Fülle weitergeben

Schenken ist eine von vielen Ausdrucksformen, anderen zu zeigen, dass man sie wahrnimmt, dass einem an ihnen liegt. Davon ist Gisela Meyer überzeugt.

Zur Person:
Gisela Meyer lebt in Neuried im Münchner Südwesten. Die Sozialpädagogin ist jetzt in Rente und ehrenamtlich aktiv. Geschenke auszusuchen, sie so richtig schön zu verpacken und anderen zukommen zu lassen, ist ihr eine echte Herzensangelegenheit.

Vielleicht habe ich deshalb so viel Freude am Schenken, weil ich damit ganz konkret ausdrücken kann, dass ich dem anderen meine Aufmerksamkeit gönne, ihm Zeit schenke, auf seine Bedürfnisse eingehe, hinhöre auf das, was er mir im Gespräch signalisiert. Schenken kann auch bedeuten, Zeit zu geben, einen anteilnehmenden Brief als Kondolenz zu schreiben oder mich in der Pfarrgemeinde bei Festen einzusetzen. Es geht also nicht nur um materielles Geben und es kommt mir nicht auf den Wert an – schließlich muss ich mich als Rentnerin an meinen finanziellen Mitteln orientieren. Oft kann ich auch mit kleinen Geschenken, auch praktischer Art und liebevoll verpackt, große Freude bereiten.
Weshalb ich schenke, bringt ein altes Sprichwort auf den Punkt: „Die Freude, die man gibt, kehrt ins eigene Herz zurück.“ Psychologen würden heute vielleicht sagen: Schenken macht glücklich! – Mir gibt es die Möglichkeit, etwas von der Fülle, die ich in meinem Leben erfahre, weiterzugeben: dass Gott und Menschen mich lieben.
Dass ich das „richtige“ Geschenk getroffen habe, sehe ich, wenn es den anderen erfreut, er entdeckt, wie gut es ihm tut oder dass er es gerade bestens gebrauchen kann. So ist vielleicht ein Päckchen Servietten für einen festlichen Mittagstisch wertvoll oder ein Obst-/Gemüsenetz zum Einkaufen. Manchen freut ein kleiner Schutzengel in Form eines Einkaufswagenchips. Als ich den meinem Geburtstagsbrief an einen Arzt beilegte, bedankte er sich und meinte, der Chip bewahre ihn nun vor unüberlegten Einkäufen!
Manchmal kommen meine Geschenke nicht an. So wollte ich einer jungen Familie zur Geburt des ersten Kindes einen Strampler schenken. Die Mutter hat mir diesen wieder in den Briefkasten geworfen. Das traf mich sehr, machte mich wütend und traurig, doch mit der Zeit kam ich zu dem Schluss, dass die junge Frau wohl generell Probleme mit Menschen hat. – Dieses Erlebnis hat mich sensibilisiert, noch besser zu bedenken, ob meine Geste den anderen überfordert oder ihn in Bedrängnis bringt.
Nicht immer bekomme ich eine Reaktion auf ein Geschenk und ich bemerke, dass es manchem auch schwerfällt DANKE zu sagen. Wenn mir da der Gedanke kommt: „Der könnte sich auch mal bedanken“ ist das eine Art „Weckruf“, echt, ohne Erwartungen zu schenken.
Und ja, ich nehme auch gern Geschenke entgegen, freue mich über ein Lob, eine Geste, eine konkrete Gabe. Was mir Probleme bereitet, sind Menschen, die schenken, damit etwas gegeben ist, ohne sich dabei zu überlegen, ob eine Weinflasche oder Pralinen angebracht sind. Doch letztlich ist es wohl ihre Art, Gutes tun zu wollen. Manche übertreiben auch beim Schenken, wollen immer mehr geben als andere. Ich selbst habe es mir zum Prinzip gemacht, dass ich nicht aufrechne, nicht vergleiche, sondern meinen Gegebenheiten angepasst schenke. So habe ich jemand, der mir einen 70 Euro-Gutschein zum Abendessen geschenkt hatte, „nur“ eine kleine Laterne geschenkt, die aber richtig gut in die neue Wohnung passte.
Gisela Meyer

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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