„Das ist für dich!“

Schenken ist ein komplexes Geschehen und nicht einfach. Warum man es sich trotzdem nicht schenken sollte.

Wir nähern uns der Zeit des Jahres, in der das Schenken Hochkonjunktur hat. Immer häufiger werden wir uns der Frage stellen müssen, ob wir schon alle Geschenke haben. Und absolut ultimative Geschenk-Vorschläge werden aus TV, Radio, Internet, von Plakatwänden und großformatigen Anzeigen pausenlos auf uns einprasseln. In unserer Umgebung werden wir auch wieder die unterschiedlichsten Verhaltensmuster darauf beobachten können: Die einen lieben es, sich ins Getümmel zu stürzen; andere zelebrieren das Schenken richtiggehend; Kinder schreiben Wunschzettel wie Einkaufslisten. Dann sind da noch diejenigen, die sich allem entziehen möchten und dann – vielleicht in letzter Minute – doch etwas besorgen, weil man es halt so macht; und auch die, die versuchen, sich innerlich abzuschotten, sich keinesfalls der Kommerzialisierung unterwerfen möchten.

Illustration: (c) TopVectors (iStock)

Natürlich hat der ausgeprägte Weihnachtsrummel eine stark marktwirtschaftliche Komponente, die weit weg führt vom eigentlichen Sinn des Festes. Und natürlich liefert das Weihnachtsgeschäft in vielen Branchen den größten Umsatz; manche Geschäfte könnten ohne die dort erzielten Umsätze nicht überleben. Ebenso klar ist, dass die Werbung überdimensionale Wünsche weckt, Konsumzwang bis hin zum Stress entsteht, der nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern auch bei vielen anderen Anlässen wie Valentins-, Mutter- oder Vatertag wirksam wird: besser, schöner, außergewöhnlicher.
Aber ganz abgesehen von Jahreszeit, Anlässen, Werbung: Wer kann sich schon der besonderen Wirkung entziehen, wenn ganz unverhofft und unerwartet jemand sagt: „Das hab ich gesehen und dabei an dich gedacht!“ Egal, ob „das“ dann verpackt ist, persönlich überreicht wird, im Briefkasten oder vor der Tür liegt, egal, wie groß oder klein „das“ ist, wie nützlich oder überflüssig – solche Gesten sind entwaffnend. Genauso wenig vergisst ein Schenkender wohl den Moment, wo er mit seiner Gabe ein Strahlen ins Gesicht eines Menschen gezaubert hat. Denn auch wenn sich das Schenken rein wirtschaftlich für den einzelnen nicht lohnt – es macht auf jeden Fall glücklich. Forscher aus Zürich haben in einem Test herausgefunden, dass das Geben und Glücksgefühle im Gehirn eng miteinander verbunden sind. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Freude beim Schenken ist keine Sache des Vermögens, sondern kann schon mit kleinen Aufmerksamkeiten ausgelöst werden.
Schenken und beschenkt werden. Es gehört zusammen. Und es ist wohl ein Grundbedürfnis im Menschen – zu geben und zu empfangen. So kennt man den Brauch Geschenke zu überreichen in allen Kulturen und seit ewigen Zeiten. Menschen brauchen Zeichen, Konkretes, Fassbares – auch um einander Wertschätzung, Liebe, Anerkennung, Freundschaft auszudrücken. Durch Geschenke werden Beziehungen gefestigt und Bindungen geschaffen. Kinderpsychologen unterstreichen, dass es ein bedeutender Entwicklungsschritt des etwa fünfjährigen Kindes ist, Dinge, die es eigentlich ganz allein besitzen will, mit anderen zu teilen oder gar zu verschenken. Und: Weil sie von Erwachsenen abhängig sind, fühlen Kinder sich hilflos, ohnmächtig und befürchten zu kurz zu kommen oder vergessen zu werden, wenn sie beim Verteilen von Geschenken übergangen werden oder später an die Reihe kommen. Wer jedoch selbst etwas zu verschenken hat, ist nicht mehr das hilflose Kind.
Früher hat man Geschenke nicht gekauft, sondern selbst gefertigt. Da hat der Schmied sein schönstes Messer einem Freund oder Geschäftspartner geschenkt, der Töpfer sein feinstes Geschirr seiner Verlobten verehrt. Die Menschen haben – im eigentlichen Sinn des Wortes – etwas von sich gegeben. Heute ist das meist anders, auch wenn man eine Rückkehr zum Selbstgemachten beobachten kann. Meist jedoch wird in modernen Gesellschaften etwas gekauft, das andere hergestellt haben. Das, was man dabei von sich gibt, sind dann die Gedanken, das Bemühen, die Zeit, die man investiert, um dem Beschenkten eine Freude zu machen. Interessant in diesem Zusammenhang, dass amerikanische Forscher herausgefunden haben, dass Geschenke oft mehr Freude beim Beschenkten auslösen, wenn sie auch etwas über den Schenkenden selbst aussagen – und nicht ausschließlich am Beschenkten Maß nehmen.
Geschenke zu finden ist oft gar nicht leicht. Für manchen ist es eine richtige Qual. Es gibt aber ebenso Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sie anzunehmen. Wer ein Geschenk bekommt, sieht sich schnell in einer Art Bringschuld und hat das Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Man möchte dem anderen nichts schuldig bleiben.

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Beim Schenken kann man sich auch richtig übernehmen. Davon erzählen nicht nur die Berichte von Schuldnerberatungsstellen, die vor allem auf die Gefahr von stark überhöhten Ausgaben für Geschenke hinweisen. Schon manche Indianerstämme im nordwestlichen Amerika haben sich durch Geschenke fast um ihre Existenz gebracht. Beim „Potlatch“, dem „Fest des Schenkens“ war es üblich, in ritueller Weise Geschenke auszutauschen. Je wertvoller und erlesener die gereichten Gaben ausfielen, desto bedeutender galt die Position und Abstammungslinie dessen, der die Geschenke vergeben hat. Das artete teilweise in einem wahren Geschenkekrieg aus, bei dem einer den anderen immer wieder zu überbieten suchte – und sich dabei ruinierte.
Schenken umfasst viele Facetten. In jedem Fall gibt man dabei etwas von sich preis. Damit ist immer auch ein Risiko verbunden, weil man nicht weiß, wie die Gabe, das was man von sich gibt, aufgenommen wird. So bleibt es ein Vertrauensakt, etwas (von sich) zu verschenken – und sich selbst zu verschenken erst recht. Das ist leichter, wenn man den anderen gut kennt, die Vertrauensbasis stark ist und man auf Gegenseitigkeit hoffen kann. Ob der Sprung dann nicht ins Leere, sondern in ein tragfähiges Netz führt, bleibt aber eine Unsicherheit. Wer aber einmal die damit verbundene Fülle und das Glücksmoment erfahren hat, wird auch immer die Sehnsucht danach in sich tragen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/ Dezember 2019)
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