Revolution mit Kerzen und Gebeten

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution: Was eine in Berlin lebende gebürtige Leipzigerin heute dazu bewegt, was ihr geblieben ist und woran sie noch „ knabbert“.

„Bin ich wach oder träume ich das alles nur?“, fragte ich mich, als ich am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz stand, zusammen mit fast einer Million DDR-Bürgern, und öffentlich ausgesprochen wurde, was ich bis dato nur in den vertrauten Räumen meiner Pfarrgemeinde oder zu Hause im Freundeskreis diskutierte. „Bin ich wach oder träume ich?“, dachte ich eine Woche später, als ich zum ersten Mal auf dem Kurfürstendamm in West-Berlin stand. Biblische Bilder gingen mir durch den Kopf: Das war wie bei Josua, der mit seinen Leuten sieben Wochen um die Mauern Jerichos zog, bis diese einstürzten. Sieben Wochen lang waren auch die Leipziger Demonstranten durch die Innenstadt gezogen, bis die Mauer einstürzte.

Bild: (c) FrankRamspott (iStock, bearbeitet von elfgenpick.de)

Im Schicksalsjahr 1989 strahlten die Demonstranten von Leipzig, Plauen oder Berlin so viel Kraft und Hoffnung aus, dass sie andere anstecken konnten, mutig zu werden und endlich aufzuhören, mit „gespaltener Zunge“ zu reden. Volkspolizisten und Sicherheitsbeamte versuchten alles, ihnen den Mund zu verbieten und die Wege zu versperren in die Leipziger Nikolaikirche oder die Gethsemanekirche in Berlin. Vergebens, die Kirchen verwandelten sich in „Wallfahrtsorte“ Kerzen tragender DDR-Bürger.
Was in den Kirchen begonnen hatte, setzte sich auf der Straße fort. Das war für mich eine der spannendsten Erfahrungen des Herbstes 1989. „Religion ist Privatsache“, hieß das Mantra der DDR-Ideologen. Beten in der Kirche ja, aber nicht auf dem Markplatz. Doch der Glaube ist kein Hobby für spirituell Begabte. Wo der Geist Gottes die Menschen ergreift, wird Unmögliches möglich, da geschehen Wunder. Themen wie Frieden, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Umweltschutz führten Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen zusammen. Die Freuden und Sorgen, Ängste und Hoffnungen wurden geteilt in Friedens- und Umweltgruppen, Kirchengemeinden, Gesprächen mit Kollegen und Freunden, die immer mutiger geführt wurden. Im Sommer 1989 schlossen wir nicht mehr die Balkontüren, wenn wir im Hauskreis unserer Pfarrgemeinde darüber diskutierten, was die richtige Entscheidung wäre: Die DDR verlassen, um unseren Kindern eine Zukunft in Freiheit zu ermöglichen, oder bleiben und für Veränderungen kämpfen?

