leicht provozieren lassen. Manchmal hat es mich Tage und Nächte gekostet. Mittlerweile greife ich nur noch ein, wenn ich der Meinung bin, jetzt kann ich durch einen zusätzlichen Impuls eine Diskussion in eine bessere Richtung bringen.“
Eine sachliche Auseinandersetzung mit Andersdenkenden über den Austausch von Argumenten empfindet Bordat als Bereicherung. Aber er bekommt auch üble Kommentare, die ihn persönlich angreifen. „Manche lassen gar nicht den Versuch erkennen, etwas verstehen oder darüber argumentieren zu wollen. Da geht es einzig um Hass und Hetze.“ Auf Dauer ist das eine große Belastung. Daran gewöhnt hat sich der Blogger nicht, aber Taktiken entwickelt, wie er damit leben kann. „Bestimmte Äußerungen lasse ich nicht mehr an mich heran, nehme sie nicht ernst. Wenn ich merke, hier ist nichts zu machen, es lässt sich kein Anknüpfungspunkt finden, es ist nur polemisch und aggressiv, reagiere ich nicht darauf. Dann lass ich das einfach so stehen. Aber trotzdem: Jedes Mal ist es ein kleiner Schock!“
Vor rund zwei Jahren erhielt Josef Bordat Morddrohungen per anonymisierter E-Mail. Zuvor hatte er auf einen Brandanschlag auf Haus und Besitz von Hedwig von Beverfoerde reagiert, Gründerin der „Initiative Familienschutz“ und Mitorganisatorin der „Demo für alle“. Gewalt dürfe in einer Demokratie nie eine Form der Auseinandersetzung sein, war der Tenor in seinem Artikel. Wohl weil sich auch die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bei der „Demo für alle“ engagierte, unterstellten manche Kommentare auch Bordat ein Engagement für die AfD.
Auf die Morddrohungen hin schaltete Bordat das Landeskriminalamt ein. Und verbreitete sie auf den digitalen Kanälen: „Sie öffentlich machen als Selbstschutz. Dadurch konnte ich einiges an Druck wegnehmen. Es gab viele Rückmeldungen von Leuten, die mich unterstützt haben. Das hat mir sehr geholfen, dass die gesagt haben: ‚Ja, das ist wirklich Wahnsinn! Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Klima herrscht.’ So unter Druck zu stehen, das wünsche ich niemandem!“
Bordat hat daraus gelernt. Er ist noch vorsichtiger geworden. Einmal im Jahr veröffentlicht er eine „Best of“-Liste der Hasskommentare, die er erhalten hat. „Das ist befreiend, das hat eine Ventilfunktion. Ansonsten spreche ich mit Kollegen, die ähnliche Erfahrungen machen. Der Austausch mit ihnen hilft mir.“
Josef Bordat hat in den letzten zehn Jahren unterschiedliche Jobs gemacht. Drei Jahre war er Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Er hat Bücher geschrieben. Vor einigen Wochen erschien von ihm der Titel „Von Ablasshandel bis Zölibat“, in dem er darauf abzielt, 36 Missverständnisse und Vorurteile gegenüber der katholischen Kirche zu entkräften. Seit Anfang November ist er bei der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ fest angestellt. Für ihn eine Frucht seiner Blog-Arbeit, die ihm eine gewisse Aufmerksamkeit beschert hat. Er ist zuständig für die Bereiche Weltkirche, Medien und Wirtschaft. Vor allem aber ist er Onlineredakteur. „Ich bin für den Internetauftritt verantwortlich, für das Team, das daran sitzt. Wir wollen die Seite neu aufstellen. Und gebloggt wird dort jetzt natürlich auch.“
Clemens Behr

www.jobo72.wordpress.com

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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