Klugheit und Gebete
Ich bin überzeugt: Ohne die Christen und ihr Handeln nach Grundsätzen, die ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln in der Heiligen Schrift haben, wäre die Revolution nicht friedlich verlaufen. Dass sie ohne Blutvergießen geschah, ist eines ihrer Wunder. Ich erinnere mich an den 1. September 1989: Wir hatten den Weltfriedenstag in meiner Pfarrgemeinde mit einem Gottesdienst begangen. Mit brennenden Kerzen zogen wir danach auf den Kirchplatz – und wurden von Volkspolizisten in Empfang genommen. „Machen Sie sofort die Kerzen aus“, herrschten sie uns an. Was tun? Die Jugendlichen begannen zu diskutieren: Wo denn geschrieben stünde, dass man nicht mit einer Kerze in der Hand herumstehen dürfe, fragten sie die Polizisten. Deren stereotype Reaktion: „Machen Sie sofort die Kerzen aus.“ Junge Menschen sind aber nicht so leicht zu disziplinieren wie Familienmütter, die an ihre Kinder denken. Der Chorleiter hatte dann die zündende Idee: Er stimmte den Kanon „Dona nobis pacem“ an, hängte noch ein paar Kirchenlieder an, die wir auswendig konnten – die Atmosphäre entspannte sich. Unser Pfarrer ging zu den Jugendlichen und regelte deren erhöhte Betriebstemperatur runter, indem er sie ins Pfarrhaus einlud. Sie wussten, dass man dort über alles sprechen konnte, und ließen sich auf sein Angebot ein.
Auf die Kraft des Gebets haben viele vertraut, besonders in den dramatischen Tagen um den 7. Oktober 1989: Eines Nachts rief mich meine Freundin an. Ihr Sohn war nach dem Montagsgebet in der Gethsemanekirche noch nicht zu Hause. Es war gegen Mitternacht, solange dauerten weder Gottesdienst noch Demonstration; schließlich gingen die Demonstranten am nächsten Morgen zur Arbeit. Gebetet und demonstriert wurde nach Feierabend. Wo also blieb Fabian? War er auf einen Lastwagen gezerrt und „zugeführt“ worden? Ich versprach zu beten. Und andere anzurufen, die mitbeten konnten. Zum Beispiel einen Pfarrer, den ich gut kannte. Ganz verschlafen meldete er sich am Telefon. Ich erzählte vom vermissten Sohn. Der Pfarrer versprach, sofort in die Kirche zu gehen, zu beten und eine Kerze anzuzünden. Eine Stunde später dann die „Entwarnung“: Fabian war wieder da. Um dem Polizeiaufgebot zu entkommen, hatte er sich auf Umwegen nach Hause geschlichen. Seine Klugheit und unser Beten hatten ihn vor Unheil bewahrt.

Gebrochene Biografien
Nun, dreißig Jahre danach. Es war einmal eine DDR. Sie ist abgeschlossen, erledigt. Nicht aber die Biografien ihrer Bürger. Die sind gebrochen. Wie steigt man daraus um in die andere, die neue Lebenswelt? Die Gefängnistore gingen auf, und von heute auf morgen war fast alles anders, angefangen von den „Schrippen“ (1) bis hin zur Brauchbarkeit meines Diploms auf dem Arbeitsmarkt. Es kränkt, wenn Bildungsbiografien durchgestrichen werden, so als taugten sie nicht für die neue Zeit. Merke: Mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ändert sich das moralische Urteil über die zurückgelegte Lebenszeit. Und weil der christliche Verlag, für den ich tätig war, nicht mithalten konnte mit den Hochglanzpublikationen westlicher Konkurrenz, wurde er Anfang der 1990er Jahre liquidiert und ich arbeitslos. Dank einer Umschulung sowie einer Beschäftigungszusage durch das Erzbistum Berlin kam ich beruflich und finanziell wieder auf eigene Füße.
Auch die kirchliche Wirklichkeit veränderte sich. Vertraute Strukturen und Traditionen des Gemeindelebens begannen zu bröckeln. Gemeindemitglieder zogen weg, der Arbeit nach. Die „Pfarrfamilie“, die mir zur Glaubensheimat geworden war, brach weg. Die Wirklichkeit einer westlich sozialisierten Gemeinde mit ihren Vereinen und Verbänden fühlte sich fremd an.
Dennoch: Die Gründe, mich zu freuen, lassen Jammern nicht zu. Ich freue mich nach wie vor darüber, sprechen und schreiben zu können, ohne die zweifelhafte Fähigkeit der „gespaltenen Zunge“ bemühen zu müssen. Ich habe unterscheiden gelernt zwischen meinem Leben in der DDR, meiner Geschichte zwischen erstem Kuss und erstem Trabi und der Bewertung dieses Staates. Diktatur bleibt Diktatur, auch wenn man in ihr Kinder gebären, Häuser bauen und Apfelbäume pflanzen kann. Und ich erinnere an alle, die das nicht konnten. Denen das Lachen verging im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen oder im Bautzener „Gelben Elend“ (2). Dass dies alles vorbei ist, lässt mich jubeln wie den Psalmisten des Alten Testaments: „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel.“ (3)

1 Berlinisch für Brötchen, Semmel, Weck
2 So wurde in Anspielung auf die gelben Klinkerfassaden die Haftanstalt Bautzen I bezeichnet.
3 Psalm 126,1-2

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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